Mirror-Touch-Synästhesie: extremes Mitfühlen

28. Januar 2020
Mirror-Touch-Synästhesie ist ein interessantes Phänomen, das erst vor Kurzem entdeckt wurde. Menschen, die diese Fähigkeit haben, können die Empfindungen spüren, die andere Menschen erleben. Ist das nicht faszinierend?

Jeden Tag kommen wir mit vielen anderen Menschen in Kontakt, aber wie tief ist unsere Verbindung wirklich? Meistens ist es nicht einfach, sich wirklich intensiv mit anderen zu verbinden. Allerdings ist für Menschen mit Mirror-Touch-Synästhesie genau das völlig normal. Sie können die Gefühle anderer Menschen am eigenen Körper nachempfinden.

In unserem heutigen Artikel wollen wir diese besondere Form der Verbindung näher betrachten. Zuerst werden wir dir erklären, was eine Synästhesie ist und anschließend werden wir uns genauer mit den Merkmalen der Mirror-Touch-Synästhesie beschäftigen. Außerdem werden wir dir sagen, wie Wissenschaftler dieses Phänomen messen.

Was ist Synästhesie?

Mirror-Touch-Synästhesie - Gehirn aus dem Farben austreten

Kannst du dir vorstellen, Musik in Farben zu hören? Oder kannst du dir vorstellen, dass du Worte schmecken kannst? Genau das ist es, was Menschen mit Synästhesie tun können.

Das bedeutet, dass bei einer Synästhesie eine sensorische Veränderung vorliegt. Dabei verursacht die Stimulation eines Sinnes typische Empfindungen eines anderen Sinnes. Obwohl das Phänomen merkwürdig erscheinen mag, ist diese Art des Fühlens weder pathologisch noch wird sie durch eine Krankheit verursacht.

Darüber hinaus gibt es verschiedene Arten von Synästhesien:

  • Graphem-Farb-Synästhesie. Hierbei sind die einzelnen Buchstaben oder Zahlen immer mit einer bestimmten Farbe verbunden. Beispielsweise assoziieren Synästheten ein „a“ mit Rot, „b“ mit Gelb und „c“ mit Grün.
  • Musik-Farben-Synästhesie. Dies ist die Fähigkeit, einen Ton zu hören und ihn mit einer bestimmten Farbe zu verknüpfen.
  • Lexikalisch-gustatorische Synästhesie. Bei dieser Form der Synästhesie assoziieren Synästheten Worte mit einem bestimmten Geschmack. Sie verbinden also Worte mit Aromen.
  • Personifizierungs-Synästhesie. Wenn Menschen die Persönlichkeit von Buchstaben und Zahlen wahrnehmen können.

Da das Gebiet der Synästhesie zunehmend erforscht wird, wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien durchgeführt. Die Mirror-Touch-Synästhesie wurde im Jahr 2005 entdeckt.

Merkmale der Mirror-Touch-Synästhesie

Mirror-Touch-Synästhesie bedeutet, dass ein Mensch eine Berührung spürt, nachdem er beobachtet hat, dass ein anderer Mensch berührt wurde. Ist das nicht ein wirklich erstaunliches Phänomen?

Nachfolgend findest du die Hauptmerkmale dieser faszinierenden Form der Synästhesie:

  • Die Aktivierung des somatosensorischen Cortex erzeugt ein Gefühl der Berührung.
  • Menschen, die eine Mirror-Touch-Synästhesie haben, empfinden diese Berührung genau so, als würde jemand sie tatsächlich berühren.
  • Bewusstsein ist die Voraussetzung, um zu erkennen, dass die Mirror-Touch-Synästhesie eine bewusste Erfahrung ist.
  • Diese Reaktion wird meistens durch einen Reiz ausgelöst, der sich von den üblichen unterscheidet.
  • Außerdem treten diese Empfindungen automatisch auf, ohne dass der Betroffene vorher darüber nachdenkt oder daran denkt.

Da es viele verschiedene Theorien über die Ursachen dieser Form der Synästhesie gibt, wollen wir dir nachfolgend die drei wichtigsten nennen:

  • Spiegel-sensorisch. Diese Theorie geht davon aus, dass Menschen eine Mirror-Touch-Synästhesie haben, wenn somatosensorische Spiegelsystemaktivierungen unterhalb der normalen Schwelle auftreten.
  • Theorie des visuellen und somatosensorischen Systems. Diese Theorie geht davon aus, dass bei den betroffenen Menschen das visuelle System direkt mit dem somatosensorischen System verknüpft ist.
  • Bimodale Zelltheorie. Hierbei geht man davon aus, dass bei den Betroffenen bimodale Zellen (für taktile und visuelle Reize) aktiviert werden, wenn sie eine Berührung beobachten.

Außerdem werden Spiegelneuronen erforscht, die bei Menschen mit Mirror-Touch-Synästhesie anscheinend häufiger vorkommen. Während bei nicht-synästhetischen Menschen lediglich imitierende Reaktionen aktiviert werden, erleben Synästheten reale eigene Empfindungen.

Daüber hinaus scheint es auch einen Zusammenhang zwischen Mirror-Touch-Synästhesie und Empathie zu geben. Da bei diesen Menschen die Spiegelsysteme offensichtlich aktiver sind, können sie daher auch ein höheres Maß an Empathie entwickeln.

Kann man Mirror-Touch-Synästhesie messen?

Mirror-Touch-Synästhesie - Mann und Frau halten sich die Hand

Es gab einige Studien, in denen Forscher versucht haben, diese Art der Synästhesie mit verschiedenen Methoden zu messen, um sie besser verstehen zu können. Zu diesem Zweck haben sie unter anderem Magnetresonanztomographie und thermographische Methoden eingesetzt. Diese Wissenschaftler haben dazu beigetragen, dass wir heute mehr über die Mirror-Touch-Synästhesie wissen.

Blakemore, Bristow, Bird, Frith und Ward haben in einem Artikel mit dem Titel „Somatosensorische Aktivierungen während der Beobachtung von Berührung und ein Fall von Vision-Touch-Synästhesie“, der später im Journal of Brain and Neurology (Fachzeitschrift über das Gehirn und Neurologie) veröffentlicht wurde, ihren eigenen Versuchsaufbau beschrieben. Mittels Magnetresonanztomographie (MRT) untersuchten sie das neuronale System, das an der Wahrnehmung von Berührungen beteiligt ist.

Dazu untersuchten die Wissenschaftler 12 Personen ohne Synästhesie und eine weitere Frau mit Mirror-Touch-Synästhesie, die sie „C“ nannten. Anschließend analysierten sie die neuronale Aktivität, die bei den Probanden auftrat, während sie Berührungen an Hals und Gesicht beobachteten. Die Forscher wollten die somatosensorische Typographie aller Probanden untersuchen.

Aufgrund ihrer Analysen stellten sie fest, dass sich die Aktivierungsmuster von „C“ von denen der Kontrollgruppe (ohne Synästhesie) in drei Merkmalen unterschieden:

  • Die Aktivierungen im somatosensorischen Cortex waren signifikant stärker.
  • Darüber hinaus leuchtete der linke prämotorische Cortex bei „C“ wesentlich heller auf als bei den Probanden ohne Synästhesie.
  • Außerdem war bei „C“ die Insula aktiviert, was bei den anderen Probanden nicht der Fall war.

Mit diesen Messungen konnten die Forscher nachweisen, dass „C“ ein Spiegelsystem für Berührungen besitzt, das über der Schwelle für eine bewusste taktile Wahrnehmung liegt.

Darüber hinaus hat Elvira Salazar im Rahmen ihrer Dissertation analysiert, ob die Beobachtung schmerzhafter taktiler Reize eine körperliche Asymmetrie im Thermogramm des Beobachters verursacht. Dazu hat sie diese Asymmetrie mit Hilfe von Thermographie, einer Methode zur graphischen Aufzeichnung von Temperaturen, untersucht.

Warum?

Weil unter normalen Bedingungen eine Symmetrie vorherrschen sollte, es sei denn, es liegt eine Erkrankung vor. Daher wollten die Wissenschaftler wissen, ob die Beobachtung von Schmerz und Berührung eine Asymmetrie in der Thermographie verursachen könnte.

Auf diese Weise konnten sie eine objektive Methode entwickeln, die thermische Asymmetrie, mit der sie die physiologischen Manifestationen der Mirror-Touch-Synästhesie zusätzlich messen konnten. Diese Messungen ergänzen die messbare Gehirnaktivität, subjektive Empfindungen und verhaltensbezogene Aspekte.

Die taktilen Empfindungen, die Synästheten nach der Beobachtung anderer haben, sind so intensiv, dass sie tatsächlich empathischer sind als andere Menschen. Was für eine großartige Möglichkeit, sich mit anderen Menschen zu verbinden! Wir hoffen sehr, dass es noch weitere Studien geben wird, die uns die faszinierende Welt der Synästhesie näherbringen werden, um noch mehr über dieses Phänomen zu erfahren.

  • Blakemore, S.J. Bristow, D., Bird, G., Frith, C., & War, J. (2005). Somatosensory activations during the observation of touch and a case of vision touch synaesthesia. Brain, 128 (7), 1571-1583.
  • Salazar, E. (2012). Aplicación de la termografñia a la psicología básica. Tesis doctorral. Universidad de Granada.