Miniserie "Das Damengambit": viel mehr als nur Schach

Diese Miniserie hat das Publikum ohne Gewalt erobert. Hast du sie bereits gesehen?
Miniserie "Das Damengambit": viel mehr als nur Schach
Cristina Roda Rivera

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Cristina Roda Rivera.

Letzte Aktualisierung: 18. Oktober 2022

Sowohl im Schach als auch in der Serie können die Eröffnungen entscheidend sein: “Das Damengambit” wollte von Anfang an gekonnt spielen. In den ersten Sekunden sehen wir eine Szene mit einer jungen Frau, die von Pillen und Schnaps umgeben ist – eine überraschende Eröffnung.

Die US-amerikanische Miniserie, in der die Protagonistin sehr extreme Situationen erlebt, hat keine einheitliche Handlung. Hinter dem attraktiven und gleichzeitig seltsamen Serientitel verbergen sich Schmerz, Sensibilität und Witz. Die Zuschauer erleben ein ständiges Schachmatt, das fesselt. Die Macher dieser Serie hatten sich vielleicht nicht erwartet, mit der nicht sehr sexualisierten Hauptdarstellerin ohne Schläge oder Gewalt, nur mit dem Adrenalin des Intellekts, so viele verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Diese Serie voller Bücher und Schachfiguren benötigt keine weiteren Zutaten.

“Das Damengambit”: die Sucht nach Schach

Die verschiedenen Episoden dieser Miniserie entlarven ein Mythos: Der Stoff für eine Serie muss nicht unbedingt unterhaltsam sein, um Erfolg zu haben. Der gleichnamige Roman von Walter Tevis hatte bereits großes Interesse an der Geschichte von Beth Harmon geweckt. Diese junge, hochintelligente Frau war in der Lage, alle bekannten Standards der Schachwelt zu sprengen.

Die Figur ist in gewisser Weise von dem Sportler und Schachspieler Bobby Fischer inspiriert, einem außergewöhnlichen Schachspieler. In der Serie sehen wir jedoch eine junge Frau, die sich mit geschlechtsbedingten Vorurteilen auseinandersetzen muss. Gleichzeitig kämpft sie gegen ihre schreckliche Sucht, während sie äußerste Konzentration für das Schachspiel benötigt. Die Geschichte erforscht die Grenzen des Genies, die oft eine dunkle Seite verbergen. Die Serie verzichtet jedoch auf jede Extravaganz.

Sucht und Leidenschaft

Nachdem die Mutter bei einem selbst inszenierten Autounfall stirbt, wird die junge Beth (gespielt von Isla Johnston) in ein Waisenhaus in Kentucky eingeliefert – ein repressiver Ort, an dem die Heimbewohner mit Beruhigungsmitteln unter Kontrolle gehalten werden. Die introvertierte Beth kann in dieser Umgebung ihr labiles Temperament beruhigen, während sie in der Nacht ihre Fantasie schärft, indem sie sich in einen pseudo-halluzinatorischen Zustand versetzt.

Als sie das Schachspiel entdeckt, erreicht sie die endgültige kognitive und emotionale Flucht. Sie spielt ganze Schachpartien an der Decke mental nach, was verdeutlicht, dass sie darin einen Ausweg sucht.

Ein halsbrecherisches Tempo

Sieben Episoden erzählen weit entfernt von der üblichen Vulgarität und Vorhersehbarkeit anderer Produktionen die Geschichte von Beth. In der ersten Episode ist die projizierte Ästhetik die eines Bilderbuchs. Beth “stolpert” über das Schachspiel, als sie eine Besorgung im Keller des Hausmeisters des Waisenhauses, Mr. Shaibel (gespielt von Bill Camp), macht.

Der Hausmeister zögert zunächst, sie zu unterrichten, willigt aber schließlich ein, weil er von ihrem Interesse und ihren Fähigkeiten überrascht ist. Die Entdeckung des Kellers wird das gesamte Leben der Hauptdarstellerin prägen. Sie ist von diesem einsamen, ruhigen Mann fasziniert, dessen Leben auf seinen Schultern zu lasten scheint. Sie leidet jedoch aufgrund der Beruhigungsmittel und der Disziplinierung im Waisenhaus.

Beth entdeckt, dass Herr Shaibel gegen sich selbst Schach spielt. Das fasziniert sie und macht sie noch begieriger, alle Geheimnisse des Spiels zu entdecken. Die beiden Seelen verbinden sich durch die Ernsthaftigkeit des Spiels und durch die Zuneigung, die sie füreinander entwickeln.

Die Adoption

Anya Taylor-Joy spielt die jugendliche und erwachsene Beth, eine Schauspielerin, die eine der Rollen ihrer Karriere gefunden zu haben scheint. Mit 15 wird Beth von Alma Wheatley (gespielt von Marielle Heller) adoptiert, einer Frau mittleren Alters, die sich in ihrer Ehe quält und in Beth einen neuen Grund zum Leben findet.

Ihre emotionale Schwäche steht im Gegensatz zu Beth, die stark zu sein scheint. Obwohl sie unterschiedlich anmuten, sind sie sich in Wirklichkeit sehr ähnlich: talentierte und sensible Frauen, die sich einer Welt gegenübersehen, die ihnen nicht viele kulturelle Möglichkeiten bietet. Außerdem sind sie “emotional berührt” und wissen nur durch Alkohol oder Beruhigungsmittel ihrem Schmerz zu entfliehen.

Die Ästhetik von Beths Frisuren und Kleidern markiert ihren Übergang vom Teenager zur erwachsenen Frau, indem sie Mode als perfekte Ergänzung zu ihrem Witz wählt. Sie verabschiedet sich von ihrer zerzausten Frisur und kümmert sich im Laufe des Films immer mehr um ihr Image.

Anya Taylor-Joy bestätigt in jeder Szene die Aussage von Mr. Shaibel: “Um dir die Wahrheit zu sagen, Mädchen, du bist erstaunlich.” Das Charisma und die Vielseitigkeit dieser Schauspielerin sind beeindruckend, ebenso wie die offensichtliche Freude des Regisseurs, Schach mit der Ikonographie des Kalten Krieges zu verbinden.

Das Damengambit

“Das Damengambit” und das Spiel des Lebens

“Das Damengambit” lehrt uns die Lektion, dass Leidenschaft und Talent dir helfen können, dein Leben finanziell zu meistern, aber gleichzeitig auch deine Fähigkeit, rechtzeitig um Hilfe zu bitten, zunichtemachen können. Beths Kampf gegen Sucht, Geisteskrankheit und Isolation bilden die Grundlage für die Geschichte, die sich über sieben lange Episoden erstreckt, aber sie sind nicht die einzigen Handlungsstränge.

Es gibt Beziehungen, die sich durch Beths Charakter schlecht genährt fühlen, während die Menschen auf der anderen Seite von ihrer Persönlichkeit ungewöhnlich überrascht und überwältigt sind. Das Drehbuch berücksichtigt ihre widersprüchliche Natur, denn sie hat Schwierigkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen, auch wenn ihre Freunde, wie zum Beispiel ihre Zimmergenossin Jolene aus dem Waisenhaus, ihr zur Seite stehen.

Letztendlich ist “Das Damengambit” ein frischer und beeindruckender Gewinn in einem Netflix-Katalog, der neue Geschichten mit ausgeprägtem schauspielerischem Talent benötigt. Diese Miniserie beweist, dass keine Gewalt oder Übersexualisierung nötig ist, um ein breites Publikum zu gewinnen.

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