Ist die Monogamie eher ein Ideal als Realität?

· 16. November 2018

Selbst in scheinbar mongamen Gesellschaften ist Untreue üblich. Das Gleiche gilt für die meisten Tierarten. Es gibt einige wenige Spezies, die sich treu bleiben, doch die Gründe, warum sie das tun, sind alles andere als romantisch. Verständnis, warum die Monogamie für Tiere nur selten funktioniert und warum sie so oft versagt, kann uns Rückschlüsse auf unsere Beziehungen ziehen lassen.

Trotz tausender Gedichte, Lieder, Romane, Opern, Dramen, Mythen und Legenden, die von der Liebe handeln, haben nur wenige Wissenschaftler dieser Leidenschaft das Studium gewidmet, das sie eigentlich verdient hat. Forschern der University of Cambridge (England, Vereinigtes Königreich) ist es jedoch gelungen, den Prozess zu entschlüsseln, der Säugetiere zu einer sozialen Monogamie als Strategie für die Fortpflanzung führt. Dabei haben diese Forscher auch entdeckt, dass die sexuelle Monogamie bei Säugetieren eher ein Ideal als eine Realität zu sein scheint.

„Die Monogamie vieler Männer basiert auf Faulheit, die vieler Frauen auf der Gewohnheit.“

Victor Hugo

Frau, die einen Mann umarmt

Genetische und psychologische Faktoren, die die Monogamie beeinflussen

Die Monogamie ist ein Konzept, das sich auf eine Beziehung bezieht, in der ein Mensch nur einen Partner gleichzeitig haben kann. In der Tat sind die Menschen eine der wenigen Spezies, die die Monogamie praktizieren. Oder es zumindest vorgeben. Und wir wir alle wissen, funktioniert das oft weniger gut.

Nicht alle Menschen sind untreu, doch laut einer Studie von Professor Tim Spector seien wir genetisch darauf vorbereitet, untreu zu sein. Dies ist der wichtigste Faktor im Zusammenhang mit der Untreue: 40 % der Fälle von Untreue können aufgrund genetischer Faktoren erklärt werden. Die von Spector an 1600 Zwillingspaaren durchgeführte Studie zeigt, dass Untreue unter erheblichem genetischem Einfluss steht. Daher schlussfolgert der Wissenschaftler, dass dieses Verhalten bestehen bleibe, da es evolutionär von Vorteil sei.

Als psychologische Faktoren, die über Treue oder Untreue entscheiden mögen, können wir die emotionale, persönliche und sexuelle Zufriedenheit hervorheben. Eine Person, der ihre Routine und das Etablierte gefallen, wird kaum den Drang verspüren, aus diesen auszubrechen, und in Kombination mit einem hohen Serotoninspiegel wird so die Treue zur angenehmsten Option. Auf der anderen Seite sind Personen, die zu intensiven Empfindungen und einem niedrigen Serotonin- und Dopaminwert neigen, anfälliger für Untreue. 

Eine Studie, die von den Wissenschaftlern Steven Gangestad, Randy Thornhill und Christine Garver an der University of New Mexico (New Mexico, USA) durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass Frauen einige Tage vor, während und nach dem Eisprung sexuell aktiver sind. Dies wäre kein Problem, wenn sich dieses Interesse gegenüber dem eigenen Partner bemerkbar machen würde. Aber nein, die Ergebnisse zeigen, dass Frauen während ihrer fruchtbaren Tage ein größeres sexuelles Interesse gegenüber und Fantasien bezüglich anderen Männern haben.

Ob die Treue authentisch ist, entscheidet immer der, der sie liefert, niemals der, der sie empfängt.

Untreue

Sexuelle Monogamie vs. soziale Monogamie

Jüngsten Untersuchungen zufolge sind Säugetiere eher in sozialer Hinsicht monogam, jedoch nicht so sehr in sexueller. Soziale Monogamie bezieht sich dabei auf die Praxis, nur einen Partner zu haben, während Untreue im sexuellen Sinne durchaus stattfinden kann. Sie muss dabei auch gar nicht als Untreue verstanden werden, das kommt auf die Einstellung der Partner an. Einigen Autoren zufolge sei dies die beste Strategie, um unsere Gene an die nächste Generation weiterzugeben und Kinder in einer sicheren Umgebung aufzuziehen.

Eine kürzlich im Journal of Couple and Relationship Therapy  veröffentlichte Studie zeigt, dass zwischen 45 und 55 % der verheirateten Frauen untreu sind. Auch die Sexologin Janis Springs, Autorin von After the Affaire  (zu Deutsch: Nach der Affäre,  nicht auf Deutsch verfügbar), ist überzeugt, dass Untreue mindestens ein Drittel aller Paare betrifft. Für Männer werden übrigens ähnliche Zahlen geliefert, wonach in etwa 75 % aller Ehen mindestens einer der Partner untreu ist.

So gesehen, scheint die sexuelle Monogamie eher ein Ideal als eine Realität zu sein. Im Gegenteil dazu ist die soziale Monogamie jedoch in der Mehrheit der Erziehungsstile der westlichen Gesellschaft verankert. Und du, wie monogam bist du?

Die Monogamie: Unentbehrlich oder notwendig? Letzteres ist schöner, impliziert eine Wahl und keine hässliche Norm.