Reaktive Bindungsstörung: Fass mich nicht an!

8. Juni 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Reaktive Bindungsstörung - Junge weint, meidet aber den Kontakt zur Mutter

Zuneigung ist eine Art von affektiver Bindung, die du als Kind entwickelst. Wenn diese Entwicklung gestört ist, weil die Bedürfnisse eines Kindes nicht gestillt werden, können sich ungünstige Bindungen ergeben. Die reaktive Bindungsstörung ist eine derart ungünstige Bindung und sie ist gekennzeichnet durch eine emotionale und affektive Hemmung, die Kinder gegenüber ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten empfinden.

Es ist seltsam, wenn ein Kind keinen Kontakt sucht oder diesen gar aktiv vermeidet, als ginge von seinen Eltern eine Gefahr aus. Kein Kind wird mit diesem Empfinden geboren. Es ist etwas, in das sie hineinwachsen, basierend auf der Umgebung, in der sie sich befinden. In Fällen der reaktiven Bindungsstörung handelt es sich dabei wahrscheinlich um eine völlig unstrukturierte Umgebung, die für sie toxisch ist.

„Die Vorgeschichte eines Kindes bestimmt, wie es sich in der Welt fühlt.“

Charo Blanco

Junge sitzt auf einer Couch und schaut zum Fenster hinaus

Welche Umgebungen provoziert eine reaktive Bindungsstörung?

Wenn wir von einer reaktiven Bindungsstörung sprechen, sprechen wir von einem Umfeld, das die Grundbedürfnisse eines Kindes nicht stillt. Diese Bedürfnisse können sein:

  • Nahrung
  • Schlaf
  • Sicherheit
  • Schutz
  • Kontakt zu anderen Menschen

Ein Beispiel dafür sind Eltern, die sich nicht um ihr Kind kümmern, wenn sie wegen Hunger oder Kälte schreien. In gewisser Weise vermitteln sie ihrem Kind, dass das Zeichen der Hilfe, das dieses sendet, nutzlos sei. Sie achten nicht auf die elementarsten Forderungen ihres Kindes. Deshalb entwickelt ihr Kind ein Verhalten, in dem es keine Energie für derartige Forderungen verschwendet. Das verbessert seine Chancen, dass es in der Umgebung überlebt, in der es sich befindet.

Aber welche anderen Situationen können noch zu dieser Störung führen?

  • Wächter ohne elterliche Fähigkeiten: Sie sind nicht auf die Elternschaft vorbereitet. Sie haben keine Ahnung, was zu tun ist, und bemühen sich nicht, mit ihrem Kind zu lernen. Sie bleiben einfach bei dem, was sie bereits wissen – aber das ist nicht genug.
  • Wächter, die ihre Gefühle nicht ausdrücken: Niemand hat ihnen gezeigt, wie sie ihre Gefühle ausdrücken können, oder traumatische Erlebnisse haben sie dazu veranlasst, das Gegenteil zu tun: Sie weichen ihren Emotionen aus. Das Ergebnis ist, dass sie nicht wissen, wie sie ihre Zuneigung zum Kind zeigen sollen. Sie wissen nicht, wie sie ihre Liebe zu ihrem Kind ausdrücken sollen, weshalb sie bei diesem auch nicht ankommt.
  • Physische oder psychische Gewalt: Wir sprechen speziell über Gewalt durch Eltern oder andere Vormünder. Es könnte sich dabei um körperliche Gewalt gegen das Kind oder sogar sexuellen Missbrauch handeln.
  • Waisenkinder: Wenn Kinder sich wiederholt an neue Umgebungen anpassen müssen oder in einem Waisenhaus aufwachsen, kann das bedeuten, dass sie keinen Anschluss finden. Es führt zu Unsicherheit und einem Gefühl der Verlassenheit.

Kinder mit reaktiver Bindungsstörung vermeiden jeglichen Kontakt mit ihrem Vormund. Sie sind nicht in der Lage, Gefühle und Emotionen auszudrücken. Sie suchen zu niemandem den Kontakt, wenn sie Schmerzen haben, und sie fühlen sich oft verunsichert oder haben Angst.

Kinder, die eine reaktive Bindungsstörung aufweisen, vermeiden den Kontakt zu ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten. Sie tun das, weil sie gelernt haben, dass sie, egal was sie versuchen, niemals das bekommen, was sie brauchen. Ein Mangel an Zuneigung und körperlichem Kontakt macht es ihnen zudem schwer, ihre Gefühle auszudrücken. Sie werden selbstgenügsam und lehnen alles ab, was sie jemals verletzt hat. Es gibt keine bereichernde Bindung für sie. Sie wurden und haben sich nie wertgeschätzt. Sie entwickeln die reaktive Bindungsstörung daher in dem Versuch, sich an die Umwelt anzupassen, in der sie groß werden müssen.

Trauriges Mädchen

Zurück zu deinen Wurzeln: gesunde Bindungen schaffen

Das alles lässt dich wahrscheinlich verwundert aufblicken: Wenn das, was in unserer Kindheit passiert, solch eine Spur hinterlässt, gibt es dann irgendeinen Weg, die reaktive Bindungsstörung zu beheben? Die Antwort auf diese Frage lautet ja. Aber es ist sehr schwierig, weshalb man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollte.

Falls der Betroffene noch nicht erwachsen ist, müssen eine entsprechende Schulung und eine Veränderung seiner Umwelt ebenfalls Teil des Behandlungsplans sein. Der Vater, die Mutter oder der gesetzliche Vormund müssen die Verantwortung für einen Prozess übernehmen, der lange dauern wird. Aber er kann großartige Ergebnisse bringen. Es geht darum, eine starke, feste Bindung zu schaffen. Eine sichere Bindung. Daher ist es äußerst wichtig, an dem Selbstwertgefühl und den sozialen Fähigkeiten des Kindes und der Erziehungsberechtigten zu arbeiten.

Funktioniert das wirklich? Vielleicht lernt das Kind einfach, effektiv mit Werkzeugen umzugehen, die ihm das gewünschte Resultat bringen? Entsteht wirklich eine tiefere Bindung? Können wir Fortschritte im Empfinden von Zuneigung anhand der Verhaltensweisen sehen, die es zeigt?

Hier kommt die kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz, die sich auf eine kognitive Umstrukturierung konzentriert. Es hat sich bewährt, die kognitiven Dysfunktionen zu beheben, die verhindern, dass Kinder gesunde Bindungen eingehen. Das ist eine ermutigende Tatsache, besonders für all jene, die in unstrukturierten Familien aufwuchsen und eine reaktive Bindungsstörungen entwickelt haben.

Ein Kind mit einer reaktiven Bindungsstörung braucht Zeit, um zu lernen, dass sein Vormund bereit und willens ist, zu helfen. Sie müssen immer noch lernen, dass sie sich auf jemanden verlassen können.

Kinder und Eltern

Ein Kind zu haben und eines aufzuziehen, sind zweierlei. Die Verantwortung liegt immer bei den Eltern oder Erziehungsberechtigten. Kinder sind keine Objekte. Sie sind Menschen, die aus ihren frühesten Beziehungen lernen und die gleichen Interaktionsmuster in der Zukunft wiederholen werden.

Wenn du dich bemühst, ihre Basis der Zuneigung in dieser weiten Welt zu sein, dazuzulernen und um Hilfe und Unterstützung zu bitten, wenn es nötig ist, wirst du in der Lage sein, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Du kannst dann verhindern, dass deine Kinder eine reaktive Bindungsstörung entwickeln.

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