Hochbegabte Kinder und ihr erstaunliches Gehirn

· 31. Oktober 2018

Hochbegabte Kinder oder Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzen ein erstaunliches Gehirn, was zwar seine Vorteile, aber auch einige Nachteile hat. Sie verarbeiten Informationen sehr schnell, besitzen eine starke analytische Fähigkeit und hinterfragen kritisch. Doch nicht immer gelingt es ihnen, ihr gesamtes Potenzial auszuschöpfen oder einen resistenten Verstand zu entwickeln, der dazu in der Lage wäre, ihre Fähigkeiten sowie ihr emotionales Universum geschickt handhaben zu können.

Was auf den ersten Blick wie ein Segen erscheinen mag, ist für viele Menschen durchaus nicht immer einer. Jedes Kind, das hochbegabt ist oder besondere Fähigkeiten besitzt, hat mit denselben Schwierigkeiten eines jeden Jungen oder Mädchens seines Alters zu kämpfen, zusätzlich zu denen, die sich aus seinem hohen IQ ergeben.

Hochbegabte Kinder oder Kinder mit besonderen Fähigkeiten besitzen ein Gehirn, das sich anders entwickelt als das von Kindern mit einer durchschnittlichen Intelligenz.

Es werden zwar oft die bemerkenswerten Vorteile eines hochbegabten Gehirns hervorgehoben, aber andere Faktoren, die diese Personengruppe charakterisieren, werden nur selten berücksichtigt. Wir sprechen von Faktoren wie Angst, einem niedrigen Selbstwertgefühl, Gefühlen der Isolation, einer fehlenden Verbindung zu einem Umfeld, das nicht an ihre Bedürfnisse angepasst ist etc. All diese Probleme machen sich ab einem Alter von etwa elf Jahren bemerkbar.

Die unterschiedlichen Landesverbände für Hochbegabung bringen es auf den Punkt. Es reicht nicht aus, nur Mittel zur Verfügung zu stellen, mit denen frühzeitig erkannt werden kann, ob ein Kind hochbegabt ist, was sich im Alter von drei bis fünf Jahren wohl am besten herausfinden lässt. Wir müssen auch begreifen, wie das Gehirn von hochbegabten Kindern funktioniert. Es ist wichtig, zu verstehen, wie es sich entwickelt und welche neuronalen Meilensteine mit welchen Förderungen und Hilfestellungen am besten unterstützt werden können.

Kleines Mädchen schaut nachdenklich aus einem Fenster

Hochbegabte Kinder oder Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten

Wie funktioniert ihr Gehirn?

Neurowissenschaftler hatten schon immer ein großes Interesse daran, das Gehirn von hochbegabten Kindern zu verstehen. Was unterscheidet sie von Kindern mit einer durchschnittlichen Intelligenz? Welche außergewöhnlichen neuronalen Ressourcen weisen sie auf, um so viel intellektuelles Talent an den Tag zu legen? Viele dieser Fragen durch Fortschritte in der Bildgebung, beispielsweise in Kontrastverfahren für die Magnetresonanztomographie, immer präziser beantwortet werden.

Die daraus resultierenden Befunde sind ein Teil der Entdeckungen, die wir im Moment machen und die wir in wissenschaftlichen Journals, wie in The British Psychological Society,  nachlesen können. Wir fassen sie nachfolgend zusammen.

Ihre Großhirnrinde entwickelt sich langsamer

Diese Daten sind auffällig. Eine Sache, die die Neurowissenschaft deutlich gemacht hat und die bereits bei Albert Einstein zu sehen war, ist, dass Menschen mit einem hohen Intelligenzquotienten kein größeres Gehirn haben. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Kinder mit besonderen Fähigkeiten zunächst dazu neigen, eine dünnere Großhirnrinde zu haben. Im Laufe der Zeit, bis zur Adoleszenz, wird sie aber langsam dicker.

Bei Kindern mit einem durchschnittlichen IQ ist das Gegenteil der Fall. In ihrer frühen Kindheit haben sie eine dickere Hirnrinde. Ab einem Alter von 12 oder 13 Jahren neigt dieses Areal jedoch dazu, zu schrumpfen und sich zu verkleinern.

Was bedeutet das? Im Grunde genommen wird das Gehirn eines hochbegabten Kindes mit der Zeit immer anspruchsvoller und komplexer. Sein größtes Potenzial erreicht es in der Jugend.

Mehr Graue Substanz in gewissen Gehirnarealen

Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzen in bestimmten Gehirnregionen auch mehr sogenannte graue Substanz. Die graue Substanz steht bekanntlich im Zusammenhang mit der Kognition und Fähigkeit der Informationsverarbeitung, also mit dem, was wir gemeinhin unter Intelligenz verstehen. Das bedeutet also, dass hochbegabte Schüler mehr „graue Zellen“ haben, um Daten zu verarbeiten, zu analysieren und Schlussfolgerungen zu ziehen.

Im Gehirn gibt es 28 Regionen, die mit unseren Fähigkeiten zusammenhängen, zu denken, zu handeln, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken und auf äußere Sinnesreize zu reagieren. Hochbegabte Kinder besitzen eben diesen Bereichen mehr graue Substanz.

Gehirn umgeben von Blumen

Mehr neuronale Netze

Während die graue Substanz Informationen aufnimmt und verarbeitet, ist die weiße Substanz dafür verantwortlich, diese weiterzuleiten, was die Kommunikation unter den Neuronen und ihren Helferzellen erleichtert. Wir können also schon jetzt vermuten, dass die weiße Substanz im Gehirn von hochbegabten Kindern zweifellos bemerkenswerteste Merkmale aufweist, denn ihre neuronale Effizienz ist enorm.

Sie weisen in der Tat mehr neuronale Leitungsbahnen auf, um Daten, Informationen und Konzepte zu übertragen. Darüber hinaus formen diese Verbindungswege ein sensibles und auf Höchstgeschwindigkeit arbeitendes Netzwerk, dass nahezu fehlerfrei funktioniert. Diese Eigenschaft hat aber auch ihre Nachteile.

Manchmal kann es zu Staus kommen. Das heißt, ein hochbegabtes Kind kann sich angesichts so vieler zu verarbeitender Informationen und so vieler zwischen Gedanken entstehender Zusammenhänge überfordert fühlen. Aus diesem Grund blockiert es sich wegen seiner Ideen, Hypothesen und Schlussfolgerungen zuweilen selbst. Bei ihm finden so viele geistige und neuronale Aktivitäten statt, dass es oft viel länger für eine Prüfung braucht oder sogar zögert, wenn es darum geht, scheinbar einfache Fragen zu beantworten.

Ihr größter Vorteil: die Neuroplastizität

Ein großer Teil der neurowissenschaftlichen Arbeit verdeutlicht die enorme Neuroplastizität von hochbegabten Kindern. Wie wir eingangs betont haben, wächst ihre Großhirnrinde langsamer, fokussiert sich und verändert sich ständig. Dabei werden neue Leitungsbahnen schrittweise geschaffen, um das Lernen zu erleichtern.

Wenn ein Kind eine neue Erfahrung macht, verändert sich sein Gehirn, neue Verbindungen werden erzeugt, damit Gehirnareale, Regionen und Strukturen miteinander kommunizieren können. Die Neuroplastizität hochbegabter Kinder ist so einzigartig, dass viele Neurologen betonen, dass sie einen ständig wachsenden Geist haben. Einen wissbegierigen und interaktionsfreudigen Verstand, dem wir nicht immer so viel Aufmerksamkeit zu schenken wissen, wie er es verdient.

Kind formt mit angemalten Händen einen Rahmen

Wir sollten allerdings in Bezug auf die Gehirnanalyse hochbegabter Kinder berücksichtigen, in welcher Art und Weise sich ihr Gehirn weiterentwickelt: allmählich, aber sehr komplex, wobei die Entwicklung ihren Höhepunkt in der Jugend erreicht. Bei Kindern mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten ist das wesentlich früher der Fall. Hochbegabte Jugendliche sind auch deshalb äußerst fordernd.

Generell brauchen sie ein Umfeld, das es ihnen ermöglicht, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und die Neuroplastizität ihres Gehirns zu nutzen. Wenn ein 10- oder 11-Jähriger in einem unstrukturierten Umfeld aufwächst, das wenig an sein Potenzial angepasst ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er sich abschottet und frustriert ist. Daher sollten wir sensibler mit diesen äußerst intelligenten, aber in vielerlei Hinsicht auch zerbrechlichen Wesen umgehen.