Literarische Figuren und psychische Erkrankungen: 7 bekannte Syndrome

· 27. Februar 2019

Im letzten Jahrhundert hat die Zahl der medizinisch anerkannten psychischen Erkrankungen erheblich zugenommen. Das liegt daran, dass diese Erkrankungen nicht als solche wahrgenommen oder in einer anderen Kategorie zusammengefasst wurden. Was früher nur als eine besondere Eigenschaft oder exzentrisches Verhaltens galt, ist heute manchmal ein Krankheitsbild. Was einst der Wahnsinn war, sind heute unterschiedliche Pathologien.

Die moderne Gesellschaft investiert viel Geld in die Erforschung dieser Krankheiten und viele von ihnen können nicht nur besser diagnostiziert, sondern sogar verhindert werden. Und einige dieser Erkrankungen sind so bekannt, dass wir sie in literarischen Figuren wiedererkennen, die ihre Charaktereigenschaften haben. Manche Krankheit ist sogar nach ihrem bekannten literarischen Vorbild benannt worden, wie zum Beispiel nach Dorian Gray oder Alice im Wunderland. 

Literarische Figuren und psychische Erkrankungen: 7 Syndrome, die wir in der Literatur finden

Dorian-Gray-Syndrom

Die Hauptfigur in Das Bildnis des Dorian Gray  von Oscar Wilde leidet an einer Erkrankung, die seinen Perfektionismus in eine Obsession verwandelt. Diese wird als Dysmorphophobie bezeichnet und beschreibt eine Körperschemastörung. Eine Person mit Dorian-Gray-Syndrom glaubt, dass ihre Imperfektionen für andere Menschen sehr auffällig wären.

Dorian Gray betrachtet sein Bildnis und sieht sein gealtertes Selbst.

Außerdem fällt es Menschen mit Dorian-Gray-Syndrom oft schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie altern werden. Der Gedanke ans Altern verursacht ihnen Stress und Selbstablehnung. Menschen, die an dieser Krankheit leiden, neigen dazu, ihre körperliche Erscheinung zu hassen.

Dornröschen-Syndrom

Ein anderes nach einem literarischen Charakter benanntes Syndrom ist das Kleine-Levin-Syndrom, das auch als Dornröschen-Syndrom bekannt ist. Es ist eine sehr seltene Erkrankung, die im Allgemeinen nur in kurzen Phasen auftritt. Das Hauptsymptom ist Hypersomnie. Betroffene schlafen für mindestens 18 Stunden, zeigen aber auch andere Verhaltenssymptome. Normalerweise behandeln Ärzte dieses Syndrom, indem sie das zentrale Nervensystem stimulieren.

Alice-im-Wunderland-Syndrom

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom betrifft normalerweise Kinder und klingt meistens während der Pubertät ab. Lewis Carroll, der Autor von Alice im Wunderland,  litt unter dieser Erkrankung. Menschen, die von ihr betroffen sind, haben eine veränderte Wahrnehmung in Bezug auf die Größe und Entfernung von Objekten. Sie nehmen Gegenstände kleiner und weiter weg wahr, als diese in Wirklichkeit sind. In der Regel ist dies aber nicht das einzige Symptom, und Menschen mit Alice-im-Wunderland-Syndrom neigen auch zu Epilepsie oder Schizophrenie.

Posttraumatische Belastungsstörung in Das ist also mein Leben  und Der Fänger im Roggen

Zwei literarische Figuren geben gute Beispiele für posttraumatische Belastungsstörungen ab: Charlie aus Das ist also mein Leben  und Holden Caulfield aus Der Fänger im RoggenBeide Figuren leiden unter Angstzuständen und Depressionen als Folge extremer Belastung durch traumatische Ereignisse. In Charlies Fall beruht sein Trauma auf sexuellem Missbrauch durch ein Familienmitglied. Holden hingegen leidet nach dem Tod seines Bruders Allie an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Posttraumatische Belastungsstörungen verursachen in der Regel Erinnerungen, die sich aufdrängen, wie Albträume oder Flashbacks, die mit der traumatischen Erfahrung zusammenhängen. Dies ist ein Syndrom, das zwar nicht nach literarischen Charakteren benannt worden ist, aber das sich bei zahlreichen Figuren in Büchern und Filmen nachweisen lässt. An posttraumatische Belastungsstörungen leiden vor allem Soldaten, Überlebende von Naturkatastrophen oder Terroranschlägen.

Das Asperger-Syndrom und Sherlock Holmes

Eine der berühmtesten literarischen Figuren aller Zeiten, Sherlock Holmes, leidet am Asperger-Syndrom. Dieses Syndrom manifestiert sich auf zwei Ebenen: Zum einem zeigen Betroffene Schwächen in der sozialen Interaktion. Zum anderen weisen dieses Menschen ein sehr stereotypes Verhalten mit stark eingegrenzten Interessen auf.

Wie Sherlock Holmes denken - Sherlock Holmes untersucht eine Spur.

Es ist für eine Person mit Asperger-Syndrom schwierig, Informationen zu behalten, die sich nicht auf ihren Alltag auswirken (z. B. welches Jahr gerade ist oder ob die Erde um die Sonne kreist), aber sie können sich ohne Weiteres tagelang mit anderen Daten und Fakten beschäftigen.

Bovarysme und Madame Bovary

Menschen mit Bovarysme sind wie Flauberts Protagonistin chronisch unzufrieden mit ihrem Leben. Sie sind tendenziell enttäuscht von Ereignissen, die sie nicht einkalkuliert haben. Das verursacht ihnen große Frustration. Ihre Erwartungen sind in der Regel unrealistisch oder sogar unmöglich, sodass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie erfüllt werden.

Das Messi-Syndrom und die kleine Meerjungfrau

Im gleichnamigen Märchen, das von Hans Christian Anderson geschrieben wurde, leidet die kleine Meerjungfrau nicht am Messi-Syndrom. In der Disney-Version ist Ariel jedoch ein Messi. Sie tendiert dazu, Dinge zu kaufen und zu horten. Obwohl dieses Syndrom mit dem Diogenes-Syndrom, dem Vermüllungssyndrom, zusammenhängt, sind die Erkrankungen nicht identisch. Das Messi-Syndrom ist eine Zwangsstörung, die die Wahrnehmung des Einzelnen darüber, wie viele Dinge er besitzt, verzerrt.

Am Ende des Tages ahmt Kunst unser Leben nach. Deswegen sind unsere beliebtesten literarischen Figuren oft nicht so perfekt, wie sie anfänglich scheinen. Diese Charaktere spiegeln dich und mich wider, mit all unseren Fehlern und Unvollkommenheiten. Dank Forschungen und Studien können wir diese Syndrome jetzt „diagnostizieren“. Wir sollten jedoch darauf achten, diese Krankheiten nicht zu romantisieren, wie es vielleicht in einem Buch passiert, um eine spannende Geschichte zu erzählen.