Liebe auf den ersten Blick

· 3. August 2018

Liebe auf den ersten Blick ist, als würde die Welt zum Stillstand kommen. Es geht um zwei Augen, die ins Visier zweier anderer geraten. Zwei Seelen, die vom Moment an ineinander fließen, in dem die Zeit stehen bleibt. Sie ist auch das Geheimnis eines Treffens, bei dem Chemie die Anziehungskraft inszeniert und oft eine Verbindung entsteht. Eine Begegnung, in der wir die Glocken wieder läuten hören, in der das Herz wieder hoffen darf.

Die Idee ist fesselnd, aber die Realität kann manchmal ganz anders aussehen. Liebe auf den ersten Blick verkauft sich. Wir mögen das Bild, das in Filmen, Literatur und Werbung so verbreitet ist. Es konditioniert uns auch.

Weiterhin erinnern uns Bücher wie Love at First Sight: The Stories and Science Behind Instant Attraction von Dr. Earl Naumann von der University of Arizona daran, dass wir an dieses Phänomen glauben (zu Deutsch: Liebe auf den ersten Blick: Geschichten und Wissenschaft hinter sofortiger Zuneigung,  nicht auf Deutsch verfügbar). Wir glauben, dass ein Blick genüge, damit die Liebe sich entzünde, auflebe, uns erobere und uns atemlos lasse.

„Und die Liebe ist in der Welt, damit wir die Welt vergessen.“

Paul Éluard

Dieser neurochemische Funke, aufgeladen mit Unsicherheit, Verlangen, Geheimnis und Fantasie, hat auch die Wissenschaft entzündet. Auch wenn nicht alles Emotionale unter dem Mikroskop beobachtet werden kann, so wissen wir doch mit Sicherheit: Liebe auf den ersten Blick existiert. Es gibt jedoch eine Reihe weniger romantischer Aspekte, die wir dabei beachten müssen.

Paar, das sich eine Jacke teilt

Nennen wir es nicht Liebe, nennen wir es Anziehung

Es gibt so etwas wie plötzliche Liebe. Sie kennt die Grenzen der Zeit nicht und kann in einem Augenblick ganz unerwartet auftreten. Ebenso kennen wir auch eine sich langsam entwickelnde Liebe, die im Laufe der Zeit entsteht und wächst. Bevor wir uns versehen, verwandelt sich etwas, das als aufrichtige Freundschaft begann, in Leidenschaft.

Liebe funktioniert nicht nach Normen, Kriterien oder Ordnungen. Sie kommt, wenn sie kommt, und wir wissen das. Dennoch, wenn wir versuchen, diese Liebe am Leben zu erhalten, brauchen wir manchmal eine gewisse Ordnung, einen Kompromiss oder eine emotionale Demokratie, in der wir uns intelligent einigen können. Denn Liebe auf den ersten Blick wird durch Anziehung in Bewegung gesetzt, nicht durch Vernunft – aber Anziehung währt nicht ewig.

Es geht um Verlangen und Fantasie. Das ist Magnetismus. Das ist der Halo-Effekt und die Wirkung von Serotonin und Dopamin. Es ist die Eingangstür, die eine Beziehung erleichtert, die es wahrscheinlicher macht, dass es das erste Date geben wird. Es ist eine Liebe, die ohne Vorwarnung kommt, aber später umso mehr Aufmerksamkeit erfordert, wenn wir sie zu einer reifen Beziehung machen wollen. Wir müssen dann die Geheimnisse mit Realitäten durchdringen und Fantasien beiseitelegen.

Regenbogenfarbene Reflexion im Auge

Liebe auf den ersten Blick: Was die Wissenschaft dazu sagt

Im Jahr 2017 wurde eine Studie zu diesem Thema durchgeführt. Im Rahmen der Studie mit dem Titel „Welche Art von Liebe ist Liebe auf den ersten Blick? Eine empirische Untersuchung“ wurden etwa 600 Personen, die nach eigener Definition „Liebe auf den ersten Blick“ erlebt hatten, über einen längeren Zeitraum untersucht.

Von diesen begannen 92 % nach der ersten Begegnung eine Beziehung, direkt von dem Moment an, in dem sie sich gegenseitig in die Augen blickten. Die meisten von ihnen glaubten fest daran, dass sie einen ganz besonderen Menschen gefunden hatten. Die Forscher befragten dann jedes Paar, um bestimmte psychologische Dimensionen genauer zu untersuchen.

In der Liebe auf den ersten Blick ist körperliche Anziehung ein essenzieller Faktor, daran besteht kein Zweifel. Aber es ist nicht immer notwendig, dass äußere Schönheit präsent ist und sofort unsere Aufmerksamkeit erregt. Die Wissenschaftler erklären, dass es etwas mehr gebe, etwas, das durch Blicke übertragen werde, das anderen ein Gefühl des Vertrauens und der Sympathie vermittele und das sich selbstbewusst und ohne Angst mit anderen Blicken verbinde.

Der Halo-Effekt

Wie wir schon gesagt haben: wenn zwei Menschen sich beim Blick in die Augen des anderen angezogen fühlen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass es ein erstes Date geben wird. Doch was bei vielen Gelegenheiten passiert, ist, dass wir durch den Magnetismus der Blicke anfangen werden, die andere Person auf eine Weise zu idealisieren, die selten realistisch ist.

Diese Anziehungskraft entsteht durch die Projektion von positiven Eigenschaften auf den anderen Menschen. Wir betrachten sie als intelligenter, edler, origineller, vertrauenswürdiger und ehrlicher. Wir erzeugen einen Halo-Effekt, der in Verbindung mit Leidenschaft die Gefühle länger anhalten lässt. Dieser wird so lange währen, bis sich früher oder später bestimmte Wahrheiten offenbaren, die tolerierbar sind oder auch nicht.

Liebe auf den ersten Blick begünstigt Romantiker

In dem zuvor zitierten Artikel der Universität von Holland wurde gezeigt, dass ein bedeutender Teil der untersuchten Stichprobe die Beziehung auch nach langer Zeit noch erfolgreich aufrechterhielt. Das heißt, dass Liebe, die auf den ersten Blick entstanden ist, oftmals dauerhaft sein und reifen kann und sich in eine befriedigende Beziehung verwandeln mag.

Dennoch endet die Beziehung in einem Teil der Fälle, wenn die Leidenschaft nachlässt, wenn die Fantasie auf die Realität trifft und das Paar nicht in der Lage ist, diese in eine belastbare Verbindung umzuwandeln. In eine, die auf Intimität, Vertrauen, Zuneigung und Fürsorge beruht.

Ebenso zeigte die Studie, dass ein großer Teil der Paare, die ihr Verhältnis auf diesem wichtigen Kreuzen von Blicken aufgebaut hatten, heftige Verteidiger der romantischen Liebe waren. Für sie waren Dinge wie Schicksal oder Seelenverwandte Realitäten, die ihren Erfolg in der Beziehung erklären sollten.

Paar, das sich in die Augen schaut

Zusammenfassend kann die Wissenschaft nicht leugnen, dass Liebe auf den ersten Blick existiert und sich als großer Erfolg zu erweisen vermag. Unabhängig davon steckt in einem großen Teil dieser Fälle, hinter dieser Begegnung von Blicken, die sich uns miteinander verbinden, nichts anderes als Anziehungskraft.

Anziehung ist dabei jener Strom unerklärlicher Kräfte, der Türen und Tore einreißt. Hindurchtreten müssen wir dennoch selbst, wenn wir uns eine gemeinsame Zukunft wünschen. Es ist wie der erste Schritt auf einer Leiter hin zu einer Verbindung, die Tag für Tag reifen und ihre eigenen Herausforderungen bestehen muss, um zu gedeihen und sich in eine glückliche und erfolgreiche Partnerschaft zu verwandeln.