In Erinnerungen zu leben heißt, weniger zu leben

· 7. September 2018

In Erinnerungen zu leben schränkt uns ein, denn wer die Gegenwart nicht genießt, der nutzt ihn nicht, den einzigen Moment, den er hat, um zu leben. Im Leben geht es nicht um Erinnerungen, sondern ums Handeln. Es geht nicht darum, rückwärts zu gehen, sondern vorwärts. Es geht auch nicht darum, zwischen der Vergangenheit und der Zukunft gefangen zu sein, als ob es das Hier und Jetzt nicht gäbe.

Erinnerungen sind ein fester Bestandteil des Lebens und oft unvermeidlich. In gewisser Weise sind Erinnerungen eine Art, an dem festzuhalten, wer wir sind, was wir lieben und was wir nicht verlieren können. Sie verbinden uns nach wie vor mit dem, was uns tief berührt hat.

„Gestern ist die Erinnerung von heute und morgen ist der Traum von heute.“

Kahlil Gibran

Erinnerungen täuschen, weil sie mit Ereignissen aus der Gegenwart gefärbt und verzerrt dargestellt werden. Der Unterschied zwischen gefälschten und echten Erinnerungen ist der gleiche wie bei Juwelen: die gefälschten sind oft die, die am verlockendsten aussehen, die, die am meisten glänzen.

Autor, Drehbuchautor und Regisseur Ray Loriga bringt in seinem Buch Tokio liebt uns nicht mehr  zum Ausdruck, wovor uns Wissenschaftler schon lange gewarnt haben: Erinnerung ist wie der dämlichste Hund: Man wirft ihm einen Stock zu und er bringt einem alles mit.“

„Mögest du jeden Tag deines Lebens leben.“

Jonathan Swift

Das Leben wäre unmöglich, wenn wir uns an alles erinnern würden

In einem Interview fragte jemand Albert Einstein, was er normalerweise täte, wenn er eine neue Idee habe. Ob er diese zum Beispiel auf Papier oder in ein spezielles Notizbuch schreiben würde. Der Wissenschaftler antwortete entschieden: „Wenn ich eine neue Idee habe, vergesse ich sie nicht.“  Und es ist wahr. Wenn uns etwas begeistert, ist es fast unmöglich, es zu vergessen.

Traurige Frau guckt durch verregnetes Fenster

So erinnern wir uns an das, was wirklich wichtig ist und was uns anregt, weil es die Bereiche des Gehirns aktiviert, die dafür sorgen, dass unser Gedächtnis die Idee, das Gefühl, das Ereignis abspeichert. Ein Problem besteht darin, dass das Gehirn auch das behält, was wir vergessen wollen. Nichts fundiert eine Erinnerung so stark wie der Wunsch, sie zu vergessen.

Aus der umgekehrten Psychologie wissen wir, dass Vergessen notwendig sei, um relevante Erinnerungen zu speichern. Am Ende ist es möglich, dass der Hund unserer Erinnerungen nicht so dämlich ist und uns irgendetwas zurückbringt, anstatt den Stock, den wir ihm dazu zugeworfen haben.

„Du musst in der Gegenwart leben, dich mit jeder Welle stärken, deine Ewigkeit in jedem Moment finden. Die Dummen bleiben auf ihrer Insel der Möglichkeiten stehen und schauen sich andere Gebiete an. Es gibt kein anderes Gebiet, es gibt kein anderes Leben als dieses.“

Henry David Thoreau

Erinnerungen sind das Parfüm, das Bestand hat

Freude ist die Blume, die blüht, wenn wir leben, handeln oder tun. Damit bauen wir jeden Tag unsere Erinnerungen auf, die das Parfum sind, das Bestand hat. Die glücklichsten Erinnerungen sind die an jene Momente, die genau dann endeten, als sie enden mussten, ohne sich in die Länge zu ziehen und uns allzu lange zu erfreuen.

Deshalb erinnern wir uns nicht an Tage, sondern an Momente und sollten immer wieder neue Erfahrungen machen. Das Glück des Lebens liegt in den Erinnerungen, die wir stets neu erschaffen. Ständiges Handeln ist etwas schwierig, umso mehr, wenn wir in unserer Komfortzone festsitzen. Aber wir müssen es tun, um intensiv zu leben.

Mädchen riecht an einer Rose

Obwohl wir einen greifbaren physischen Körper haben und die Außenwelt mit allen Sinnen wahrnehmen können, sind wir es gewohnt, in unserem Geist zu leben. Dennoch müssen wir eine Entscheidung treffen: Wir können unser Leben damit verbringen, uns daran zu erinnern, was in der Vergangenheit passiert ist und wie wir uns dabei gefühlt haben. Oder wir können die Kontrolle über unsere Erfahrungen und natürlich über unsere Emotionen übernehmen. Wir werden unsere Existenz nur genießen können, wenn wir die einzig richtige Entscheidung fällen.

Der Schlüssel, um mehr zu leben als zu erinnern, liegt darin, weniger zu denken, sich vorzustellen und zu erwarten. Akzeptieren, was wir haben, und nichts weiter. Im Moment leben, ohne uns von den Versuchungen unseres Geistes ablenken zu lassen.

Im Allgemeinen bereiten wir uns stets darauf vor zu leben, aber wir leben nie. Das Leben sollte jedoch umgekehrt funktionieren. Das Glück ist nicht an einem anderen Ort, sondern in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, zu finden. Vergiss das nicht.