Gute Menschen sind nicht immer fröhliche Menschen

8. Oktober 2016 en Kuriositäten 800 Geteilt

Gute Menschen sind nicht immer auch fröhliche Menschen. In ihren Herzen liegen viele Sorgen und Enttäuschungen versteckt, die sie mit ihrem warmen Lächeln überdecken. Denn die Güte ist eine Tugend, die all diejenigen auszeichnet, die zu verstehen in der Lage sind, dass die Trauer auch eine heilende Funktion hat und uns außerdem dazu dient, für fremdes Leid einfühlsamer zu sein.

In der Güte, ob wir es wollen oder nicht, verstecken sich immer auch ein paar Tropfen klammer Trauer, genug davon, um uns auf das Wichtige zu konzentrieren, um unsere Träume zu reinigen und zu wissen, wen wir um uns haben wollen und wen nicht.

Doch wenn es etwas gibt, was typisch für gute und noble Menschen ist, dann, dass in ihrer Trauer Ressentiments oder Bitterkeit keinen Platz haben. Sie würden niemals mit ihrem Groll anderen schaden wollen.

Wenn wir uns darauf beschränken, auf einen großen Akt der Güte zu warten, um an den Edelmut von Menschen glauben zu können, dann erreichen wir gar nichts. Die Güte muss von uns selbst ausgehen, indem wir Größe in den kleinen Dingen des Alltags zeigen.

Etwas sehr Interessantes schlägt uns der Psychologe Antoni Bolinches in seinem Buch Das Geheimnis des Selbstwertgefühls  zu diesem Thema vor. Er sagt, dass die Güte, außer dass sie eine essenzielle Quelle der Dankbarkeit und Selbstbestätigung sei, auch ein Nachteil für sozialen Erfolg sein könne. Der Grund dafür liegt darin, dass jemand, der stets ethisch kohärent handelt, nicht immer gut im Wettbewerb mit anderen abschneidet.

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Gute Menschen, ein andauernder Kampf um den Erhalt ihrer Essenz

Wir werden hier nicht in die traditionelle Debatte einsteigen, ob der Mensch von Natur aus gut ist oder ob er es mit der Zeit wird. Es ist jedoch klar, dass gute Menschen jeden Tag darum kämpfen, ihre Essenz zu erhalten. Wir leben in einer Welt, in der zum Beispiel Erfolg mit Wettbewerb assoziiert wird und in dem Güte manchmal mit Schwäche in Verbindung gebracht wird. All dies lässt uns manchmal in eine sehr komplexe soziale Neurose verfallen.

Personen mit noblen Idealen, genauso um den Nächsten besorgt wie um sich selbst, gibt es nicht allzu viele. Dies soll nun aber nicht heißen, dass alle anderen „böse“ sind. Wir sollten unsere Realität nicht in absolutistischen Kategorien wie „schwarz oder weiß“ und „Gut oder Böse“ betrachten, die menschliche Psychologie funktioniert so nicht. Es existiert eine Vielzahl an Nuancen und persönlichen Werdegängen, die es uns ermöglichen, die Welt auf verschiedene Weise zu betrachten.

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Die Güte, ein innerer Werdegang, der auch äußerlich deutlich wird

Die Güte ist nicht nur Teil eines inneren Werdegangs, da ihr Abbild auch von außen sichtbar ist:

  • Heutzutage sind wir Zeuge von etwas, was von manchen als das Zeitalter übertriebener Selbsterkenntnis benannt wird. Hiermit ist ein fast übertriebenes Interesse gemeint, sich selbst kennenzulernen und sich ausschließlich sich selbst zu widmen, als Weg, sein Glück zu erreichen.
  • Dieser spirituelle Materialismus charakterisiert sich durch ständige Fragen wie „Warum bin ich nicht glücklich?“  oder „Warum habe ich nicht das bekommen, was ich will?“,  was sich Stück für Stück zu einer Besessenheit entwickelt, in der wir sehr schnell zu leben vergessen und mehr noch, wir uns von denjenigen abkapseln, die uns umgeben.
  • Menschen mit gütigem Verhalten sind ihrerseits auch durch diese Etappe der Selbsterkenntnis gegangen. Sie mussten eine Phase hinter sich bringen, in der es darum ging, Wunden zu heilen, Enttäuschungen zu lindern, über den einen oder anderen Verrat hinwegzukommen und vor allem sich zu akzeptieren.

Jedoch richten sie ihre Aufmerksamkeit beim Sich-selbst-finden, beim Sich-heilen auch auf die äußere Welt, um sich den anderen so zu widmen, wie sie es mit sich selbst getan haben. Ihr Einfühlungsvermögen sorgt dafür, sich im Kreise der Menschen in ihrer Umgebung einzufinden, um dort zu helfen und um Zufriedenheit zu bringen. Denn dies sind ihre Wurzeln, dies sind ihre Essenzen…

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Die Güte braucht auch ihren eigenen Raum

Der Edelmut, die Güte, der Respekt oder die Dankbarkeit sind nicht nur Tugenden, sondern auch Stärken. Obwohl es sich um Charakterzüge handelt, die alle Personen in größerem oder geringerem Maße haben, ist es interessant, zu wissen, dass derjenige, der diese als seine Tugenden annimmt und regelmäßig praktiziert, sich außerdem auch einer guten körperlichen als auch geistigen Gesundheit erfreuen kann.

Gute Menschen spüren ein Gefühl des Wohlbefindens immer dann, wenn sie helfen, unterstützen oder für andere etwas geben: Denn in ihrem Gehirn wird ein neuronaler Kreislauf aktiviert, der mit Genuss und Belohnung verbunden ist. Außerdem werden verschiedene Neurotransmitter und Hormone freigesetzt, die mit Glück in Verbindung stehen, wie etwa Dopamin oder Oxytocin.

Etwas so Einfaches wie mal ein bisschen solidarischer zu sein, verschafft uns Eintritt in einen wunderbaren Kreislauf, durch den auch andere von diesem Wohlbefinden profitieren. Nun ist es essenziell wichtig, nicht zu vergessen, dass die Güte auch ihren eigenen Raum und ihre Grenzen braucht, durch die sie „ihre Integrität bewahren kann“.

Gütig sein ist kein Synonym für naiv sein. Güte ist diese Tugend, die von naiven und solchen, die sich schlau nennen, niemals verstanden werden wird.
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Der Kognitionspsychologe Paul Bloom, Professor an der Universität Yale (Connecticut, USA) und Mitarbeiter der Zeitschrift Nature and Science  behauptet, dass die Verbindung zwischen Empathie, Güte und Mitgefühl manchmal eine hohe Dosis an Leiden mit sich bringt.
  • Ein Übermaß an Empathie bringt uns dazu, ein hohes Maß emotionaler Schmerzen wegen der Menschen in unserer Umgebung zu erleiden, bis hin zu dem Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht und man in eine Form mentaler Krankheit verfällt. Es ist deshalb nötig, eine wohl überlegte und gesunde Grenze zu setzen.
  • Wir müssen auch unsere Rolle als Retter überdenken, wir können weder allen helfen, noch ist es empfehlenswert, sich alle fremden Belastungen in der Erwartung aufzuladen, dass sie sich so lösen werden. Dies kann nicht immer funktionieren.
  • Manchmal vergisst derjenige, der versucht, alle zu retten, sich selbst zu retten. Vor allem, weil die anderen ihn zu Boden gehen lassen. Lass das nicht zu, manchmal ist ein rechtzeitiges „Nein“  die klügste Lösung und du bist deshalb keine schlechte Person, denn gute Menschen sind auch in der Lage, auf sich selbst aufzupassen, indem sie sich Grenzen setzen, um danach den anderen das Beste genau dann zu geben, wenn es auch nötig ist.

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Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Mi-Kyung Choi

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