Männerkreise: Welche Vorteile bieten sie?

18. Oktober 2019
Verletzlichkeit war im klassischen und rigiden Männlichkeitsbild stets sehr verpönt. Dank der Männerkreise wagen viele Männer zum ersten Mal, über ihre Gefühle, Ängste und ihre Bedürfnisse zu sprechen. Daher haben diese Treffen auch einen großen therapeutischen Nutzen.

Männerkreise bieten den teilnehmenden Männern sehr viele psychologische Vorteile. Tatsächlich wurde diese antike Tradition wieder neu belebt.

Früher versammelten sich Männer oft um ein Lagerfeuer, erzählten sich Geschichten, lösten Probleme, berieten sich gegenseitig, zerstreuten ihre Ängste usw. Heute empfinden viele Männer diese Gemeinschaften als einen sicheren Ort, an dem sie anderen zuhören können und oftmals zum ersten Mal selber Gehör finden.

Vermutlich finden es einige Menschen äußerst merkwürdig und sehr ungewöhnlich, dass sich eine Gruppe Fremder in einem Raum oder irgendwo im Wald trifft, um dort Unterstützung zu finden oder über ihre intimsten Themen, Frustrationen und Zweifel zu sprechen. Besonders natürlich, weil es sich bei dieser Gruppe um Männer handelt.

Auch heute ist es eher unüblich, dass Männer Gefühle und andere emotionale Aspekte ihres Lebens mit anderen Männern teilen. Darüber hinaus tun sie dies mit Menschen, die ihnen völlig unbekannt sind.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Männlichkeit über viele Dekaden als hegemoniales Modell fungierte. Dabei war die Bildung der männlichen Identität wie eine vorgefertigte Schablone, in die jeder Mann bedingungslos hineinpassen musste. Da dieses Modell so unflexibel war, ist es offensichtlich, dass es darin keinen Platz für Zweifel, Emotionen und Verletzlichkeit gab.

Michael Kimmel ist der Gründer und Direktor des Zentrums für die Forschung an Männern und Männlichkeiten (Center for the Study of Men and Masculinities) an der Stony Brook Universität in New York. Er stellt fest, dass sich all dies gerade im Wandel befindet.

Heute sprechen wir über mehr als nur eine Art von Männlichkeit. Die Bandbreite wurde erweitert, um dadurch jede Art von Identität, Ausdrucksform und Bedürfnis mit einzuschließen.

Männerkreise - Mann am See

Männerkreise: Was genau ist das und welche Ziele verfolgen sie?

Jedes Jahr liefert das Nationale Institut für Statistik (National Institute of Statistics, NIE) Zahlen über Selbstmordraten, die uns sicherlich dazu veranlassen werden, genauer über diese Thematik nachzudenken.

Eine dieser Statistiken besagt Folgendes: Die Anzahl der Selbstmorde von Männern ist drei Mal höher als die von Frauen. In Spanien werden beispielsweise 75% der Selbstmorde von Männern begangen. Ähnliche Zahlen gibt es für viele andere Länder. Aus diesen Ergebnissen wird deutlich, dass Männer ihr Leben offensichtlich wesentlich häufiger auf diese dramatische Weise beenden als Frauen dies tun.

Darüber hinaus hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Bericht über Suizidprävention vorgelegt, in dem sie darauf hinweist, dass es keine Erklärung dafür gibt, warum dies geschieht. Wir kennen die Ursachen nicht. Dennoch wissen wir sehr genau, dass wir zu wenig Ressourcen zur Verfügung haben.

Daher stellte Dr. Brené Brown, Professor an der Universität von Houston und Experte auf diesem Gebiet, die These auf, dass Männer unter enormem Druck stehen, da die Erwartungshaltung an sie besonders hoch ist.

Ein Mann zu sein, wurde schon immer mit Macht, Dominanz und großer Selbstbeherrschung gleichgesetzt. Aber Realitäten wie Arbeitslosigkeit, mangelnde Perspektiven, Identitätsprobleme und die Unfähigkeit, mit Misserfolgen umzugehen, führen häufig zu einer nicht greifbaren und scheinbar unüberwindlichen Leere.

Daher fühlen sich viele Männer, die mit diesen Erwartungen an die männliche Rolle konfrontiert sind, isoliert und einsam. Infolgedessen sind sie einer Realität ausgesetzt, in der es keine emotionale Ehrlichkeit gibt und in der Verletzlichkeit und Verwundbarkeit sich oft in Wut verwandelt. All das führt dann zu gesundheitlichen Problemen.

Männerkreise - Skulptur

Männerkreise: ein Raum für Gemeinschaft

Heutzutage entstehen viele Männerkreise und sie bilden einen idealen Raum für die Transformation und die Heilung des klassischen Männerbildes. Denn hier treffen sich Männer aus verschiedenen Altersgruppen und unterschiedlicher sozialer Herkunft, ohne, dass sie sich vorher jemals begegnet sind.

Wir alle wissen, dass es manchmal viel einfacher ist, mit einem völlig Fremden über Themen zu sprechen, die wir noch nicht einmal mit unserer Familie oder unseren Freunden teilen würden. Dadurch wird dieser Zirkel zu einem sicheren Ort, an dem sich die Männer so zeigen können, wie sie wirklich sind.

“Bei Menschen lässt sich weder reine Männlichkeit noch reine Weiblichkeit finden, weder in psychologischer noch in biologischer Hinsicht.“

-Sigmund Freud-

Unsere heutige Gesellschaft fördert und fordert stets bestimmte Verhaltensweisen und Kommunikationsstile. Auch Männer sind nicht davor gefeit, sich angegriffen oder bedroht zu fühlen. Diese große Bürde wird ihnen oftmals durch die Erziehung und die Ausbildung mitgegeben, denn hier werden sie dazu ermutigt, stark zu sein und ihre wahren Gefühle zu verbergen. Daher sind Männerkreise ein sicherer Ort, an dem sich Männer öffnen und ehrlich über sich sprechen können. Außerdem erhalten sie hier Bestätigung, Anerkennung und Unterstützung von anderen Männern.

Was ist der Sinn und Zweck dieser Treffen?

Der Zweck, den diese Männerkreise verfolgen, ist positiv und gleichfalls auch herausfordernd. Das Ziel ist es, Männer darin zu bestärken, emotional zu reifen. Sie sollen sich kraftvoll fühlen und lernen, ihre eigenen Verletzungen zu heilen. Außerdem sollen sie sich gegenseitig in diesem Prozess begleiten und unterstützen. Daher kann man sagen, dass sie tatsächlich eine verbindliche Verpflichtung eingehen, sich selber persönlich weiterzuentwickeln.

Die Dynamiken und die Vorteile, die Männer in diesen Zirkeln finden können, sind folgende:

  • Von anderen Männern mit Respekt und Empathie angehört zu werden, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise be- oder verurteilt zu werden.
  • Sie lernen, wie sie ihre Emotionen, Gefühle, Ängste und schmerzvollen Erfahrungen ausdrücken und anderen mitteilen können.
  • Die Arbeit an der eigenen Identität und am Selbstkonzept.
  • Außerdem lernen sie, um Hilfe und Rat zu bitten.
  • Die Bildung einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt.
  • Die Männer lernen, anderen auf einfühlsame Weise zuzuhören.
  • Darüber hinaus können sie sich ihrer eigenen Verletzlichkeit und Verwundbarkeit öffnen.
  • Sie gewinnen größeres Selbstvertrauen.
  • Wichtige Ziele werden deutlicher erkennbar.
  • Die Männer entwickeln mehr Verbindlichkeit im Umgang mit sich selbst und anderen. Dadurch übernehmen sie auch die Verantwortung, mit ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen respektvoll umzugehen und diese vollkommen zu akzeptieren.
  • Darüber hinaus werden in Männerkreisen letztendlich wichtige Aspekte der Männlichkeit neu definiert und aktualisiert.
Männerkreise - zwei Männer

Wo gibt es Männerkreise?

In den vergangenen Jahren erfreuen sich Männerkreise einer zunehmenden Beliebtheit. In einigen Ländern, wie beispielsweise in Großbritannien, Australien, Spanien und den skandinavischen Ländern, sind sie bereits sehr weit verbreitet.

Interessanterweise gibt es diesbezüglich auch in den Vereinigten Staaten von Amerika eine lange Tradition. Die gemeinnützige Organisation ManKind Project befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der Unterstützung und Persönlichkeitsentwicklung von Männern. Außerdem hat diese Organisation viele Niederlassungen in fast allen Teilen der Welt.

Abschließend möchten wir darauf hinweisen, dass jeder Mann, der sich für diese Zirkel interessiert, unbedingt mit ihnen in Kontakt treten sollte. Wir möchten dich explizit dazu ermutigen, die Zentren aufzusuchen, die sich auf Männerkreise spezialisiert haben. Manchmal führt eine kleine Entscheidung zu sehr großen und wichtigen Veränderungen im Leben.

“Verletzlichkeit ist die Geburtsstätte für Innovation, Kreativität und Veränderung.“

-Brené Brown-