Heilige Werte

· 15. Oktober 2018

Wir alle haben Vorstellungen von dem, was uns mehr oder weniger wichtig ist. Einige Dinge sind so wichtig für uns, dass wir ihnen einen hohen Wert beimessen. Und dabei sind diese „Dinge“ nicht immer leicht zu definieren. Manchmal fällt es uns enorm schwer, sie zu beschreiben. Wir nennen diese schwer zu definierenden, in aller Regel immaterielle Werte, „heilige Werte“.

Unsere heiligen Werte sollten von anderen respektiert und geschützt werden. Wenn etwas zu einem heiligen Wert wird, wird es auch unsere moralische Verantwortung, nach diesem Wert zu leben. Er ist mit anderen Werten nicht vergleichbar und es ist daher unmöglich, ihn gegen materielle oder immaterielle Güter zu tauschen.

Wie werden heilige Werte gebildet?

Es gibt viele Möglichkeiten, wie ein Konzept zu einem heiligen Wert werden kann. Es gibt jedoch zwei Prozesse, in denen Werte, die großen Gruppen von Menschen wichtig sind, heilig werden. Beide Prozesse beginnen mit der Wahrnehmung einer Bedrohung.

Familie ist einkaufen

Im ersten Prozess können Argumente, die von zwei Gruppen vorgebracht werden und gegensätzliche Ziele verfolgen, ein Ideal bedrohen. Diese Bedrohung mag eine oder beide Gruppe veranlassen, diesem Ideal noch mehr Bedeutung beizumessen, es zu ritualisieren und es somit in einen heiligen Wert zu verwandeln. Dieser Prozess teilt die Welt in zwei Teile, in das Heilige und das Profane, wobei diese Definition allein vom Standpunkt des Betrachters aus gegeben wird. Gleichzeitig verbindet der heilige Wert die Mitglieder der jeweiligen Gruppe und trennt sie von der gegnerischen Gruppe.

Auf der anderen Seite, je größer die Bedrohung ist, desto mehr Gruppenmitglieder folgen dem zweiten Prozess, üben Rituale aus, die mit dem heiligen Wert verbunden sind. Die Mitglieder werden diese Rituale immer öfter praktizieren, was die Beziehungen innerhalb der Gruppe stärkt. Darüber erhöhen diese Rituale die Identifikation mit den Normen der Gruppe.

Welche Auswirkungen haben heilige Werte?

Heilige Werte beeinflussen die Entscheidungen, die wir treffen. Jede Entscheidung, die unsere heiligen Werte gefährdet oder infrage stellt, wird abgelehnt, selbst wenn uns das unseren Zielen nicht näherbringt. Heilige Werte umfassen moralische Überzeugungen, aus denen wiederum Verhaltensregeln folgen. Sie sagen uns, was richtig und was falsch ist.

Deshalb verteidigen wir unsere heiligen Werte heftig und setzen dafür psychologische Strategien ein. Einige dieser Strategien beinhalten moralische Empörung und Reinigung. Moralische Empörung bezieht sich auf das Erleben kognitiver, emotionaler und verhaltensbezogener Werte, die unseren eigenen heiligen Werten widersprechen. Auf der anderen Seite besteht die moralische Reinigung darin, symbolische Handlungen auszuführen, die unser Engagement für den heiligen Wert bekräftigen.

Mann hat Geld anstatt innerer Werte

Die Vorteile heiliger Werte

Wir nehmen generell an, dass unser Verhalten rational sei und dass wir Entscheidungen treffen, bei denen wir Kosten und Nutzen gegeneinander abgewägt haben. Viele unserer Entscheidungen werden jedoch von unseren Überzeugungen und dem, was wir für richtig und falsch halten, geleitet. Etwas Ähnliches passiert, wenn es um heilige Werte geht: Obwohl es manchmal vernünftig wäre, heilige Werte aus unserem Entscheidungsprozess herauszunehmen, tun wir das nicht. Wir weigern uns, von ihnen abzulassen.

Heilige sind Werte zeitlos. Sie sind immer wichtig, ungeachtet der Ereignisse, die vor Tausenden von Jahren geschahen. Deshalb halten wir an einem heiligen Wert fest, gemeinsam mit anderen Menschen, die unsere Überzeugungen teilen. Darin deutet sich bereits einer der Vorteile heiliger Werte an.

Ja, heilige Werte haben aus evolutionärer Sicht durchaus Vorteile. So können wir heilige Werte nicht verkaufen. Das bringt mit sich, dass wir Menschen, die unseren Wert teilen, stärker unterstützen.

Stacheldraht vor Jerusalem

Jerusalem als heiliger Wert

In Jerusalem können wir ein aktuelles Beispiel finden. Diese alte Stadt, die von Palästinensern und Israelis beansprucht wird, ist für beide Gruppen zu einem heiligen Wert geworden. Sowohl Israelis als auch Palästinenser betrachten Jerusalem als einen entscheidenden Teil ihrer Identität. Weil Jerusalem ein heiliger Wert ist, spielt Geld in der Entscheidung, zu wem die Stadt gehört, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle.

Als US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, veränderte er den Status der Stadt. Die Palästinenser sahen in seiner Entscheidung eine Bedrohung für einen ihrer heiligen Werte. Deshalb lehnten sie seine Idee ab. Diese Ablehnung hat sich in Gewalt manifestiert.

Alles, was Donald Trump tat, verfestigte den Konflikt. Wenn er versuchte, den Konflikt zu lösen, war dies sicherlich nicht der richtige Weg. Auf der anderen Seite kann man unlösbare Konflikte lösen, indem man symbolische Zugeständnisse macht. Diese symbolischen Zugeständnisse müssen jedoch die Werte der anderen Gruppe erkennen und ihre Stimme hören lassen.