Krankheit und Schuld: Wie hängen sie zusammen?

27. April 2019

Krankheit und Schuld sind eine schwere Last, die trotzdem viele Menschen tragen müssen. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie gesundheitliche Probleme haben. Sie fragen sich dann, warum es ausgerechnet sie getroffen habe. Sie wundern sich, ob sie stark genug sein werden, um die Krankheit zu überwinden. Solche Gedanken führen normalerweise zu emotionalen Problemen. Kranke Menschen sind zuweilen auch überzeugt, dass sie krank geworden seien, weil sie zu schwach waren, um zu widerstehen.

Schuld ist eine besondere Form der Angst. Wenn wir sie in unserer frühen Kindheit kultivieren, kann sie unsere emotionale Entwicklung beeinträchtigen und unsere geistige Gesundheit schädigen. Selbstverurteilung, Selbstentwertung und ein Gefühl der Unzulänglichkeit sind bei denselben Menschen üblich, die die Schuld für eine Krankheit bei sich selbst suchen. Darüber hinaus kann Schuld ihr Leben in vielerlei Hinsicht beeinflussen und zu mehr Leiden führen. Beispielsweise kann es zu selbstzerstörerischem Verhalten motivieren.

Krankheit und Schuld bei psychischen Erkrankungen

Psychische Erkrankungen können bei Betroffenen Schuldgefühle auslösen. Diese Krankheiten sind oft weniger offensichtlich wie ein Beinbruch und mit einem sozialen Stigma belegt. Betroffene, die eine psychische Erkrankung haben, bekommen deswegen oft nicht die gleich Unterstützung, wie jemand, der einen Unfall hatte und nun an Krücken gehen muss.

Die Gesellschaft ist immer noch nicht genug sensibilisiert, was psychische Erkrankungen und deren Wirkung auf Betroffene angeht. Wenn jemand psychisch erkrankt, kann es deswegen sein, dass seine Angehörigen aufgrund fehlenden Verständnisses oder Wissens mit Angst oder Geringschätzung reagieren. 

Eine Frau hat verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht geschlagen.

Das bereits genannte Stigma, das psychischen Krankheiten anhaftet, ist möglicherweise der wichtigste Faktor, warum die Rehabilitationsraten immer noch nicht optimal sind. Ebenso kann dieses Stigma den Zugang zu Behandlungen erschweren. Folglich behindert es die effektive soziale Reintegration auf verschiedene Weise.

Darüber hinaus tragen Stigma und soziale Ausgrenzung wesentlich zum Leid der Betroffenen bei. Das kann die Prognose für den weiteren Krankheitsverlauf  verschlechtern. Zum einen geschieht dies auf einer individuellen Ebene, indem es psychisch Erkrankte mit bestimmten negativen Stereotypen oder Merkmalen verknüpft. Auf der anderen Seite ist es ein soziales Konstrukt, das Stereotype und allgemeine soziale Ablehnung miteinander verbindet.

„Psychische Erkrankung ist ein Thema, dass viel Aufmerksamkeit braucht. Es ist das letzte Tabu, und es muss angegangen und überwunden werden.“

Adam Ant

Warum fühlen sich kranke Menschen schuldig?

Wie kann es sein, dass eine Person sich schuldig fühlt, weil sie krank ist? Warum sollte ein depressiver Mensch Schuldgefühle hegen, weil er scheinbar zu sensibel auf seine Umwelt reagiert? Das sind sehr komplexe Fragen. Allerdings können in emotional belastenden Situationen Gefühle ausschlaggebender sein als das, was uns unser Verstand sagt. 

In vielen unterschiedlichen Situationen können sich kranke Menschen schrecklich fühlen, weil sie nicht kontrollieren können, was mit ihnen geschieht. In diesen Fällen werden sie Opfer ihrer jener kognitiven Verzerrung, die ihnen suggerierte, dass sie jede Situation kontrollieren könnten. So fühlen sie sich schließlich für Probleme verantwortlich, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen und absolut nichts mit ihnen zu tun haben.

Krankheit und Schuld kommen oft zusammen: Ein Betroffener schaut nachdenklich aus dem Fenster.

Menschen, die ihre Realität so verzerrt wahrnehmen, fühlen sich für das verantwortlich, was ihnen widerfährt. Sie sind überzeugt, stets etwas tun zu können, um ihren Weg selbst zu bestimmen. Es stresst sie, wenn sie dazu nicht in der Lage sind; sie machen sich Vorwürfe. Diese Logik kann dazu führen, dass sich Betroffene schuldig für ihre Krankheit fühlen. 

Wie wir sehen können, kommen Krankheit und Schuld oft gemeinsam daher. Dies gilt insbesondere bei psychischen Erkrankungen. Der Kampf gegen ihre Stimatisierung sollte deshalb unser aller Priorität sein.