Ich habe mir meine Depression nicht ausgesucht – Denk also nichts Schlechtes über mich

· 8. Dezember 2016

Die Depression ist wohl die am wenigsten verstandene Krankheit, und Betroffene sehen sich mit einer gravierenden sozialen Stigmatisierung konfrontiert. Manche spielen die Depression herunter; andere assoziieren sie mit Schwäche oder fehlendem Mut, wenn doch in Wirklichkeit niemand diese inneren Kämpfe und den Mut verstehen kann, den es braucht, um aufzustehen und das Fenster einem neuen Tag zu öffnen.

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Depression etwa ab dem Jahr 2030 die wichtigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in der ganzen Welt sein. Und trotzdem bleibt sie weiterhin eine der Krankheiten, die am schwierigsten zu diagnostizieren sind und die beim Patienten zu einem Gefühl sozialer Isolierung führen kann.

Es war nicht meine Entscheidung, das Leiden in mein Leben zu lassen, noch steckt mich Depression gleich in die Schublade, weniger lebensfähig zu sein. Ich kämpfe meine Schlachten und will weder dein Mitgefühl noch deine Nachsicht, nur dein Verständnis und deine Unterstützung ohne Verurteilungen und Vorwürfe.

Obwohl sehr komplexe Mechanismen das neurochemische, emotionale und soziale Uhrwerk einer Depression bewegen, so ist uns doch sehr klar, dass ein widerstandsfähiges soziales Netz und die Qualität der alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen Schlüsselfaktoren bei der Behandlung dieser Krankheit sind.

Wir laden dich ein, darüber zu reflektieren.depression

Das soziale Stigma der Depression

Wenn eine Person die Diagnose Depression erhält, dann versteht ihr näheres Umfeld es oft nicht, darauf zu reagieren. Der Arbeitskollege sagt vielleicht Folgendes: „Werde schnell wieder gesund.“  Irgendein Verwandter meint vielleicht, dass „das von Seiten der Mutter vererbt wird“  und einige wenige, die Vernünftigsten, werden dem ihnen so lieben Menschen direkt ins Gesicht schauen und sagen: „Ich bin hier, ich bin bei dir, ich werde dich nicht fallen lassen.“

Und wenn du dich in meine Lage versetzt und fühlst, was ich fühle? Meine Welt ist in Einzelteile zerschlagen und ich weiß nicht, wie ich sie wieder zusammensetzen soll, ich habe die Kontrolle über alles verloren und ich begebe mich in unbekanntes Terrain. Versteh mich einfach nur, nur für heute, versetze dich in meine Lage.

Wenn bei uns nun die Frage aufkommt, warum es der Mehrzahl der Menschen so schwerfällt, sich an die Stelle einer Person zu versetzen, die an Depression leidet, dann sollten wir uns daran erinnern, dass geistige Krankheiten für lange Zeit nicht verstanden worden sind. Sie wurden oft mit dem Stigma versehen, etwas Absurdes, Irrationales zu sein, wovon man besser nicht spricht oder mehr noch, was man zu verstecken versucht.

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Gründe, warum Depression weiterhin oft stigmatisiert wird

Es herrscht ein großes Unverständnis darüber, was Depression und ihre Erscheinungsformen sind. Depression heißt weder traurig zu sein noch unbeständig zu sein, auch tritt sie nicht nur bei Frauen oder Erwachsenen auf. Niemand sucht sich seine eigene Krankheit aus.

  • In einigen Fällen ist es die Person selbst, die an der Depression leidet, die diese lieber verstecken will, weil sie vor der Ablehnung in ihrem familiären oder beruflichen Umfeld Angst hat, wodurch sie jedoch nur erreicht, ihren Zustand noch weiter zu verschlechtern.
  • Männer zögern oft am längsten damit, nach Hilfe zu fragen und eine Diagnose zu erhalten. Bis heute wird Depression weiterhin mit Schwäche in Verbindung gebracht, und von daher kommt es auch, dass ein gewisses Schuldgefühl entwickelt wird und sich Betroffene weigern, professionelle Hilfe aufzusuchen, um über die eigenen Situation zu reden.
  • Manchmal ist die erste Reaktion der Mitmenschen eines an Depression Erkrankten sehr positiv, wenn jedoch nach einiger Zeit keine Besserung eintritt, dann neigen sie oft dazu, die Person selbst zu beschuldigen, „sich nicht heilen lassen zu wollen“. Es ist eine Realität, die sowohl komplex als auch traurig ist.
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Die Wirkung der sozialen Ablehnung auf das Gehirn des Depressiven

Dank einer interessanten Studie der Universität Michigan (Michigan, USA) wurde entdeckt, dass das Gehirn einer Person, die nicht an einer Depression leidet, auf soziale Ablehnung mit einem ausgeklügelten Abwehrmechanismus reagiert: Es schüttet eine Art natürliches Schmerzmittel aus, welches den Schaden minimiert und es der Person erlaubt, einigermaßen angebracht auf die Situation zu reagieren.

Das Gehirn eines Depressiven jedoch wird eine ganz andere Antwort geben. Wenn es das Unverständnis seiner Umgebung wahrnimmt oder diesen Kommentar eines Familienangehörigen hört, der sagt: „Du musst dich aufraffen, man kann nicht den ganzen Tag traurig sein“, dann ist sein Gehirn nicht in der Lage, derartige Neurotransmitter auszuschütten. Die Depression wird vielmehr noch verschlimmert.

Auch wenn klar ist, dass jeder von uns auf eine andere Weise auf soziale Ablehnung reagiert, wird eine Person mit Depression in einer solchen Situation mit Sicherheit nur noch weiter zurückgeworfen. Sie bedarf stattdessen einer höheren Anzahl an positiven Interaktionen, um so eine Besserung zu erfahren und Fortschritte zu begünstigen.

Wir werden nun sehen, auf welche Weise wir eine Person mit Depression behandeln, mit ihr interagieren und ihr helfen sollten.

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  • Verstehe, dass die Ursache einer Depression darin liegt, wie unser Gehirn arbeitet und dass ihre Auslöser gewöhnlich mit unserem Lebensrhythmus, Stress, Verantwortung, Angst, Einsamkeit und Unsicherheit  zu tun haben. Zeige Empathie, wir alle können von Depression betroffen sein.
  • Unterstütze die Person mit Depression. Es ist möglich, dass sie keine Medikamente nehmen will, dass sie sich dazu entscheidet, sich in ihrem Zimmer einzuschließen, anstatt spazieren zu gehen. Lass nicht zu, dass sie im Halbdunkel verweilt, lass nicht zu, dass sie zu ihrer eigenen Krankheit wird.
  • Verurteile die Person nicht und mach sie nicht verantwortlich dafür, wenn sich nach ein paar Monaten keine Besserung einstellt. Die Depression braucht Zeit, braucht eine entsprechende persönliche Neuordnung und jeder Kranke ist eine eigene Welt, bedarf seiner persönlichen Strategien. Hilf ihm, seine eigenen zu finden, das zu finden, was ihm wieder Hoffnung geben kann. Mach es ihm leichter, sei ein Führer in dieser Schlacht, in der ihr zusammen den Sieg erreichen könnt.
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