MBCT: Die Metapher von der Mathematiklehrerin

9. September 2019
Die Metapher von der Mathematiklehrerin ist eine Übung aus der achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie, kurz MBCT (Mindfulness-based Cognitive Therapy). Mit ihr soll aufgezeigt werden, welche negativen Konsequenzen unsere Neigung haben kann, voreilige Schlüsse aus einer Situation zu ziehen, obwohl uns nicht alle erforderlichen Informationen zur Verfügung stehen.

Es gibt zahlreiche Situationen, in denen deine Gedanken eher gegen dich arbeiten als für dich. Dabei ist es nicht so relevant, welchen Inhalt diese Gedanken haben, sondern vielmehr, wie sie entstehen. Oftmals sind sie kognitive Irrtümer, die aufgrund schädlicher kognitiver Rahmen (Frameworks) in deinem Gehirn entstehen. Diese können zu Schwierigkeiten in deinem täglichen Leben führen. Die Metapher von der Mathematiklehrerin aus der MBCT kann dir helfen, diese zu verändern.

Ein Beispiel für derartige problematische kognitive Rahmen sind die sogenannten willkürlichen Schlussfolgerungen. Darunter versteht man Schlussfolgerungen, die willkürlich und ohne jeden Beweis für ihre Gültigkeit gezogen werden. In einigen Fällen werden sie sogar trotz gegenteiliger Erfahrungen oder Beweise gezogen.

Natürlich kann es hilfreich sein, wenn du dich auf deine eigenen Erfahrungen stützt, allerdings kann es auch passieren, dass du einige sehr haltlose Folgerungen über deine Umwelt ziehst. Damit wollen wir uns im Folgenden genauer beschäftigen.

Warum es nützlich sein kann, Schlussfolgerungen zu ziehen

Grundsätzlich kann es sehr zeit- und energiesparend sein, wenn du aufgrund eines bestimmten Merkmals oder einer konkreten Tatsache eine Schlussfolgerung ziehst. Wenn jemand Alexandra erzählt, dass Wilhelm gerne Hausarbeiten und ähnliche Tätigkeiten erledigt, dann ist es nicht verwunderlich, dass sie daraus schließt, dass er auch gerne kocht. Daher wird sie für das nächste gemeinsame Treffen möglicherweise ein Abendessen vorschlagen, zu dem beide ein selbst gekochtes Gericht mitbringen.

Allerdings kann es sein, dass Wilhelm überhaupt nicht kochen kann. Du meinst vielleicht, dass dieser Irrtum völlig verständlich ist, aber genau diese Fehleinschätzung ist das eigentliche Problem. Diese für dich „normale“ Schlussfolgerung, die du aus den vorhandenen Informationen ableitest, weil sie sich für dich in vielen Situationen bewahrheitet hat, kann dazu führen, dass du viele Dinge oftmals nicht richtig einschätzt.

MBCT - Frau

MBCT: Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie

Die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie, kurz MBCT, ist eine Kombination von zwei unterschiedlichen Behandlungsansätzen: der kognitiven Therapie und Jon Kabat-Zinns achtsamkeitsbasierter Stressreduktion (MBSR).

Das ursprüngliche Ziel der Kombination dieser beiden Praktiken war es, wiederkehrende Rückfälle bei Patienten zu vermeiden, die eine Therapie für Depressionen beendet hatten.

Es gab zahlreiche Studien über residuale Symptome und Rückfälle bei Patienten, die unter Depressionen litten, nachdem sie ihre Therapie beendet hatten. Tatsächlich waren die Zahlen alarmierend hoch. Ungefähr 70 % aller Patienten zeigten kognitive Anzeichen einer Depression, nachdem die Therapie beendet war. Selbst bei den 75 % der Patienten, bei denen die Therapie gut angeschlagen hatte, zeigten sich fünf oder mehr residuale Symptome.

Zumeist waren dies Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten, ein Mangel an Fokus, Probleme, die richtigen Wort zu finden, mentale Trägheit und Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung.

Daher ist MBCT so notwendig. Diese Therapie wurde im Jahr 2002 von Segal, Williams und Teasdale als Gruppentherapie entwickelt. In diesen Sitzungen arbeiten die Patienten gemeinsam an Gefühlen und Emotionen und erlernen Meditation. Dadurch soll künftigen Rückfällen vorgebeugt werden.

Durch MBCT erlernst du, wie du deine Aufmerksamkeit auf die Art deines Denkens lenken kannst. Dadurch wirst du in der Lage sein, dich von der Depression zu befreien, wenn du bemerkst, dass sich eine neue depressive Episode entwickeln könnte.

MBCT und Metaphern

Metaphern werden bei MBCT häufig genutzt. Dadurch sollst du erlernen, deine kognitiven Prozesse zu verändern. Außerdem erfährst du, wie du irrationale Gedanken erkennen kannst. Sobald du diese Gedanken identifizierst, kannst du lernen, wie du mit ihnen umgehst.

Eine der Metaphern, die bei MBCT genutzt wird, ist die Metapher der Mathematiklehrerin. Dabei schließt du deine Augen, damit du deine Gedanken, Körperempfindungen und Gefühle bewusst wahrnehmen kannst, die aufgrund der Geschichte bei dir auftreten. Und so funktioniert diese Übung:

MBCT: Die Metapher von der Mathematiklehrerin

Der grundlegende Inhalt der Geschichte ist folgender:

“Clara ist auf dem Weg in die Schule. Sie macht sich Sorgen über ihre Mathematikstunde. Sie ist nicht sicher, ob sie mit dieser sechsten Klasse fertig wird. Dabei gehört dies gar nicht zu ihren Aufgaben als Sekretärin.“

Nachdem du diese Geschichte erzählt hast, solltest du den Teilnehmern ein wenig Zeit zum Nachdenken geben. Anschließend befragst du die Gruppe, was in der Geschichte passiert ist. In den meisten Fällen wirst du fehlerhafte Antworten bekommen, da die Teilnehmer zu schnelle Schlussfolgerungen gezogen haben.

Vermutlich denken viele Teilnehmer zunächst, dass Clara eine Schülerin ist. Dann folgen Überlegungen, dass sie wohl eine Lehrerin sei. Erst viel später werden sie erkennen, dass Clara eine Sekretärin ist.

Probleme, die durch zu schnelle Schlussfolgerungen entstehen können

Diese Übung zeigt auf, dass wir dazu neigen, sehr schnell Rückschlüsse zu ziehen und diese immer wieder zu ändern, je mehr Informationen wir erhalten. In dieser Geschichte ergibt sich die Wahrheit, nachdem wir sie bis zum Ende hören. Aber im wahren Leben ist das nicht immer der Fall. Niemand wird jede falsche Schlussfolgerung aufklären, die du gezogen hast.

Letztendlich liegt es immer in deiner eigenen Verantwortung, die Art und Weise zu verändern, wie du Dinge siehst und wie du darüber denkst. Das kann letztendlich niemand für dich tun.

Natürlich ist es kein schlimmer Fehler, wenn du geglaubt hast, dass Clara eine Lehrerin ist und keine Sekretärin. Wenn du diese Geschichte aber auf andere Aspekte deines Lebens anwendest, dann könnte sich die Situation verändern.

Nehmen wir an, dass Clara in Wahrheit Helen ist, eine sehr gute Freundin von dir. Du siehst sie aus einiger Entfernung auf der Straße laufen, aber sie winkt dir nicht. Nun ist es recht wahrscheinlich, dass du dir Gedanken darüber machst und daraus verschiedene Schlüsse ziehst.

Beispielsweise könntest du denken: Helen ist unhöflich, Helen ist verträumt, Helen ist wütend, Helen mag dich nicht mehr oder Ähnliches mehr. Durch diese Schlussfolgerungen und Gedanken könnte es passieren, dass du auf einmal schlechte Laune bekommst, obwohl keiner dieser Gedanken, die du hattest, tatsächlich auf Helen zutrifft. Sie ist lediglich kurzsichtig und hat dich daher nicht gesehen.

Weitere Konsequenzen

Stelle dir weiterhin vor, dass dir Beatrix am gleichen Tag sagt, dass sie sich nicht am Geburtstagsgeschenk für Claudia beteiligen kann, obwohl sie dir dies bereits zugesagt hatte. Das Geschenk hast du bereits gekauft. Deine Freunde könnten nun über Claudia denken, dass sie unverschämt, egoistisch oder gleichgültig ist. Aus diesem Grund könnte es passieren, dass sie Claudia nicht sympathisch finden.

Allerdings ziehen deine Freunde diese Schlussfolgerungen, ohne, dass sie dafür wirklich viele Informationen haben. Es könnte daher möglich sein, dass ihre Einschätzung falsch ist.

Beatrix könnte möglicherweise finanzielle Probleme haben oder vielleicht hatte sie sich zuvor mit jemandem gestritten und daher impulsiv und unüberlegt reagiert. Es könnte auch sein, dass sie sich mit Claudia gestritten hat und niemand sonst davon wusste.

MBCT - Mann

Ist es deine Verantwortung, Einfluss auf andere Menschen zu nehmen?

Daher ist diese Art zu Denken nicht nur gefährlich, weil sie deine Stimmung und deine Laune beeinflussen kann. Bedenke, dass deine Gedanken auch dein Verhalten beeinflussen.

Daher können voreilige Schlussfolgerungen dazu führen, dass du auf eine bestimmte Weise reagierst. Und diese Reaktionen müssen nicht unbedingt angemessen oder richtig sein. Dadurch könnte es passieren, dass du auf Situationen und vermeintliche Fakten reagierst, die so gar nicht existent sind.

Wenn du daraufhin also nicht mehr mit Helen sprichst, weil du der Meinung bist, dass sie dich ignoriert hat oder deine Freunde Beatrix vorwerfen, sie sei egoistisch, obwohl dies gar nicht stimmt, dann tust du etwas, was du eigentlich gar nicht willst. Zudem beruht keiner dieser Gedanken auf Tatsachen, alles hat sich lediglich in deinem Kopf abgespielt.

Daher ist es so wichtig, dass du dir die Metapher der Mathematiklehrerin wirklich gut einprägst und immer dann an sie denkst, wenn du zu schnell und unbedacht eine Schlussfolgerung gezogen hast. Durch dieses Vorgehen wird sich nicht nur dein rationales Denkvermögen verbessern, sondern du wirst auch seltener die falschen voreiligen Schlüsse ziehen.

  • Cebolla, A. y Miró, M. (2008). Efectos de la Terapia Cognitiva basada en la Atención Plena: una aproximación cualitativa. Apuntes de Psicología, 26(2), 257-268.