Die zwei Gesichter der Schüchternheit

7. Juni 2017 en Psychologie 109 Geteilt

Schüchtern zu sein bedeutet nicht, dass man ein Defizit an irgendetwas hat, noch ist es eine Tugend an sich. Es ist einfach eine Eigenschaft, die vom Temperament und den Erfahrungen einer Person abhängt. Trotzdem betrachten viele Menschen Schüchternheit als ein Problem, das sie auf jeden Fall beseitigen müssen.

Es stimmt allerdings, das schüchterne Menschen sich in sozialen Situationen mit gewissen Problemen konfrontiert sehen: Es fällt ihnen nicht leicht, das Eis zu brechen und ein Gespräch zu beginnen, und sie fühlen sich nicht wohl dabei, von sich selbst zu sprechen. All dies kann sich negativ auf ihre Beziehungen zu anderen auswirken. Schüchternheit beruht auf einem Mangel an Selbstsicherheit, dem Gefühl, dass man die Aufmerksamkeit oder Anerkennung anderer nicht wert sei und nicht das Recht habe, als Person gewürdigt zu werden. Schüchterne Menschen schämen sich also für sich selbst und legen zu viel Wert auf die Meinung anderer.

„Schüchternheit ist ein Knick in der Seele, eine besondere Kategorie, eine Dimension, die in die Einsamkeit führt.“

Pablo Neruda

Aber das bedeutet keineswegs, das schüchterne Menschen dazu prädestiniert sind, zu versagen. Dass sie Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen haben, hat mit ihren intellektuellen oder emotionalen Fähigkeiten überhaupt nichts zu tun. Manchmal kann es sogar von Vorteil sein, schüchtern zu sein. Wenn du das nicht glaubst, dann schau dir mal die verschiedenen historischen Figuren an, die trotz ihrer Schüchternheit großartige Dinge vollbracht haben.

Schüchternheit: Ein Merkmal großer Persönlichkeiten

Es wird erzählt, dass Agatha Christie, die bekannte Romanautorin, aufgrund ihrer Schüchternheit ein ungewöhnliches Erlebnis hatte. Im Jahr 1958 bereitete sie sich auf eine Feier vor, die ihr zu Ehren in dem berühmten Londoner Hotel Savoy stattfinden sollte. Als sie dort ankam, erkannte sie jedoch der Türsteher nicht und ließ sie deshalb nicht eintreten.

Sie fühlte sich nicht dazu in der Lage, dem verwirrten Türsteher zu widersprechen und kehrte ihm wortlos den Rücken, um im Wartesaal Platz zu nehmen. Von dort aus lauschte sie der Feier zu ihren Ehren. Zu diesem Zeitpunkt war sie 67 Jahre alt und hatte über 60 Romane geschrieben, die überall auf der Welt gelesen wurden.

Was Charles Darwin betrifft, der zitterte am ganzen Leib, wenn er in der Öffentlichkeit sprechen musste. Er fühlte sich nicht dazu in der Lage, vor Publikum zu sprechen. Der englische Schauspieler Dick Bogarde übergab sich sogar regelmäßig, bevor er auf die Bühne ging. Auf der Bühne war er hervorragend, solange er nicht seinem Publikum gegenüberstand.

Schüchternheit, Introversion und Tragödien

Es gibt schüchterne Menschen und es gibt extrem schüchterne Menschen. Dr. Henry Heimlich zum Beispiel, der eine Methode erfunden hat, um einen Menschen zu retten, der dem Ersticken nahe ist, sagte, dass viele Menschen an ihrer Schüchternheit sterben könnten. Wenn sie das Gefühl hätten, dass sie keine Luft mehr bekämen, bewegten sie sich lieber von der Gruppe weg, statt sich der Peinlichkeit zu stellen, zu husten und dadurch  Aufmerksamkeit zu erregen.

Viele Menschen setzen Schüchternheit mit Introversion gleich, aber es handelt sich hierbei um verschiedene Dinge. Eine introvertierte Person ist einfach gerne allein und fühlt sich in sozialen Situationen nicht wohl. Sie gibt nicht so viel auf die Meinung der anderen und hat aber keine Hemmungen, ihre eigene zu vertreten.

Im Gegensatz dazu fühlen sich schüchterne Personen furchtbar nervös und würden gern offener sein, schaffen es aber nicht. Ihr Schamgefühl ist so stark, dass sie befürchten, dass alles, was sie tun oder sagen, anderen Menschen auf die Nerven gehen könnte.

Die Vorteile der Schüchternheit

Zum einen kann Schüchternheit tragisch sein, zum anderen kann sie als Verteidigungsmechanismus wirken. In der Natur fangen die Kühnsten und Mutigsten die reichste Beute und schnappen sich die besten Partner, aber sie sterben auch am schnellsten und erleiden im Laufe ihres Lebens die schlimmsten Wunden.

Schüchterne Personen fühlen sich gezwungen, diese Eigenschaft auf anderer Ebene auszugleichen. Sie tendieren beispielsweise dazu, Gehörtes und Gesagtes häufig zu wiederholen. Sie haben zumeist ein besseres Gedächtnis und weit entwickelte sprachliche Fähigkeiten, auch wenn sich diese meist eher im Schriftlichen als im Mündlichen zeigen. Schüchterne Menschen sind außerdem häufig überdurchschnittlich gut dazu in der Lage, methodisch und konzentriert zu arbeiten. Da sie sich bezüglich der Ergebnisse ihrer Handlungen und Projekte so unsicher sind, planen und verwirklichen sie diese mit großer Sorgfalt.

Wenn die Schüchternheit aber einen Menschen tatsächlich stark beeinträchtigt, kann sie nicht als Vorteil gesehen werden. In diesen Fällen kann es sich auch um unnötiges Leiden handeln, dass wahrscheinlich auf einer sozialen Phobie beruht. Wenn die Schüchternheit tatsächlich synonym zum Unglück ist, gibt es effektive Behandlungsmöglichkeiten, über die es sich zu informieren lohnt.

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