Menschen ohne Filter: unverstandene Aufrichtigkeit

25. August 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Diskussion unter Menschen ohne Filter

Menschen ohne Filter wissen nicht, wie sie ihre Gefühle, Gedanken oder Emotionen zurückhalten können. Deshalb geben sie das Erste frei, was ihnen in den Sinn kommt, ohne die Folgen zu bedenken. Sie verstecken sich oft hinter ihrer unbestechlichen Aufrichtigkeit, aber Vorsicht! Die Wahrheit sollte nicht verwechselt werden mit der Beurteilung anderer auf unangenehme, unbegründete Weise und ohne dass jemand vorher nach ihrer Meinung gefragt hat.

Es stimmt, dass die Grundlage jeder dauerhaften zwischenmenschlichen Beziehung die Aufrichtigkeit ist. Ehrlich zu sein bedeutet, zu sagen, was man denkt, aber mit Respekt, Zuneigung und im richtigen Kontext. Wenn dir zum Beispiel der neue Haarschnitt deines besten Freundes nicht gefällt, ist es besser zu sagen „Er steht dir gut, aber ich ziehe deinen bisherigen Stil vor“, als ihn kategorisch anzuherrschen à la „Das geht überhaupt nicht!“.  Es sind zwei Möglichkeiten, das Gleiche zu sagen, aber die eine kann empfindliche Menschen verletzen, während die andere sogar ermutigt.

Menschen ohne Filter reden zuerst und denken dann nach

Menschen ohne Filter lassen ihre Worte nicht durch das Sieb der Reflexion rinnen. Sie geben ihre Wahrheit frei und erkennen erst dann das Ausmaß ihrer Folgen. Wenn sie anderen schaden, verstecken sie sich hinter dem, was sie für ihre größte Tugend halten: immer die Wahrheit zu sagen. Sie sind Erwachsene, die nicht an ihrem Wort zweifeln und die Aufrichtigkeit auf die Spitze treiben. Wenn es eine peinliche Situation gibt, werden sie es noch unangenehmer machen.

Deshalb beißen sie sich selten auf die Zunge und neigen auch nicht dazu, bei der Lust zu verbleiben, etwas zu sagen. Sie sind meist sehr aktiv, rühmen sich ihrer Extrovertiertheit und widersprechen dem Schweigen. Und wenn man zu ihnen spricht und es länger dauert, unterbrechen sie, weil sie loswerden müssen, was ihnen in den Sinn kommt.

Beunruhigte Frau in einem Restaurant

Geliebt und gehasst zugleich

Wenn jemand einen Freund braucht, der ihm die Dinge klar und deutlich sagt, stehen sie ganz oben auf der Liste. Es gibt Zeiten, in denen es wichtig ist, dass uns jemand sagt, was er wirklich denkt. Und in diesen Fällen sind Menschen ohne Filter sehr wertvoll, vor allem weil der Rest der Gruppe in der Regel auf ihre Ehrlichkeit vertraut.

Aber wenn sie andererseits angesichts eines heiklen und schmerzhaften Augenblicks ihre Worte nicht messen, können sie wirklich abscheulich sein. Sie neigen dazu, aus umgestürzten Bäumen Brennholz zu machen. Deshalb wird, wie wir sehen können, ihre Aufrichtigkeit in einigen Fällen hochgeschätzt, in anderen aber auch sehr gefürchtet.

Sie neigen dazu, radikal in ihren Entscheidungen zu sein

Für Menschen ohne Filter gibt es keine halben Sachen. Entweder ist etwas schwarz oder weiß. Und außerdem wollen sie, dass andere so sind wie sie; tatsächlich verstehen sie nicht, dass andere anders sind. Sie äußern ihre Meinung offen, ohne Angst vor dem, was andere darüber denken könnten. Darüber hinaus fordern sie aber auch andere auf, ihre Position mit der gleichen Aufrichtigkeit zum Ausdruck zu bringen. Und je eher, desto besser. Irgendwie zwingen sie ihre Mitmenschen dazu, etwas zu sagen, was sie ohne diesen Druck nicht äußern würden.

Sie haben das letzte Wort

Wenn du einen Plan vorschlagen möchtest, versuche einmal, Menschen ohne Filter dazu zu bringen, dir zuzustimmen. Denn leider haben sie in der Regel das letzte Wort bei Entscheidungen, die die Gruppe betreffen. Und wenn sie nicht zufrieden sind, bringen sie ihre Uneinigkeit zum Ausdruck und versuchen alles, um die anderen auf ihre Seite zu ziehen. Sie neigen dazu, Manipulationen zu meistern, weil sie im sozialen Umfeld gut zurechtkommen. Es ist gut, sie als Verbündete zu haben, während sie als Feinde gefürchtet sind.

Die Wahrheit ist nicht mehr als jedermanns Gefühle. Man kann das Gleiche sagen, aber mit anderen Worten.

Sich streitende Arbeitskollegen

Wie soll man mit ihnen umgehen?

Schüchterne Menschen haben oft Angst vor ihnen. Sie werden angesichts erwarteter Unannehmlichkeiten schweigen und jede Entscheidung, die sie für sie treffen, übernehmen. Um eine solche Einschüchterung zu vermeiden, ist ein Höchstmaß an Diplomatie erforderlich.

Menschen ohne Filter achten nicht zu sehr auf Details. Ihre Aufmerksamkeit neigt dazu, sich sehr schnell auf das zu konzentrieren, was ihnen wichtig ist. Es funktioniert also gut, sie glauben zu machen, dass sie das letzte Wort in einer Entscheidung hätten, auch wenn es in Wirklichkeit jemand anderes war, der es vorher und implizit ausgesprochen hat.

Darüber hinaus ist es gut, sie wissen zu lassen, dass uns ein Gespräch unangenehm ist oder dass wir nicht tun wollen, wozu sie uns zu zwingen versuchen. Es geht nicht darum, den Kontakt mit ihnen zu vermeiden, sondern sie mit Respekt und Zurückhaltung zu konfrontieren. Zum Beispiel: „Ich denke, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt ist, um darüber zu reden. Wir werden das ein anderes Mal klären“  oder „Es ist das Beste, wenn ich erst in Ruhe darüber nachdenke und dir dann meine Entscheidung mitteile“.  Es ist hingegen nicht ratsam, sich auf ihr Niveau zu begeben, da dies zu einer Eskalation der Barbarei führen würde, die gemeinhin „brutale Ehrlichkeit“ genannt wird.

Eigentlich übt der Mensch, bevor er spricht. Das dauert Millisekunden, aber es ist der Schlüssel zur Bewertung dessen, was wir sagen werden. Wenn unsere Worte nichts Schönes oder Gutes bringen, ist es besser, den Mund zu halten. Denn manchmal ist das Schweigen besser und befriedigender als ein völlig unangebrachter Satz.

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