Menschen, die verletzt wurden, muss man nicht erklären, wie man überlebt

24. Juni 2017 en Psychologie 1022 Geteilt

Menschen, die verletzt wurden, muss man nicht erklären, wie man überlebt, denn gerade sie wissen das gut genug. Ihre Haut trägt Narben von den vielen Kämpfen und ihr Herz wurde in viele Teile gebrochen, aber es ist noch da. Lügen und Egoismus akzeptieren sie nicht mehr. Sie wissen, wie sie sich gegenüber schmerzlichen Beleidigungen zu verteidigen haben und sie können selbst in den schwierigsten Situationen immer auf sich zählen.

An solch einen Scheideweg kann man aus unterschiedlichen Gründen kommen. Wir könnten diese Gründe traumatische Ereignisse nennen. Doch wenn es heutzutage etwas gibt, das sich wie ein fieser Virus ausbreitet, dann ist es der emotionale Schmerz. Das Leben bereitet uns oftmals Schmerzen. Manchmal müssen wir kein bestimmtes Ereignis mit verheerenden Auswirkungen erlebt haben, damit eine emotionale Wunde entsteht, die keiner sieht.

„Je größer die Wunde ist, desto unsichtbarer ist der Schmerz.“

Isabell Allende

Es gibt ein sehr anschauliches Buch zu diesem Thema, das den Titel Microaggressions in everyday life  (deutsche Entsprechung: Mikroaggressionen im alltäglichen Leben) trägt. In diesem Buch geht es um genau diese kleinen Aggressionen, denen wir im Alltag ausgesetzt sind, die uns zwar nicht direkt treffen, die aber dennoch eine Spur bei uns hinterlassen und uns aufwühlen.

Das Leben tut weh und lässt uns oft seine aggressive Seite spüren. Es gibt also viele Menschen, die mit ihren offenen Wunden auf der Straße laufen und nicht dazu in der Lage sind, sie anzuerkennen, aber sie leiden unter ihren Auswirkungen, die sich durch Wehrlosigkeit, schlechte Laune, Verbitterung und extreme Erschöpfung bemerkbar machen.

Doch wer dazu in der Lage ist, seine Wunden anzuerkennen, sie heilen zu lassen und aus ihnen zu lernen, wird zu einem anderen Menschen. Sein Herz besitzt dann etwas beinahe Magisches: die Resilienz.

Die Resilienz macht uns besonders und durch sie werden wir zu Helden

Traumatische Erlebnisse, ganz gleich, ob es sich dabei um einen Unfall, einen Verlust, einen Missbrauch oder ein in einer Liebesbeziehung gebrochenes Herz handelt, können uns zu verändern. Diese Veränderung kann uns auf zwei verschiedene Arten beeinflussen: Entweder stecken wir den Kopf in den Sand oder wir erfinden uns neu, um gestärkt aus dem Ereignis hervorzugehen und uns dadurch neue wunderbare Möglichkeiten zu eröffnen.

Das ist ein interessanter Widerspruch oder? Der emotionale Schmerz gleicht dem Anblick der Medusa, dieses Wesen aus der griechischen Mythologie mit Schlangen auf dem Kopf, das dazu in der Lage ist, uns zu Stein werden zu lassen. Aber wenn wir uns durch ein Schild schützen, können wir das Monster darin reflektiert betrachten, um es zu besiegen und es zu zerstören.

Wir brauchen Werkzeuge, ein angemessenes mentales Schutzschild, mit dem wir unsere Verwandlung hin zu einem Helden begünstigen, der aus unseren eigenen Kämpfen hervorgeht.

Ein Held besitzt die Fähigkeit der Resilienz

Psychologen und Neurobiologen wissen allerdings, dass es nicht jedem gelingt, diesen Schritt zu gehen. Nicht jeder Mensch kann diesen Überlebensmechanismen der Resilienz in seinem Gehirn aktivieren. Der kanadische Biochemiker Hans Selye, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte, postulierte, dass die Resilienz vor allem die Anpassungsfähigkeit an stressige Situationen ist. Unser Nervengerüst muss sich anpassen, zur Ruhe kommen und das Gleichgewicht wiederfinden. Dafür sind bestimmte Hormone verantwortlich, die dieses Gleichgewicht der physiologischen Körperfunktionen wieder herstellen.

Wenn uns die Angst übermannt, blockiert uns das. Wir erstarren, werden zu Stein. Genetische und Umweltfaktoren sind oftmals dafür verantwortlich, dass wir eine größere oder geringere Fähigkeit besitzen, die Resilienz zu aktivieren. Eine dramatische Kindheit beispielsweise beeinflusst ganz sicher die Strukturen in unserem Gehirn. Stress kann die normale Entwicklung des Gehirns eines Kindes unterbrechen und so die emotionale Verletzlichkeit im Erwachsenenalter erhöhen.

Die gute Nachricht ist allerdings, dass die Resilienz eine neurologische Grundlage besitzt, deren Mechanismen man trainieren kann. Denn Helden werden nicht geboren. Wahre Helden entstehen durch die Konfrontation von Schwierigkeiten.

Diese emotionale Wunde hat uns beigebracht, zu überleben

Das Wort „Trauma“ bedeutet wortwörtlich „verletzt“. Es gibt eine Verletzung, die man nicht sieht, deren Auswirkung aber in allen Bereichen unseres Lebens spürbar ist. Richard Tedeschi, Psychologe an der University of North Carolina (North Carolina, USA) und ein bemerkenswerter Spezialist auf diesem Gebiet, erklärt uns, dass ein Mensch, der eine emotionale Wunde habe, das Vertrauen in die Welt verliere.

„Sobald der Verstand versteht, was passiert ist, ist die Wunde im Herzen bereits zu tief.“

Carlos Ruiz Zafón

Seine komplette Weltanschauung würde zerstört und sein Vertrauen in die Zukunft vollkommen verschwinden. Für ihn gäbe es dann keine Gegenwart mehr und noch weniger ein morgen. Die „Wiederherstellung“ des Lebens sei eine minutiöse und komplexe Aufgabe, die zerbrochenen Scherben gleiche, die wieder zusammengefügt werden müssten. Denn es handele sich um eine zerbrochene Seele und wir müssten deren Teile erst wiederfinden, um sie erneut zusammensetzen zu können.

Doktor Richard Tedeschi betont vor allen Dingen einen konkreten Fehler, den unsere Gesellschaft häufig macht: Wenn wir hörten, dass jemand in der Kindheit missbraucht worden sei, ein Mann den Verlust seiner Partnerin nach einem Autounfall verkraften müsse oder wenn eine von ihrem Mann misshandelte Frau diesen endlich verließe, empfänden die meisten von uns zuerst Mitleid für diese Menschen. Auch gäbe es Menschen, die es vielleicht nicht laut aussprechen, sich aber denken, dass diese Person das niemals verkraften werde, im Inneren gebrochen sei und ihr Leben nicht weitergänge.

Das zu denken sei jedoch ein Irrglaube. Wir sollten niemals einen verletzten Menschen unterschätzen. Die Neuroplastizität unseres Gehirns sei unendlich, das Gehirn programmiere sich um und durch die Resilienz erfänden wir uns neu. Das mache uns stark und gäbe uns ein Schutzschild in die Hand, nicht nur, um gegen die Medusa anzukämpfen. Wir ebneten unseren Weg für uns selbst, um erneut unser Glück zu finden.

Resilienz: In deiner Schwäche liegt deine Stärke

Ich kann es ruhig zugeben: „Ich bin schwach.“ Denn wer ist
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Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Anne Julie Aubry, Benjamin Lacombe

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