Korruption beginnt bei den einfachen Leuten

· 25. Februar 2019

Zum Glück ist es inzwischen üblich, dass sich Menschen über Korruption beschweren. Der mangelnde Anstand, den wir bei mächtigen Menschen, insbesondere bei Politikern, feststellen können, erschreckt und empört. Jeden Tag hören wir von neuen Fällen, und viele von uns haben das Gefühl, dass das, was wir hören, nur die Spitze des Eisbergs sei.

Korruption schadet der Gesellschaft. Im Wesentlichen zerreißt sie den Pakt, welcher das Herz jeder Zivilisation darstellt: Recht und Ordnung, das Gesetz. Korruption ist ganz grundsätzlich eine bösartige Handlung, da alle anderen Mitglieder der Gesellschaft automatisch zu passiven Opfern werden, den durch die Korruption verursachten Schaden erleiden müssen. Das Schlimmste daran ist, dass viele korrupte Menschen Geld stehlen, das sie gar nicht brauchen. Sie scheinen die Motivation für ihre Straftat vor allem aus einer Art asozialen Vergnügens zu ziehen, welches daraus resultiert, dass sie andere ausnutzen können.

„Verdorbene Politiker lassen die anderen zehn Prozent schlecht aussehen.“

Henry Kissinger

All dies ist eine gerechtfertigte Quelle der Empörung. Es gibt jedoch noch eine andere Art von Korruption, über welche die Leute nicht besonders viel reden. Das ist die Korruption, an der auch der normale Bürger teilhat, wenn auch in einem viel geringerem Maße.

Das Gesetz und die Korruption

Das Gesetz enthält eine Reihe von Regelungen, die jedem, der Mitglied einer Gesellschaft ist, Grenzen und Verpflichtungen auferlegen. Es kann sein, dass du dem Gesetz nicht zustimmst. Mangelnde Zustimmung zum aktuellen Recht ist tatsächlich eine der großen Kräfte, welche die Geschichte stetig antreiben: Die Debatte darüber, wie das Gesetz sein soll, findet kein Ende und wird immer wieder neu geführt. Neue Gesetze ergeben sich aus einem stetigen Austausch von Argumenten und einem Wandel der Umstände. Manchmal mischen sich auch neue und alte Gesetze, um etwas anderes zu erschaffen.

Wenn du mit dem existierenden Gesetz nicht einverstanden bist, gibt es Mechanismen, um es anzufechten, infrage zu stellen. Diese reichen von politischer Partizipation in Form von Petitionen oder Parteiarbeit bis zu zivilem Ungehorsam und Revolutionen. Niemand muss dem Gesetz blind gehorchen. Wenn die Konsequenzen für dich aber nicht extrem schwerwiegend sind, ist es sicher am sinnvollsten, das Gesetz zu befolgen, solange es in Kraft ist.

Justizia und das Dunkel der Korruption

Korruption bei einfachen Bürgern entsteht immer dann, wenn es ein System von Verpflichtungen gibt, welches parallel und unabhängig von den gesetzlichen Bestimmungen existiert. Dieses System ist – im Gegensatz zum eigentlich legalen Rechtssystem – auf den Nutzen der einzelnen Person ausgerichtet. Das Gute, was der Gesamtgesellschaft innewohnt, wird dabei völlig ignoriert.

Innerhalb dieses Systems ist alles, was dem Einzelnen einen Gewinn verschafft, legal. Andere Menschen sind dabei nicht gleichberechtigt, obwohl deren Rechte eigentlich zu respektieren wären. Stattdessen werden sie zu einem Mittel zum Zweck oder zu Hindernissen, die überwunden werden müssen. Sie zählen einfach nicht. Das Ziel von Korruption in diesem parallelen System besteht im Wesentlichen darin, einen individuellen Nutzen zu erzielen.

Bürger und Korruption

Eine wichtige Frage, die wir uns an dieser Stelle stellen, ist, ob nur Politiker bzw. die Mächtigen ganz allgemein, also Wirtschaftsbosse etc., nach dieser Philosophie des persönlichen und individuellen Vorteils handeln, unabhängig davon, wie sich dies auf die Rechte anderer Menschen auswirkt? Wenn du über alltägliche Situationen nachdenkst, wirst du feststellen, dass viele einfache Menschen nach denselben Prinzipien der Korruption handeln. Dem Gesetz zum Wohle, der Allgemeinheit anstelle dem eigenen Interesse zu dienen, ist nicht ihre Art zu leben. Stattdessen hat ihr Individualismus Vorrang in ihrem Leben. In manchen Gesellschaften wird das auf die Spitze getrieben. Gesetze werden im Grunde zu bedeutungslosen Wortansammlungen. Stattdessen werden die Standards der Gesellschaft von ihren am wenigsten gewissenhaften Mitgliedern definiert.

Wir Menschen neigen dazu, das Gesetz nur dann zu befolgen, wenn jemand zuschaut. In den kleinen Dingen des Alltags dringt die Korruption in unser Leben ein, wie beispielsweise beim Vordrängeln in einer Warteschlange oder beim Ausnutzen der Freundschaft zu einer einflussreichen Person, um dadurch an Privilegien zu gelangen.

Korruption ist, wenn unterm Tisch Geld fließt.

Vielleicht finden die großen Korruptionsfälle deshalb immer noch statt. Die Gesellschaft toleriert diese Handlungen im Kleinen, anstatt sie konsequent zu verurteilen. So nehmen sich die Menschen diese Kleinigkeiten als Beispiel für ihr eigenes Verhalten und reproduzieren es. Oder die Gesellschaft lehnt sich einfach zurück und wird zu einem passiven Zeugen all dessen. Die Gesellschaft will die Angelegenheit einfach nicht dadurch verkomplizieren, dass sie versucht, einzugreifen und gewisse Grenzen zu setzen.

Abgesehen von den durch Korruption verursachten wirtschaftlichen oder politischen Schäden ist das wohl Verheerendste die Art und Weise, wie dieses Phänomen die gesamte Kultur angreift. Soziale Bindungen verschlechtern sich aufgrund von Korruption. Vertrauen wird gebrochen. Autorität bekommt eine negative Konnotation.

Dann wird zivilisiertes Verhalten optional. Aus der Praxis wissen wir, dass das stärkste Gesetz jenes ist, was am Ende auch gültig ist. Korruption verwandelt die Gesellschaft jedoch in eine unorganisierte Horde, in der sich jeder selbst der Nächste ist.