Ich erlaube mir den Luxus, mich von dem zu entfernen, das mir meine Geduld raubt

3. Januar 2017 en Psychologie 637 Geteilt

Zuerst ein paar Informationen zu einem Experiment, dessen Ergebnis auf unsere Geduld leider nicht zutrifft: Mitte der 70er Jahre veranschaulichte eine Reihe von Laborexperimenten, die von Robert Zajonc durchgeführt wurden, dass es schon ausreiche, Individuen vertrauten Reizen wiederholt auszusetzen, damit sich diese auf eine positivere Art und Weise auswirken würden im Vergleich zu ähnlichen Reizen, die jedoch zuvor nicht wahrgenommen wurden. Diese Auswirkung ist als sogenannter Mere-Exposure-Effekt bekannt und im Grunde genommen ist das der Grundpfeiler der Werbeindustrie.

Dieses Experiment gab demnach Aufschluss darüber, dass wir uns nach und nach an etwas gewöhnen, aufgrund der einfachen Tatsache, dass wir uns damit vertraut machen, auch wenn es eigentlich keine Anziehungskraft auf uns auswirkt. Die Humanpsychologie ist aber noch viel komplexer. Wenn wir an einem bestimmten Punkt angekommen sind – auch wenn wir es häufig wahrgenommen haben – kann es uns auf einmal nicht mehr vertraut und sogar störend, lästig und demotivierend erscheinen.

Man sagt so schön, dass wir uns an alles gewöhnen könnten, sogar an das Schlimmste, aber es scheint nicht so, als würde das immer der Wahrheit entsprechen. Es gibt Dinge, die unsere Geduld ausgereizt haben und von denen wir uns wünschen, dass sie uns nicht mehr vertraut erschienen, damit dieses Unbehagen aus unserem Leben verschwindet. Wir sprechen hier von diesem Luxus, uns von all dem zu distanzieren, das uns unsere Geduld raubt. Es ist deshalb ein Luxus, weil es nicht immer in unserer Macht steht und weil die Vorteile, die sich daraus ergeben, Gelassenheit und Ruhe sind.

Unsere Geduld auf die Probe zu stellen ist kein Vergnügen

Es gibt viele Fähigkeiten, die uns überraschen, wenn sie in verzwickten Situationen auf die Probe gestellt werden. Doch mit der Geduld ist es etwas anderes. Sie ist diese Tugend, bei der wir das Gefühl haben, dass sie uns irgendwann ganz plötzlich ausgeht: Der Geduldsfaden reißt.

Wir meinen auch, bestimmte Personen und Situationen wollten diesem Punkt besonders nahe kommen. Das sind z.B. Menschen, die ständig um Verzeihung bitten, die ihre Ausrutscher, ihren falschen Ton und ihre fehlende Vernunft immer wieder verteidigen. Das sind Situationen, die sich immer wieder ereignen, sich zwar im Wesen aber nicht in der Ursache unterscheiden: Das Ende vom Lied ist jedes Mal, dass du erschöpft, verletzt und irritiert bist.

Gewisse Situationen wiederholen sich ständig, oft wegen der gleichen Menschen. Wir fühlen uns erschöpft und irritiert und unser Kopf stellt uns die Frage: Jedes Mal dasselbe Spielchen?

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All diese Gefühle führen dazu, dass wir etwas Offensichtliches zwar in der Theorie verstehen, aber in der Praxis nicht so gut verinnerlichen: Mit unserer Geduld zu spielen macht keinesfalls Spaß, raubt uns unsere letzte Kraft und ist frustrierend. Über verletzende Verhaltensweisen immer und immer wieder hinwegzusehen ist das Gegenteil von Durchsetzungsvermögen und entspricht einem emotionalen Masochismus.

Meine Geduld zu schätzen wird mit den Jahren immer schwieriger

Bevor wir analysieren und beurteilen, was unsere Geduld ausreizt, sollten wir zuerst uns selbst analysieren.Wenn du wiederholte Male etwas erlebst, das dich irritiert, läufst du immer mehr in ein offenes Messer, das von Mal zu Mal schärfer wird und dich verletzt.

Wenn du bereits weißt, was du tun musst und es nicht tust, ist das nicht die Verantwortung anderer, sondern deine eigene. Du weißt, in welche Situationen du dich bringst, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann du erneut enttäuscht wirst. Du spielst russisches Roulette mit deiner Geduld und deiner Würde. Auch wenn du denkst, dass du das tust, um Konflikte mit Menschen zu vermeiden, die du schätzt, gibst du denen, die deine Gefühle nicht beachten, einen Freifahrschein dafür.

Wir sind nicht schuldig an dem rücksichtslosen Verhalten der anderen, aber verantwortlich dafür, keine Grenzen zu setzen, um zu vermeiden, dass uns unsere Mitmenschen aufs Neue respektlos behandeln.

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Unsere Geduld ist eine Fähigkeit und deshalb hat sie ihre Grenzen. Sie ist eine Gabe, wenn wir sie für etwas einsetzen, was wir langfristig erreichen wollen, aber wird in mehr oder weniger außergewöhnlichen Situationen ausgereizt, z.B. wenn ein Kind einen Wutanfall hat oder wir sehr lange auf jemanden warten müssen, mit dem wir uns verabredet haben.

Deshalb sollte uns unsere Geduld nicht definieren, sondern uns auszeichnen: Ich habe für das Geduld, was auch Geduld verdient oder wofür es keine andere Lösung gibt. Ich habe keine Geduld für etwas, das mich plötzlich, grundlos und wiederholt angreift, was mein grenzenloses Verständnis und meint Stillschweigen erwartet. Das hat nichts mit Geduld zu tun, das ist ein grundloser Angriff auf meine eigene Person, was zur Folge hat, dass ich verletzt werde.

Anderen Grenzen setzen, damit unsere Geduld nicht an ihre Grenzen kommt

Der Schlüssel, damit unser Geduldsfaden in einer Situation, die unsere Geduld erfordert, nicht reißt, besteht darin, dass wir sie nicht auf etwas verschwenden, das sie nicht benötigt und verdient. Wenn eine Freundin unsere Pläne stets wegen ihrer eigenen durcheinander bringt, ein Arbeitskollege ständig zu spät kommt oder wir immer wieder von jemandem angelogen werden, sollten wir diesen Menschen verdeutlichen, dass uns ihr Verhalten missfällt und wir nicht dazu bereit sind, es weiterhin zu tolerieren.

Stillschweigen in Bezug auf Einstellungen und Verhaltensweisen zu bewahren, die uns schaden, macht uns zu Magneten für Schmerz, den andere verursachen. Güte und Geduld haben ihre Grenzen und es wäre naiv, zu denken, dass sich die Dinge von allein ändern, ohne dass wir in einer Situation, die uns direkt betrifft, das Zepter in die Hand nehmen.

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Dich von dem zu entfernen, das dir deine letzte Geduld nimmt, ist ein Luxus und eine gute Entscheidung, denn wir müssen nicht wieder auf die Wege zurückkehren, auf denen wir hauptsächlich auf Entschuldigungen, Lügen, Missachtung oder Verachtung treffen. Dir deine Geduld zu bewahren, bedeutet, dich selbst zu lieben.

Manche sind empört, zu hören, dass das ein ungesundes Verhalten ist, weil sie nicht selbstkritisch und sich darüber bewusst sind, dass Geduld ein begrenztes Gut ist und dass die Energie, die für Dreistigkeiten vergeudet wird, an anderer Stelle besser genutzt werden kann.

Deine Geduld solltest du für etwas aufheben, das dir nicht stets das Gefühl von Unbehagen und Nervosität gibt. So vertraut uns das auch in unserem Leben vorkommen mag, jeder Mensch besitzt die Fähigkeit, zu sagen „bis hier hin und nicht weiter“  oder „ich werde das nicht noch einmal ertragen“.  Unsere Geduld ist eine unserer Tugenden, aber auch ein Scheinwerfer, der uns hilft, all diejenigen zu erkennen, die sie auf die Probe stellen.

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