Im Angesicht der Unterdrückung werden wir nicht gewalttätig

· 3. Januar 2019

Unter Unterdrückung verstehen wir die Repression einer Gruppe durch eine andere Gruppe, die durch gezielte Bedrohung oder tatsächliche Gewalt hervorgerufen wird. Das Machtverhältnis zwischen beiden Gruppen ist daher asymmetrisch. Unterdrückte Gruppen erleben Bedrohungen und Übergriffe einer stärkeren Gruppe. Repression bedeutet deshalb auch, sich gedemütigt und diskriminiert zu fühlen. Denn wer unterdrückt wird, hat das Gefühl, dass ihm weniger Möglichkeiten offen stehen und nicht für alle gleich die gleichen Rechte gelten würden.

Aber ist Unterdrückung ein berechtigter Grund, um Gewalt auszuüben? Lange Zeit glaubten Fachleute, Repression und Unterjochung seien die wichtigste Ursache von Gewalt. Diese Idee wurzelt sowohl in der Frustrations-Aggressions-Hypothese als auch in der relativen Deprivationstheorie. Diese gehen davon aus, dass Unterdrückung, Frustration und Erniedrigung Variablen seien, die Gewalt auslösen.

Die Frustrations-Aggressions-Hypothese

Die Frustrations-Aggressions-Hypothese war eine der ersten Theorien, mit denen Wissenschaftler versuchten, die Ursachen von Gewalt zu erklären. Sie besagt, dass Aggression das Ergebnis von Frustration sei. Dies konnte aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden.

Eine junge Frau hält ihre Hand vor ihr Gesicht, um sich zu schützen.

Daten zeigten, dass Frustration nicht zwangsläufig zu Aggression führt. Das heißt, frustrierte Menschen müssen nicht gewalttätig sein. Manchmal führt die Frustration gar dazu, dass Menschen ihre Probleme lösen. In anderen Fällen kommt es zur Gewalt, ohne dass die Person, die gewalttätig wird, auch Frustration erfahren hatte.

„Selbst wenn ein armer Mann reich wird, wird er weiterhin die gleichen Beschwerden haben, die er zuvor als Folge der Unterdrückung entwickelt hat.“

Eduardo Punset

Daher ist es nicht vernünftig, Frustration als einen notwendigen oder ausreichenden Faktor bei der Entstehung von Aggressionen zu betrachten. Psychologen und Sozialwissenschaftler formulierten die Hypothese daraufhin um. Die neue Hypothese besagt, dass Frustration nur dann Aggressionen verursache, wenn sie als Reaktion auf eine gefährliche Situation auftrete. Auf diese Weise könne Frustration Wut und Hass begünstigen. Diese emotionalen Zustände würden wiederum auch erlebt, wenn angesichts einer Bedrohung Aggression entstehe.

Diese neue Hypothese kann leider aber auch nicht immer angewendet werden. Frustration angesichts einer Bedrohung mag Aggressionen begünstigen, ist aber nicht ausschlaggebend für aggressives Verhalten.

Relative Deprivation

Angesichts der Probleme der Frustrations-Aggressions-Hypothese wurde eine neue Theorie entwickelt. Die Theorie der relativen Deprivation besagt, dass Frustration durch relativen Verlust verursacht werde, wobei relative Deprivation eine verzerrte Wahrnehmung von Bedürfnissen beschreibt. Menschen sehen dann ihre Rechte als auch Bedürfnisse bedroht. Diese Theorie erklärt das Entstehen von Rebellionen damit, dass Menschen die Ungleichheit, die sie erfahren müssen, nicht länger ertragen können.

„Unterdrückung. Rebellion. Verrat. Er benutzte große Worte, ohne zu wissen, was sie bedeuten können.“

Nadine Gordimer

Relative Deprivation führt zur Gewalt, besonders unter Angehörigen einer sozialen Klasse oder einer unterdrückten Gruppe. Dies macht sie jedoch auch nicht zu einem Faktor, der immer in Gewalt münden würde. Obwohl Armut und wirtschaftliche Ungleichheit zu Gewalt führen können, tun sie dies nicht jedes Mal.

Ein Foto von Ankertauen, die miteinander verknotet sind

Wahrgenommene Unterdrückung

Wahrgenommene Unterdrückung ist also nicht der einzige Faktor, der Gewalt auslöst. Es ist aber eine kognitiv-emotionale Variable, die einen potenziellen Risikofaktor darstellt. Unterdrückung muss nicht den realen Zuständen entsprechen, sie kann auch nur wahrgenommen werden. Zu glauben, dass eine andere Gruppe uns bedrohe, kann ausreichen, um uns unterdrückt zu fühlen.

Obwohl Unterdrückung nicht zwangsläufig zur Gewalt führt, kann eine Repression zu weiteren klinischen Symptomen wie Angstzuständen und Depressionen beitragen. Darüber hinaus neigen Menschen, die sich unterdrückt fühlen, dazu, mehr emotionalen Stress zu entwickeln.

Das moderne Konzept der Unterdrückung umfasst weitere Theorien, in die negative Gefühle wie Frustration und kognitive Empfindungen wie Deprivation einbezogen werden, in denen sie aber nicht als alleinige Trigger behandelt werden.