Mikroaggressionen – oder die kleine tägliche Folter

26. Dezember 2018

Viele nennen solche Äußerungen oder Verhaltensweisen „subtil“ oder „indirekt“, doch in Wahrheit sind es sogenannte Mikroaggressionen. Das sind Worte oder auch Handlungen, die eine aggressive Komponente besitzen, auf gewisse Weise aber den aggressiven Inhalt der Botschaft verbergen oder verzerren. Das typische Beispiel hierfür ist ein Mensch, der nicht auf die Begrüßung eines Hausmeisters oder einer Sekretärin reagiert, weil er es als Zeitverschwendung ansieht.

In den meisten westlichen Ländern ist eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Herkunft, der sozialen Schicht oder der Glaubenssätze gesetzlich verboten. Doch viele Menschen verstehen den Sinn hinter diesem Verbot nicht, weshalb sie trotzdem Menschen diskriminieren oder zurückweisen, gegenüber denen sie Vorurteile haben. Damit sie dafür nicht in Teufels Küche kommen, bedienen sie sich der Mikroaggressionen.

„Ich habe den Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“

Martin Luther King

Manchmal entstehen diese Mikroaggressionen unterbewusst. Da sind bekannte Gesten oder Redewendungen, die einer Person oder Gruppe gegenüber gezeigt bzw. ausgesprochen werden und die eine aggressive Komponente beinhalten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand einen anderen, der gerade redet, unterbricht und ihn seinen Gedanken nicht zu Ende führen lässt. Mit Menschen in einer höheren Position macht man das nicht. Für gewöhnlich verhält man sich nur einer Person gegenüber so, der man sich überlegen fühlt.

Mann schaut auf sein Handy

Mikroaggressionen oder Hochsensibilität?

Manche denken, dass das, was andere Mikroaggressionen nennen, nichts weiter als harmlose, nichtssagende Ausdrücke seien. Sie stellen die Sensibilität derjenigen infrage, die sich manche Kommentare sehr zu Herzen nehmen, bezeichnen sie als überempfindlich. In sozialen Beziehungen, in denen solche Situationen auftreten, herrscht letztendlich immer eine gewisse Respektlosigkeit.

Doch in manchen Fällen mag diese Einschätzung auch zutreffen. Nicht jeder Kommentar, der scheinbar sexistisch, rassistisch oder homophob wirkt, ist böse gemeint. Es kann auch eine kathartische Art sein, eine gewisse Spannung zu lösen. Zu einem Menschen mit dunkler Hautfarbe zu sagen, dass er „schwarz“ sei, ist zum Beispiel nicht immer abwertend gemeint – und teilweise wird eben jener Begriff auch verwendet, wenn Dunkelhäutige miteinander sprechen.

Das Problem an Mikroaggressionen ist ihre Systematik und das, worauf damit abgezielt wird. Wenn solche Kommentare, Scherze oder sarkastischen Sprüche ununterbrochen fallen, ist die Wahrscheinlichkeit natürlich höher, dass sie den anderen verletzen. Ein kleiner Kommentar ist vielleicht nicht verletzend, aber hunderte kleine Spitzen gehen irgendwann unter die Haut. Darunter leidet das Selbstwertgefühl und die Würde der betroffenen Person.

Menschen werden anders behandelt

Manchmal bestehen Mikroaggressionen nicht aus Wörtern. Anzeichen von Vorurteilen und Diskriminierung sind in der nonverbalen Sprache zu erkennen. In den frühen 1970er Jahren wurde diesbezüglich ein Experiment an der Princenton University (New Jersey, USA) durchgeführt. Geleitet wurde es vom Soziologen Carl Word.

Das Experiment bestand darin, eine Gruppe von dunkelhäutigen und hellhäutigen Menschen zusammenzubringen, um angeblich einen Bewerber für einen Job auszuwählen. Die Haltung der Personaler zu beiden Gruppen wurde sorgfältig geprüft. Es zeigten sich deutliche Unterschiede, insbesondere im Bereich der nonverbalen Kommunikation.

Es war offensichtlich, dass die Personaler die Bewerber aufgrund ihrer Hautfarbe leider unterschiedlich behandelten, obwohl ihre Aufgabe darin bestand, die besten Kandidaten für die Stelle auszuwählen. Sie neigten dazu, sich etwas weiter weg von den dunkelhäutigen Bewerbern zu setzen und vermieden häufiger den Augenkontakt mit ihnen. Sie waren darüber hinaus auch weniger freundlich und widmeten ihnen weniger Zeit. Das ist ein eindeutiges Beispiel für Mikroaggressionen.

Die emotionalen Folgen von Mikroaggressionen

Dieses Experiment der Princeton University ging noch in eine zweite Phase. In dieser Phase wurden Daten über die nonverbalen Anzeichen für Ablehnung und Diskriminierung gesammelt, die von den Interviewern ausgingen. Dann wurde wieder eine Gruppe bestehend aus vermeintlichen Bewerbern gebildet, die erneut untersucht wurde.

Mann wird durch Mikroaggressionen angegriffen

Doch diesmal wurden die Interviewer darauf trainiert, verbal ihre Ablehnung zum Ausdruck zu bringen, sowohl bei einigen dunkelhäutigen als auch bei ein paar hellhäutigen Kandidaten. Das Ergebnis war, dass die Mikroaggressionen der Interviewer deren Leistung beeinträchtigten. Sie zögerten beim Sprechen, stotterten, beendeten ihre Sätze nicht und zeigten gegenüber dem Interviewer Anzeichen von Angst.

Das Experiment verdeutlicht uns, dass Menschen, die unter Mikroaggressionen zu leiden haben, dazu neigen, eine schlechtere Leistung zu erbringen und Chancen schlechter nutzen können. Das bringt sie in eine benachteiligte Lage, und das nur wegen den Vorurteilen anderer.

Wie bereits erwähnt, werden Mikroaggressionen oft unterbewusst gebraucht und auf andere übertragen. Sie richten sich fast immer an verletzliche Gruppen oder Minderheiten. Es ist nicht einfach, sich gegen sie zu wappnen, denn manchmal bleiben sie unbemerkt oder sind zu subtil, um sich gegen sie währen zu können. Wir sollten aber nicht allein die Mikroaggressionen, sondern lieber die Wurzel des Problems ausfindig machen: unsere Vorurteile.