Mentale Erschöpfung: der Tropfen, das Fass zum Überlaufen bringt

29. Januar 2018 en Psychologie 1185 Geteilt
Mentale Erschöpfung - Regenwolke über Kaffeetasse

Eine mentale Erschöpfung schwächt uns sowohl auf psychischer als auch auf physischer Ebene. Sie ist das Ergebnis von „zu viel“: zu viele Entscheidungen, zu viele zwanghafte Gedanken, zu viel Arbeit, zu viele Verpflichtungen, Störungen, Ängste usw. Darüber hinaus ist sie auch das Resultat einiger „zu wenig“: zu wenig qualitativ hochwertige Zeit für uns selbst, zu wenige Stunden Schlaf, zu wenig innere Ruhe etc.

Wir alle haben schon einmal das Gefühl gehabt, vollkommen erschöpft zu sein. Wir dürfen hierbei nicht vergessen, dass ein ermüdetes Gehirn, ein psychisch erschöpftes Gehirn, auf Reize anders reagiert und sie anders verarbeitet. Der Neurowissenschaftler Matthew Walker, um nur ein interessantes Beispiel zu nennen, konnte auf experimentelle Weise zeigen, dass mental erschöpfte Menschen eine negativere Wahrnehmung ihrer Realität haben und außerdem auf emotionaler Ebene wesentlich sensibler sind.

Manchmal werden wir einfach müde, sind erschöpft und haben keine Kraft mehr. In diesem Zustand verbleiben wir dann, in uns zurückgezogen und ohne Motivation, und alles verliert seine Daseinsberechtigung, seinen Glanz, seine Spontanität.

Hin und wieder glauben wir fälschlicherweise, dass diese mentale Erschöpfung im Grunde genommen auf eine Anhäufung Unheil bringender Fehler, auf schlechte Entscheidungen, Niederlagen oder Enttäuschungen zurückzuführen sei. Aber das stimmt nicht. In den meisten Fällen ist die Erschöpfung das unmittelbare Resultat viel zu vieler Aufgaben und Aktivitäten, die wir uns aufhalsen, ohne dass uns auffällt, dass sie uns über den Kopf wachsen.

Wir alle kennen die Aussage, dass die Wahrnehmung unserer Realität davon abhänge, wie wir das Glas sehen: als halb voll oder halb leer. Doch in Bezug auf dieses Thema können auch eine andere Frage formulieren: Welche Menge an Wasser könntest du halten, wenn du dieses Glas in der Hand hättest?

Manchmal reicht ein einziger Tropfen aus, um das Fass zum Überlaufen zu bringen und uns unsere letzte Kraft zu nehmen.

Tasse mit stürmischer See darin

Mentale Erschöpfung: ein zu häufig anzutreffendes Problem

Karl ist mit seinem Leben zufrieden. Eigentlich ist er wunschlos glücklich. Er ist Grafikdesigner, er liebt seine Arbeit, hat eine Partnerin, die er anhimmelt, und ist darüber hinaus vor Kurzem erst Vater geworden. Sein gesamtes Umfeld ist zufriedenstellend und es gibt in seinem Leben kein wirklich wichtiges Problem. Nichtsdestotrotz merkt er jeden Tag, dass es für ihn immer schwerer wird, Entscheidungen zu treffen, er fühlt sich niedergeschlagen, kann sich nicht konzentrieren und hat sogar Schlafprobleme. Er versteht einfach nicht, was mit ihm los ist. Alles läuft gut. Im Grunde genommen sollte er sich so glücklich wie nie fühlen, aber irgendetwas in seinem Kopf sagt ihm, dass etwas nicht stimme, dass etwas nicht richtig laufe.

Wenn wir einen außenstehenden Beobachter bei dieser Geschichte hätten, könnte dieser verschiedene Dinge erklären, die unserem Protagonisten helfen würden. Eines dieser ist, dass Karl das Gefühl hat, dass in seinem Leben zu vieles gleichzeitig passiere: eine Beförderung, neue Projekte bei der Arbeit und Kunden, denen man gerecht werden muss, ein Kind, eine Hypothek, ein neuer Lebensabschnitt, in dem er sich wünscht (von sich verlangt), dass alles „perfekt“ sein solle. All das führt dazu, dass viele „zu wenig“ zu einem „zu viel“ in seinem Kopf werden und er Gefahr läuft, die Kontrolle zu verlieren. Seine mentale Erschöpfung ist nicht nur ermüdend, sondern auch offensichtlich.

Nachfolgend möchten wir uns anschauen, welche Auswirkungen eine mentale Erschöpfung auf uns hat.

Trauriger Mann sitzt am Fenster

Anzeichen und Folgen einer mentalen Erschöpfung

  • Physische Erschöpfung und Energieverlust: Das Gefühl, erschöpft zu sein, hat manchmal zur Folge, dass wir am Morgen aufstehen und felsenfest davon überzeugt sind, dass wir unseren Tagesplan nicht bewältigen könnten.
  • Schlaflosigkeit: Anfänglich ist es oft der Fall, dass wir plötzlich in der Nacht aufwachen. Später aber kann es sein, dass wir sehr große Schwierigkeiten dabei haben, überhaupt in den Schlaf zu finden.
  • Gedächtnisprobleme: Laut einem in der Zeitschrift The Journal of Forensic Psychiatry & Psychology  veröffentlichten Artikel entstehen durch eine mentale Erschöpfung häufig kognitive Störungen, was „Desinformationseffekt“ genannt wird. Bei diesem Phänomen verwechseln wir Daten, rufen uns Informationen falsch ins Gedächtnis zurück und vermischen Bilder, Menschen, Situationen.
  • Weitverbreitete physische Symptome sind einseitige Kopfschmerzen, Herzrasen, Appetitlosigkeit oder übermäßiger Appetit, Verdauungsstörungen.
  • Auf emotionaler Ebene ist es sehr oft so, dass wir sensibler sind, nach außen hin dazu apathisch, reizbar und pessimistisch.
  • Ein weiteres typisches Symptom ist Lustlosigkeit. Damit ist die Unfähigkeit gemeint, Freude zu empfinden und die Dinge so sehr wie früher zu genießen. Die Vorstellungskraft verflüchtigt sich, das Leben ist in einen grauen Schleier gehüllt und die Welt ist nur noch an einem weit entfernten Horizont zu sehen, während wir von hier aus lediglich leise ihren Lärm vernehmen.

„Ein Traum ist eine gute Matratze bei Ermüdung.“

Juan Rulfo

Wie wir gegen eine mentale Erschöpfung ankämpfen können

Der US-amerikanische Schriftsteller Eric Hoffer sagte immer, dass die schlimmste Ermüdung durch nicht getane Arbeit komme. Damit hat er vollkommen recht. Manchmal sind wir wahrhaft erschöpft wegen all dem, das wir machen wollen und nicht in die Tat umsetzen. Wegen all dieser alltäglichen Ziele, die wir uns setzen und die uns überfordern, die wir nicht erreichen, die uns frustrieren, weil wir sie zu hoch gesteckt haben oder durch zu viel Druck aus unserem Umfeld.

Und letztendlich bringt der Tropfen das Fass zum Überlaufen. Dann gleitet uns alles aus der Hand. In diesen Fällen sollten wir zuerst begreifen, was gerade mit uns geschieht. Wir sind mental erschöpft und wir sollten vermeiden, dass dieses „Monster“ noch größer, dunkler und erdrückender wird.

Aus diesem Grund sollten wir zunächst über die folgenden Tipps und Schritte nachdenken, bevor wir sie in die Tat umsetzen.

Frau hält Fackel, aus der roter Rauch strömt

Erlaube dir, dich in drei Schritten von der dunklen Wolke der mentalen Erschöpfung zu befreien

  • Erlaube dir, dich selbst wiederzufinden. Es mag vielleicht ironisch klingen, aber wenn wir mental erschöpft sind, neigen wir dazu, an Sorgen, Forderungen an uns selbst, an Druck, Pflichten und Ängsten festzuhalten, bis wir uns irgendwann selbst vergessen. Erlaube dir, dich selbst wiederzufinden, und dafür ist es am besten, eine Stunde am Tag sämtliche Reize (Geräusche, künstliches Licht, etc.) auf ein Minimum zu reduzieren und das zu genießen.
  • Erlaube dir, Prioritäten zu setzen. Das ist zweifellos ein Schlüsselfaktor. Überlege, was für dich Priorität hat, was dich ausmacht, was du liebst und was dich glücklich macht. Alles andere ist zweitrangig und muss von dir weder emotional noch aktiv viel Beachtung erhalten.
  • Erlaube dir, weniger anspruchsvoll zu sein. Der Tag hat 24 Stunden und die Lebenszeit, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht, ist begrenzt. Wir müssen lernen, realistisch zu sein, die Zeit zu nutzen, ohne uns unter Druck zu setzen, zu hohe Anforderungen zu haben oder den Wunsch, dass alles perfekt sein soll. Manchmal reicht es schon, dass alles noch genauso schön ausgeglichen und ruhig ist wie gestern.

Zusammengefasst ist es doch so, dass wir wissen, dass unsere Realität immer fordernder wird, sodass wir manchmal alles und jeden haben wollen. Jedoch sollten wir eines nicht vergessen: Wir sind aus Haut, Fleisch, haben ein empfindendes Herz und einen komplexen Geist, die durch qualitativ hochwertige Zeit, Schlaf, Ruhe und Freizeit genährt werden sollten. Wir sollten lernen, uns selbst Priorität zu geben und uns so um uns zu kümmern, wie wir es verdienen.

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