Manchmal ist es keine Frage der Motivation, stark zu sein, sondern die einzige Möglichkeit

· 14. März 2018

Zuweilen liegt uns das Schicksal nicht nur Steine in den Weg, sondern verstaut sie direkt in unserem Rucksack und in unseren Hosentaschen, damit wir auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Es sind solche Momente, in denen uns keine andere Möglichkeit bleibt, als stark zu sein, den Rücken durchzudrücken und den Kopf zu heben, auch wenn uns die Last nach unten zieht. Wir müssen uns in solchen Zeiten darauf besinnen, dass niemand – selbst das Schicksal nicht – Steine an unseren Verstand binden kann, der so frei bleibt, wie wir ihn sein lassen. Es ist jedoch nicht leicht, zu dieser Überzeugung zu gelangen, wenn alles, was wir spüren, die Reibung der Riemen auf unseren Schultern ist. Und dann fallen wir hin …

Wenn wir Bücher lesen oder Filme schauen, die starke Menschen porträtieren, dann wissen wir, worauf wir uns einlassen: Die Protagonisten von Shakespeare, Spielberg & Co. müssen alle fallen, auf ihrer Suche nach innerer Stärke leiden, bevor sie aus dem Schatten hervortreten und triumphieren können. Erst am Ende der Geschichte sind dazu in der Lage, auf das Geschehene zurückzublicken und zu erkennen, dass sie gelernt haben und gewachsen sind, dass sie heute stärker als je zuvor sind.

Aber während wir es in gewissem Maße genießen, die Lektionen, die Fehler, Tragödien und Verrat vermitteln, zu analysieren, wenn diese nicht uns selbst betreffen, so möchten wir doch nicht in eben jene Rolle schlüpfen. Nun, leider ist es so, dass wir uns nicht immer aussuchen können, welche Rolle wir im Spiel des wahren Lebens übernehmen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die Entscheidung, wie wir die uns zugewiesene Rolle interpretieren, allein bei uns liegt.

„Das Weiche ist stärker als das Harte. Wasser ist stärker als Stein. Und Liebe wird immer stärker sein als Gewalt.“

Hermann Hesse

Im wahren Leben sind wir nicht immer in der Lage, diese Stolpersteine, ja diese Felsspalten, die sich auf unserem Weg auftun, vorauszuahnen – ganz anders als im Theater oder Film, wo wir sie sehr wohl erwarten. Und wenn wir erst gestürzt sind, dann bleibt uns nichts anderes, als uns neu zu orientieren und zunächst zu akzeptieren, dass wir unsere ursprünglichen Pläne auf unbestimmte Zeit aufschieben müssen.

Vielleicht hat man uns von solchen Felsspalten wie der, in der wir nun festsitzen, erzählt, aber niemals haben wir sie uns so breit und tief vorgestellt. Zu entsprechender Erkenntnis sind wir erst gelangt, nachdem wir hineingefallen waren. Es tut weh, feststellen zu müssen, dass Bemühungen eben nicht immer von Erfolg gekrönt sind, dass Liebe und Zuneigung keine Garantie dafür bieten, dass man uns nicht verlässt, und dass nicht alle Menschen das Vertrauen, was wir in sie haben, zu schätzen wissen.

Erst jetzt, nach dieser harten Landung, realisieren wir das. Und wir beginnen, darüber nachzudenken, wo wir falsch abgebogen sind. Dabei sind wir doch jenem Kompass gefolgt, den man uns schon in unserer Kindheit in die Hand gegeben hat! Und wahrscheinlich hat man das in bester Absicht getan. Aber dennoch kann es sein, dass uns dieser Kompass auf Umwege, steile Anstiege und eben vor jene Felsspalten führt, deren Ausmaße wir bislang unterschätzt haben.

Mann raucht Pfeiffe

Es ist sicher interessant, zu erfahren, ob wir hier gelandet sind, weil die Nadel unseres Kompasses nicht nach Norden wies, weil wir es nicht verstanden, ihn zu nutzen, oder weil jemand absichtlich ein Schild aufstellte, das uns auf schwierige Pfade lenkte. Aber wie dem auch sei, nichts davon wird uns helfen, aus diesem tiefen Loch wieder herauszukommen. Für diese Aufgabe können wir nur auf uns selbst zählen.

Ja, starke Menschen haben ein höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken

In unzähligen Selbsthilfebüchern, im Internet – einschließlich der Gedankenwelt – finden wir Beschreibungen von starken Personen, Aufsätze zu deren wesentlichen Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen. Und nicht selten wird darauf verwiesen, dass wir uns diese Charakteristika schleunigst aneignen sollten, wenn wir nicht in der Psychiatrie landen wollen. Wenn wir diese Argumentation folgen, kommen wir zu dem Schluss, dass uns mentale Stärke dazu befähige, uns vor psychischen Erkrankungen zu schützen. Wer stark ist, falle erst gar nicht in diese Felsspalten, von deren Wänden uns widerlich grinsende Emotionen anschauen.

Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass es sich hierbei um einen Trugschluss handelt: Tatsächlich haben Personen, die aufgrund ihres Auftretens von ihrem Umfeld als besonders stark wahrgenommen werden, ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Als Beispiel für solche Menschen seien diejenigen genannt, die sich um ihre Angehörigen kümmern, diese pflegen, und dabei dazu neigen, sich selbst zu vergessen. Und dann sind da die Mütter und Väter, deren Partner arbeitslos sind und die allein die finanzielle Verantwortung für die Familie tragen. Oder jene, die in ihrem Beruf Tag für Tag ihre Gesundheit oder ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen. Wir könnten die Liste noch viel weiter fortführen.

Diesen Menschen ist eines gemein: Sie sind für andere stark. Sie setzen sich ein, opfern sich zuweilen regelrecht auf, um anderen mehr Sicherheit und Lebensqualität zu bieten. Sie wissen, dass sie dazu Nähe, Effizienz und Professionalität ausstrahlen müssen, denn nur so können sie Positivität vermitteln. Es ist diese Positivität, die von anderen als Stärke wahrgenommen wird.

Sie erlauben sich also nicht, Schwäche zu zeigen. Auch wenn sie innerlich zerbrechen. Wenn wir ihr Verhalten von einem objektiven Standpunkt aus betrachten, dann wird schnell klar, dass das, was sie tun, nichts anderes ist, als eine Rolle zu spielen. Ähnlich wie der Schauspieler, der eine Person verkörpern muss, die er nicht ist. Dabei besteht ein wichtiger Unterschied zwischen der Realität und der Fiktion, denn der Schauspieler weiß, dass er spielt, und kann nach Abschluss der Probe oder Aufführung in sein Leben zurückkehren. Demjenigen, der sich für andere aufopfert und deren Fürsorge priorisiert, ist hingegen nicht bewusst, dass er Verrat an sich selbst begeht.

Wir verraten unsere intimsten Gefühle, die, die in unserem Inneren wohnen: Unsicherheit, Angst, Einsamkeit. Und auch wenn diese mit aller Macht versuchen, sich einen Weg an die Oberfläche zu bahnen, zu ignorieren wir sie doch weiterhin und setzen unsere Prioritäten auf die Bedürfnisse anderer Menschen.

Gewitter im Haar einer Frau

Wenn es deine einzige Möglichkeit ist, stark zu sein, akzeptiere zunächst eine Verletzlichkeit

Vielleicht wissen wir nicht, ob das Buch unseres Lebens eines Tages dem Genre Abenteuer, Drama oder Tragödie zugeordnet wird. Aber wir können uns sicher sein, dass es Kapitel enthalten wird, in denen sich der Protagonist – wir selbst – Herausforderungen stellen muss. Und kein Held der Welt, weder der von Shakespeare, noch der von Spielberg, noch wir selbst, empfindet im Angesicht von Hindernissen immerzu Freude. Davon können wir auch dann ausgehen, wenn keine Klagen geäußert werden, schließlich tappen wir selbst regelmäßig in dieselbe Falle: Wir versuchen, stark zu sein, und ignorieren, dass unser Inneres um Hilfe schreit.

„Die stärkste aller Kräfte ist die des unschuldigen Herzens.“

Victor Hugo

Wer stark ist, ignoriert seine Gefühle nicht, egal wie unangenehm sie ihm sein mögen. Wer stark ist, vergibt nicht 1001-mal, bis er seine Würde ganz und gar verloren hat. Stärke heißt auch nicht, mit eiserner Faust auf den Tisch zu schlagen, anderen die eigene Meinung aufzuzwingen und sich so autoritäre Macht zu verschaffen. Auch macht es uns schwach, wenn wir unser wahres Ich vor der Welt verstecken müssen, wenn unsere größte Sorge darin besteht, dass unsere Rüstung immer glänzt, um andere maximal zu blenden.

Der erste Schritt zu wahrer Stärke ist der, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen und zuzugeben. Denn die Akzeptanz dieser Kondition ist keinesfalls ein Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr von dem Bewusstsein, dass wir ab und zu anhalten, durchatmen und ausruhen müssen. Erst wenn wir diesen Punkt erreicht haben, können wir die Distanz zwischen dem, was wir sind und was wir darstellen, was wir brauchen und worum wir bitten, verringern.

Schwarzes Haar tropft in Kaffeetasse

Deshalb ist es der Schlüssel zu einem gesunden Selbstwertgefühl, uns in jedem Moment als die Person zu geben, die wir sind. Wirklich starke Menschen müssen keine Gewalt anwenden, um andere von ihrer Stärke zu überzeugen, und sie sind sich auch nicht zu fein, um um Hilfe zu bitten, wenn Sie Unterstützung brauchen. Wer in aller Stille in dieser Felsspalte sitzen bleibt, auf die wir uns zu Beginn dieses Artikels bezogen haben, wird dort verdursten. Wesentlich intelligenter ist es da, um Hilfe zu rufen, damit ein Seil hinabgelassen werden kann, an dem wir aus eigener Kraft hinaufklettern können.

Abschließend möchte noch einmal betonen, das wahre Stärke nur von einer Gesellschaft geschätzt werden kann, die auch den Wert der Verletzlichkeit verstanden hat. Und daran müssen wir in unserer Gesellschaft noch arbeiten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass wir zuweilen merkwürdig angeschaut werden, wenn wir uns um unser psychisches Wohlbefinden kümmern – aber einem starken Menschen sollte das wenig ausmachen. Und peu à peu wird auch sein Umfeld verstehen, wer der wahre Held in dieser Geschichte ist.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Sofia Bonatti