Hypochonder versuchen, den Tod zu kontrollieren

Hypochonder sind besessen von dem Gedanken, krank zu werden. Sie versuchen, den Tod zu vermeiden und verpassen dabei das Leben. Der Psychiater Ingvard Wilhelmsen hat eine Interventionsmethode entwickelt, die 70 % der Betroffenen hilft.
Hypochonder versuchen, den Tod zu kontrollieren

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 29. Juli 2022

Hypochonder machen sich ständig Sorgen um ihre Gesundheit. Sie interpretieren jedes mögliche Körpersignal, das auf eine Krankheit hinweisen könnte, übertrieben und reagieren ängstlich. Betroffene simulieren nicht, sondern leiden an einer irrationalen Angst vor Krankheit. Dieses Verhalten ist vom Alter, Geschlecht und von der Herkunft unabhängig.

Hypochonder versuchen, den Tod zu kontrollieren, sie stehen vor der Herausforderung, nicht in ihrem aktuellen Alter an einer Krankheit zu sterben. Wer sich Sorgen um den Tod macht, ist auch um die Gesundheit seines Herzens besorgt, hat Angst vor Krebs oder vor einem Schlaganfall. Menschen, die sich um ihre körperliche Gesundheit sorgen, fürchten sich unter anderem vor Krankheiten wie Multiple Sklerose.

Seit fast 20 Jahren betreibt der Psychiater Ingvard Wilhelmsen neben seiner Arbeit als Arzt für Innere Medizin eine Hypochonderklinik. Mit Hilfe seiner Anpassung der kognitiven Verhaltenstherapie erfahren 60 bis 70 % seiner Patienten eine deutliche Verbesserung.

Was ist ein Hypochonder?

Hypochonder leben in der Angst, eine ernsthafte Krankheit zu entwickeln, obwohl diagnostische Tests zeigen, dass sie gesund ist. Sie reagieren bereits auf die kleinsten körperlichen Anzeichen, die von anderen in der Regel gar nicht beachtet werden. Zum Beispiel kann für sie ein Nieser ein schreckliches Symptom darstellen.

Hypochondrie ist für etwa 5 % der jährlichen ambulanten medizinischen Behandlungen verantwortlich. Mehr als 200.000 Menschen erhalten jedes Jahr die Diagnose dieser psychischen Störung. Sie beginnt in der Regel im frühen Erwachsenenalter, häufig nach der Erkrankung oder dem krankheitsbedingten Tod einer nahestehender Person.

Etwa zwei Drittel der Hypochonder haben gleichzeitig eine psychische Störung: eine Panikstörung,  Zwangsstörung oder eine schwere Depression. Die Symptome der Hypochondrie können variieren und hängen von Faktoren wie Stress, Alter und der Tatsache ab, ob die Person auch in anderen Bereichen viele Sorgen hat.

Die Angst vor einer Krankheit kann verschiedene Symptome auslösen, unter anderem Bauchschmerzen, Schwindel oder andere Schmerzen. Sie kann das Leben der betroffenen Menschen so sehr beherrschen, dass sie an Schwäche leiden und es ihnen tatsächlich immer schlechter geht.

Hypochonder machen sich ständig Sorgen um ihre Gesundheit
Hypochondrie kann jeden treffen, aber diejenigen, die eine Veranlagung für Ängste haben, sind besonders gefährdet.

Wie entsteht Hypochondrie?

Obwohl es keine spezifische Ursache gibt, wissen wir, dass Menschen mit Hypochondrie mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Familienmitglied haben, das ebenfalls an dieser Störung leidet. Auch nach einer schweren Krankheit können Betroffene Hypochondrie entwickeln, da sie Angst haben, dass sich ihre schreckliche Erfahrung wiederholt.

Viele durchlaufen eine Stressphase oder hatten in ihrer Kindheit eine schwere Krankheit. Hypochondrie kann auch im Rahmen anderer psychischer Krankheiten entstehen.

Hypochonder versuchen, den Tod zu kontrollieren. Sie glauben irgendwie, dass sie ihn hinauszögern können, wenn sie sich mit ihm beschäftigen.

Die Behandlungmethode von Ingvard Wilhelmsen

Der Psychiater Ingvard Wilhelmsen hat eine Behandlung für Hypochondrie entwickelt, bei der es darum geht, über den Tod zu sprechen und nicht mehr zu versuchen, ihn zu kontrollieren. Das ist etwas, das Hypochonder lieber vermeiden. Seine Methode hilft jedoch ungefähr 70 % der damit behandelten Personen. Sie besteht aus folgenden Schritten:

1. Akzeptiere, dass du sterblich bist

Patienten, die schon seit einigen Jahren an Hypochondrie leiden und in einer Psychotherapie keine Besserung erzielen konnten, können von der dreistufigen Behandlung nach Ingvard Wilhelmsen profitieren.

Der erste Punkt ist die Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit. Ingvard Wilhelmsen erklärt, dass der Tod nicht kontrollierbar ist und Hypochonder akzeptieren müssen, dass sie nicht alles im Leben kontrollieren können.

2. Interpretiere deine Symptome anders

Der nächste Schritt besteht darin, die Symptome anders zu deuten. Du kannst selbst wählen, ob du daran glauben möchtest krank zu sein oder nicht. Wilhelmsen erklärt, dass Hypochonder damit aufhören müssen, über Krankheiten zu lesen und zu forschen. Sie müssen sich auf andere Aktivitäten konzentrieren, um nicht ständig ihren Puls zu messen oder Symptome zu suchen.

3. Lerne, mit der Ungewissheit besser umzugehen

Zuletzt geht es darum, mit der Ungewissheit und den negativen Gedanken besser umzugehen. Das Problem des Katastrophendenkens liegt daran, dass die Antwort immer in der Zukunft liegt. Hypochonder müssen deshalb lernen, diese Gedanken zu erkennen und ihnen ihre Macht zu nehmen. Sie müssen verstehen, dass es sich nur um Gedanken, nicht um Realitäten handelt.

Viele Patienten glauben, sich sicherer zu fühlen, wenn sie sich um ihre Zukunft sorgen. Dies ist jedoch weit von der Realität entfernt. Du wirst eine Trauerphase nicht besser bewältigen, nur weil du vorher “geübt” hast. Wenn du die Diagnose einer schweren Krebserkrankung erhältst, wirst du besorgt und schockiert sein, das kannst du nicht verhindern.

Hypochonder auf der Couch
Menschen mit Hypochondrie denken, dass die ständige Sorge um ihren Gesundheitszustand sie vor Krankheiten schützt.

Hypochonder erhalten durch die Methode von Wilhelmsen langfristige Hilfe

Nach drei bis fünf Sitzungen erholt sich die große Mehrheit der Patienten von Wilhelmsen. Bei einer Nachuntersuchung einer Gruppe von Patienten nach zehn Jahren waren sie genauso stabil.

Der Schlüssel liegt darin, Krankheit und Tod nicht kontrollieren zu wollen. Das Ziel ist, mentaler und physischer Ausgleich, doch niemand kann das garantieren. Du selbst musst dich dafür entscheiden.

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  • Barsky, A., Ahern, D., & Bentata, L. C. (2004). La terapia cognitivo-conductual es efectiva en pacientes hipocondríacos. FMC-Formación Médica Continuada en Atención Primaria11(8), 521.
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