Introvertierte Menschen: So schön wie der Sonnenuntergang

· 4. April 2019

Es mag sein, dass einer der Gründe, warum wir Sonnenuntergänge wirklich schätzen, der gleiche Grund ist, warum uns introvertierte Menschen so natürlich erscheinen. Es ist die Schönheit, Ruhe und Frieden schätzen zu können. Introvertierte Menschen werden oft als nicht besonders gesellige Menschen gebrandmarkt. Es ist aber nicht so, dass sie Partys oder größere Menschenansammlungen hassen würden, sondern eher, dass sie gewisse Barrieren der Kommunikation berücksichtigen.

Introvertierte Menschen empfinden eine Nacht allein mit einem guten Abendessen und einem schönen Film nicht als Zeitverschwendung. Im Gegenteil, sie betrachten diese Nächte als eine Notwendigkeit. Es ist ihre Freizeit, die sie genießen, bevor sie wieder in die Welt hinausgehen müssen. Dies ist nur bei etwa einem Drittel der Bevölkerung der Fall.

Laut Sophia Dembling, Psychologin und Autorin von The Introvert’s Way: Living a Quiet Life in a Noisy World  (zu Deutsch: Der Weg des Introvertierten: Ein ruhiges Leben in einer lauten Welt leben,  nicht auf Deutsch verfügbar), versinken introvertierte Menschen oft sehr tief in Themen, über die sie leidenschaftlich gern reden. Einige von ihnen neigen auch dazu, sich mit dem Sinn des Lebens oder der Natur der Liebe zu beschäftigen.

Oft verwechseln wir Schüchternheit mit Introversion. Dies sind jedoch zwei völlig unterschiedliche Konzepte. Schüchternheit ist die Angst vor sozialer Missbilligung. Introversion hingegen ist eine Präferenz für Umgebungen, die nicht besonders fordernd sind. Schüchternheit ist im Kern schmerzhaft. Introversion ist jedoch genau das nicht.

Wenn du eher introvertiert bist, weißt du auch, dass die Neigung zur Stille tiefe psychische Schmerzen verursachen kann. Als Kind hast du vielleicht gehört, wie sich deine Eltern für deine Schüchternheit entschuldigten. Oder du hast in der Schule vielleicht die Anweisung erhalten, ‚mal aus dir herauszukommen‘.“

Susan Cain

Ein Mädchen, das über introvertierte Menschen liest

Sie fühlen sich allein in der Masse

Trotz des scheinbaren Widerspruchs ist es normal, dass sich introvertierte Personen unter vielen Menschen allein fühlen. Sie investieren ihre soziale Energie lieber in enge Freunde, Kollegen und ihre Familien. Wie oft reden wir nur, um stille Räume mit Geräuschen zu füllen? Wie oft verschwenden wir unseren Atem für sinnlose Gespräche?

Introvertierte Menschen können durchaus gut ausgeprägte soziale Fähigkeiten besitzen und Partys oder Arbeitstreffen genießen. Doch nach kurzer Zeit ziehen sie es vor, nach Hause zu gehen. Sie hören mehr zu, als dass sie sprechen. Auch denken sie mehr nach, bevor sie reden, und sie haben oft das Gefühl, sich schriftlich besser auszudrücken zu können. Sie neigen ebenso dazu, Konflikte zu vermeiden. Einige haben vielleicht Angst vor Small Talk, aber sie genießen tiefgehende Diskussionen.

Sie sind schnell gelangweilt in Umgebungen, wo es viele Menschen oder äußerliche Reize gibt. Dies erklärt sich dadurch, dass introvertierte Menschen den Details mehr Aufmerksamkeit schenken und sich deshalb überfordert fühlen, wenn es zu viel Stimulation um sie herum gibt.

„Du sagst immer, die Leute mögen dich nicht, aber die Leute können etwas nicht mögen, das gar nicht da ist.“

Cath Crowley

Ein introvertierte Mensch sitzt allein auf einem Dach und beobachtet den Sonnenuntergang.

Ticken die Gehirne von introvertierten Personen anders?

Eine Studie der Harvard University (Massachusetts, USA) zeigte vom Durchschnitt abweichende Aktivitätsmuster im Gehirn von Personen, die als introvertiert eingestuft wurden. Diese Studie gab Aufschluss darüber, warum diese Personen sich so verhalten: Introvertierte Menschen haben eine höhere Menge an grauer Substanz, die in bestimmten Bereichen des präfrontalen Kortex deutlich dicker ist. Diese Bereiche beziehen sich auf das abstrakte Denken und die Entscheidungsfindung.

Andere Merkmale des Gehirns von introvertierten Menschen sind neben ihrem besser entwickelten präfrontalen Kortex auch eine höhere Aktivität in den Frontallappen und im vorderen Thalamus. Dadurch können sich diese Menschen besser an Ereignisse erinnern, Pläne schmieden und Probleme lösen.

Die Menschen, die introvertiert sind, achten mehr darauf, was in ihnen vorgeht, und nicht so sehr auf das, was um sie herum geschieht. Umgekehrt haben sie eine höhere Gehirnaktivität in den Bereichen Lernen, motorische Kontrolle und Wachsamkeit. Das macht sie vorsichtiger.

Auf der Suche nach Weisheit ist der erste Schritt die Stille.“

Pythagoras