Kindling: Was dich nicht umbringt, macht dich verletzlicher

Nach einer Erstmanifestation ist die Wahrscheinlichkeit größer, eine weitere Depression zu erleiden. Das Modell von Teasdale erklärt, warum das so ist.
Kindling: Was dich nicht umbringt, macht dich verletzlicher

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 29. Januar 2022

Kindling erklärt, warum manche Menschen nach mehreren depressiven Episoden verletzlicher werden. Wir sprechen von einem Phänomen, das sich der Volksweisheit “Was dich nicht umbringt, macht dich stärker” entgegensetzt. Dieses Prinzip beruht darauf, dass wir bei neuen Stressoren immer durch innere und äußere Erfahrungen der Vergangenheit konditioniert sind.

Ein Beispiel: Wenn du dich nach mehreren Fehlschlägen im Job bemühst, eine Aufgabe zu erledigen und dir das nicht gelingt, nimmt deine Frustration zu und deine Motivation ist geringer als beim ersten Versuch. Diese negative Blockade aktiviert sich bei jeder neuen Arbeitserfahrung.

Wir alle haben Blockaden, die durch sehr unterschiedliche Stressoren und Informationen aktiviert werden. Teasdale versucht mit der Kindling-Theorie zu erklären, wie sich diese negativen Knotenpunkte aktivieren.

Kindling: Was dich nicht umbringt, macht dich schwächer

Kindling und das “Differential activation model” von Teasdale

Die Kindling-Theorie wurde im Rahmen einer umfassenderen Hypothese entwickelt: In seinem  “Differential activation model” geht Teasdale davon aus, dass die kognitive Anfälligkeit durch die Assoziation der kognitiven Strukturen für die Informationsverarbeitung und der negativen Stimmung nach der Erstmanifestation einer Depression größer ist.

Beeinflusst von Beck und Bower, postuliert Teasdale, dass jede Emotion im Gedächtnis durch einen bestimmten Knotenpunkt repräsentiert wird. Dieser Knotenpunkt ist mit assoziierten Kognitionen oder Merkmalen verbunden. Bei Depressionen sind diese negativ. Bei der Aktivierung eines Knotens erlebt die betroffene Person die entsprechende Emotion und die Aktivierung breitet sich über die Verbindungen des Knotens aus.

Der Autor argumentiert, dass der Grad der Aktivierung und das Muster dieser Knoten bestimmen, ob eine anfängliche Depression hartnäckiger wird. Dies führte zur Festlegung von zwei Schlüsselkonzepten: Kindling und Sensibilisierung.

Das Diathese-Stress-Modell

Teasdales Theorie ist ein Diathese-Stress-Modell, das davon ausgeht, dass die Art von Ereignissen, die bei manchen Menschen eine klinische Depression auslösen, auch bei anderen Menschen eine dysphorische oder negative Stimmung hervorrufen können.

Das Auftreten depressiver Symptome resultiert aus der Aktivierung des Depressionsknotens nach einem belastenden Ereignis. Diese Aktivierung breitet sich auf die damit verbundenen (negativen) kognitiven Knoten oder Konstrukte aus. Wenn diese kognitive Aktivität die depressiven Knoten durch einen zyklischen Mechanismus reaktiviert, entsteht ein Teufelskreis, der dazu führt, dass sich die ursprüngliche Depression verstärkt.

Im Gegensatz zu Becks Theorie glaubt er nicht, dass die Kopplung zwischen der Art des Ereignisses (Art des Stressors) und der Art der kognitiven Knoten oder Konstrukte eine notwendige Voraussetzung ist. Für ihn sind mit zunehmender persönlicher Erfahrung mit schweren depressiven Episoden weniger Umweltstressoren erforderlich, um einen Rückfall auszulösen.

Die Forschung zu kognitiven Modellen der Depression hat die Beziehungen zwischen verschiedenen Ebenen von kognitiven und Persönlichkeitsvariablen, der Interaktion zwischen Personen und Ereignisfaktoren oft vernachlässigt. Teasdales Theorie ist jedoch ein perfektes Beispiel für eine Erklärung dafür, wie die Person eine Erfahrung empfängt, sie aber gleichzeitig auch konstruiert.

Kindling und Sensibilisierung: geringere Stimulation des Schmerzes, zunehmende Ausbreitung

Die klassische differenzielle Aktivierungshypothese (Teasdale, 1988) wurde 1996 von Segal, Williams, Teasdale und Gemar überarbeitet. Sie schlugen eine weitere Ausarbeitung dieser Hypothese vor, indem sie die Anwendung der Konzepte des Kindling und der Sensibilisierung vorschlugen.

  • Das Phänomen des Kindling besagt, dass die kontinuierliche Reaktivierung negativer kognitiver Strukturen dazu führt, dass assoziative Netzwerke zwischen depressiven Konstrukten verstärkt werden. So kann eine breite Palette von Reizen die Aktivierung des Netzwerks fördern, indem sie nur ein Element aktivieren.
  • Der Sensibilisierungseffekt wird durch eine Verminderung der Aktivierungsschwelle von depressotypischen Konstrukten erklärt, die durch die wiederholte Aktivierung dieser Strukturen entsteht.

Diese Aspekte erschweren die ohnehin schon problematische Definition von Stressoren im Vulnerabilität-Stress-Modell.

Nach dieser Theorie würde die Bedeutung des Stressors abnehmen, wenn die kognitive Sensibilisierung einer Person zunimmt. Daher kann ein minimaler Stimulus eine Aktivierung des depressogenen Netzwerks in einer Person auslösen, ohne dass es sich um einen großen Stressor handeln muss.

Kindling: Was dich nicht umbringt, macht dich verletzlicher

Depression: Was du erlebt hast und wie du das Erlebte interpretierst

Die Anfälligkeit für einen depressiven Rückfall wird durch das erhöhte Risiko bestimmt, dass in depressiven Zuständen negative Informationsmuster aktiviert werden. Studien zur Sensibilisierung erklären den Grund für dieses erhöhte Risiko der Aktivierung negativer Denkmuster.

Einerseits erleichtert das Auftreten einer depressiven Episode die Vertrautheit in der Kognition, sodass vertraute negative Verarbeitungsprozesse angesichts eines neuen Stressors abgerufen werden können. Diese Abhängigkeit von negativen Knotenpunkten aufgrund ihrer Stärke und Zugänglichkeit ist das Phänomen des Kindlings.

Diese Abhängigkeit wiederum erleichtert ihre zukünftige Aktivierung auf der Grundlage von immer weniger intensiven Signalen, d.h. sie erleichtert die Sensibilisierung. Die notwendige Schmerzschwelle wird gesenkt.

Dieses Modell legt nahe, dass die Prozesse, die mit dem Rückfall/Wiederauftreten und dem Ausbruch der Episode zusammenhängen, möglicherweise nicht isomorph sind. Genau das ist der Grund für Forschung und psychologische Interventionen, die darauf abzielen, die Strategien zur Rückfallprävention zu optimieren.

Es ist zu beachten, dass die Form der negativen Verarbeitung eine Tendenz, aber keine Dauerhaftigkeit und Unveränderlichkeit impliziert. Bestimmte Erfahrungen können sie trotz ihrer relativen Widerstandsfähigkeit gegenüber Veränderungen verstärken oder abschwächen.

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  • Teasdale, J.D., & Green, H. A. C. (2004). Ruminative self-focus and autobiographical memory. Personality and Individual Differences, 36, 1933–1943.