Gruppendynamik: Wie wir uns in Gruppen verhalten

Warum bilden sich Gruppen? Inwieweit lassen wir uns von der Gruppe beeinflussen und was bringt die Einzelperson in eine Gruppe ein? Die Gruppenpsychologie befasst sich mit diesen Fragen, denen wir in diesem Artikel auf den Grund gehen.
Gruppendynamik: Wie wir uns in Gruppen verhalten
Roberto Muelas Lobato

Geschrieben und geprüft von dem Psychologen Roberto Muelas Lobato.

Letzte Aktualisierung: 01. Februar 2024

Gruppen geben uns Sicherheit und Schutz, das Gefühl der Zugehörigkeit bietet außerdem emotionale Unterstützung, was aus evolutionärer Sicht unser Überleben begünstigt. Wir alle stehen ständig in Beziehung mit verschiedenen Gruppen: Familie, Freunde, Arbeitskollegen, religiöse Gruppen, Sportteam oder andere Vereine formen Teil unseres Lebens.

Jede Gruppe entwickelt eine eigenständige Gruppendynamik und Gruppenmentalität, die sich von den individuellen Einstellungen, Verhaltensweisen und Persönlichkeiten unterscheidet. Die Gruppe beeinflusst jedoch auch das Denken und Verhalten jedes einzelnen Mitglieds. Die Gruppenpsychologie, ein Teil der Sozialpsychologie, beschäftigt sich mit diesen internen Dynamiken und Wechselwirkungen. Sie untersucht außerdem, wie, warum und wann Gruppen entstehen, wie sie aufgebaut sind und welche Rolle sie spielen.

Wir skizzieren anschließend die zentralen Themen, mit denen sich die Gruppenpsychologie beschäftigt.

Gruppendynamik: Wie wir uns in Gruppen verhalten

Was ist eine Gruppe?

Die Definition einer Gruppe scheint einfach zu sein, in Wahrheit ist es jedoch eine komplexe Aufgabe (Huici, 2012a). Wir finden in der Literatur kategorische und dynamische Definitionen. In der kategorischen Definition (Wilder und Simon, 1998) werden die gemeinsamen Merkmale einer Gruppe betont: Alle Mitglieder haben bestimmte Eigenschaften und Weltanschauungen, die sie zu einer Gruppe machen. Diese Merkmale bestehen jedoch nur im Kopf jedes Einzelnen. Diese Definition betrachtet die Gruppe als Summe aller Mitglieder.

Die dynamische Definition (Wilder und Simon, 1998) geht hingegen davon aus, dass Gruppen aus den Beziehungen und Interaktionen zwischen ihren Mitgliedern entstehen. Dadurch können neue Merkmale entstehen, deshalb ist die Gruppe mehr als die Summe aller Individuen. Die Gruppenmerkmale können in diesem Fall nicht von den einzelnen Mitgliedern abgeleitet werden, da sie durch die gemeinsamen Interaktionen entstehen.

Gruppen von Menschen bei einem Konzert

Warum bilden sich Gruppen?

Cartwright und Zander (1992) unterscheiden drei Arten von Umständen, die Einzelpersonen dazu bringen, Gruppen zu bilden:

  • Um ein Ziel zu erreichen: Bestimmte Ziele sind einfacher oder ausschließlich in der Gruppe zu erreichen.
  • Um ein Bedürfnis zu befriedigen: In diesem Fall handelt es sich meistens um spontane Gruppierungen, die durch freiwillige Entscheidungen gebildet werden. Die Gruppenmitglieder weisen Ähnlichkeiten auf und ergänzen sich, wobei die Vorteile der Gruppenzugehörigkeit die Nachteile deutlich übertreffen.
  • Gleiche Behandlung: Es findet ein Prozess der sozialen Kategorisierung statt, der Menschen mit gemeinsamen Merkmalen in Gruppen einteilt. Die Mitglieder betrachten sich selbst als Teil dieser Gruppe, ihr Verhalten wird dadurch beeinflusst. Sie müssen nicht miteinander interagieren, oft kennen sie sich nicht einmal.

Welche Arten von Gruppen gibt es?

Die Struktur der Gruppe sorgt für eine gute Organisation und stabile Beziehungen zwischen den Mitgliedern (Cartwright und Zander, 1992). Sie dient auch dazu, die Gruppe von anderen zu differenzieren und macht sie beständig. Scott und Scott (1981) beschreiben drei strukturelle Eigenschaften von Gruppen:

  • Beziehung zwischen den Mitgliedern: In einer Arbeitsgruppe herrscht eine ungleiche Beziehung zwischen dem Vorgesetzten und den Mitarbeitern.
  • Strukturelle Kontinuität der Gruppe: In einem Fußballteam gibt es immer Verteidiger, Stürmer und Torhüter.
  • Austauschbarkeit der Gruppenmitglieder: Jedes Mitglied kann durch eine andere Person ersetzt werden.

Diese Strukturen weisen den Gruppenmitgliedern Rollen mit unterschiedlichen Werten zu. Einige Mitglieder sind wichtiger als andere, es gibt also eine Gruppenhierarchie, die den Status jedes Einzelnen definiert. Dies führt zur Unterwerfung bestimmter Gruppenmitglieder (Blanco und Fernández Ríos, 1985) und gleichzeitig zu einem Konsens über die hierarchische Ordnung  und das Prestige anderer Mitglieder.

Gruppennormen

Innerhalb der Gruppenstruktur gibt es auch Normen, welche die Einstellungen und Verhaltensweisen der Gruppenmitglieder regeln (Sherif, 1936), wobei zwei Arten unterschieden werden: deskriptive und präskriptive Normen (Cialdini, Kallgreen und Reno, 1991).

Deskriptive Normen beziehen auf die Handlungen der Mitglieder in einer bestimmten Situation. Wenn sie nicht wissen, was zu tun ist, orientieren sie sich an den Mitgliedern, die einen höheren Status aufweisen. Präskriptive Normen geben hingegen vor, was erlaubt ist und was nicht. Es handelt sich um moralische Vorschriften, die Verhalten belohnen oder bestrafen.

In Gruppen gibt es Normen, die eingehalten werden müssen.

Rollen der Gruppenmitglieder

Die Rolle jeder Einzelperson hängt von ihrem Status und ihren Rechten und Pflichten anderen Mitgliedern gegenüber ab (Hare, 1994). Jede Rolle ist mit bestimmten Verhaltensmustern und Aufgaben innerhalb der Gruppe verbunden (Scott und Scott, 1981).

Die Rollend ifferenzierung dient dazu, Ziele zu erreichen, das Funktionieren der Gruppe zu erleichtern und den Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, sich innerhalb der Gruppe abzugrenzen (Brown, 2000). Wenn eine Person die Führungsrolle übernimmt, erfüllen die anderen komplementäre Rollen.

Aufgabenbezogene Rollen sind dazu da, Ziele zu verfolgen, Mitglieder zu koordinieren oder Informationen beizutragen. Einige dieser Rollen sind Koordinator, Initiator oder Kritiker. Sozio-emotionale Rollen hingegen sind wichtig, um die Beziehungen innerhalb der Gruppe zu pflegen und Konflikte zu vermeiden.

Gruppenpsychologie: Was ist das?

Die Gruppenpsychologie untersucht verschiedene Bereiche wie Führung (Molero, 2012a), Gruppenbildung und -entwicklung (Gaviria, 2012), Gruppenkohäsion (Molero, 2012b), Gruppenbeeinflussungsprozesse (Falomir-Pichastor, 2012), Produktivität (Gómez, 2012), Entscheidungsprozesse (Huici, 2012b) und Intergruppenbeziehungen (Huici und Gómez Berrocal, 2012). Auch wenn sie alle wichtig sind, gehören die Beziehungen zwischen den Gruppen zu den Bereichen mit dem größten Einfluss.

Gruppenübergreifende Beziehungen sind nichts anderes als die Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen und zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen. In den Medien können wir Nachrichten über rassistische Vorfälle, interreligiöses Zusammenleben, Unternehmen und Gewerkschaften usw. sehen und lesen. Sie alle sprechen von Intergruppenbeziehungen.

Die Gründe für diese Verhaltensweisen lassen sich durch Unterschiede zwischen den Individuen (Persönlichkeitsmerkmale, Einstellung usw.) und Intergruppenprozesse erklären.

Frau übernimmt in Gruppen Führungsrolle und kommandiert Männer

Individuelle Unterschiede

Jedes Gruppenmitglied bringt eine einzigartige Persönlichkeit mit unterschiedlichen Merkmalen, Eigenschaften und Verhaltensweisen in die Gruppe ein. Diese Differenzen können die Interaktionen zwischen den Gruppenmitgliedern beeinflussen und zu verschiedenen Rollen und Verhaltensweisen innerhalb der Gruppe führen. Die individuellen Ziele und Erwartungen der Gruppenmitglieder variieren und auch die Reaktion auf autoritäre Anweisungen ist unterschiedlich.

Die soziale Dominanzorientierung (SDO) ist ein Konzept aus der Sozialpsychologie, das die Neigung einer Person beschreibt, eine soziale Hierarchie zu unterstützen, in der bestimmte Gruppen als überlegen und andere als untergeordnet angesehen werden. Diese Hierarchie kann unter anderem aus der ethnischen Zugehörigkeit, dem Geschlecht, der sozialen Klasse oder der Religion resultieren. Die Folgen sind Ungleichheit und Spaltung in der Gesellschaft.

Gruppen demostrieren

Gruppenübergreifende Ansätze

Dieser Ansatz lehnt es ab, das Gruppenverhalten ausschließlich durch individuelle Unterschiede zu erklären. Er geht davon aus, dass sich Menschen durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verändern: Verhalten, Wahrnehmungen, Gedanken und Einstellungen werden immer einheitlicher. Die realistische Gruppenkonflikttheorie und die soziale Identitätsperspektive versuchen, dieses Phänomen zu erklären.

Die realistische Gruppenkonflikttheorie

Der realistische Gruppenkonfliktansatz befasst sich mit den Ursachen und Dynamiken zwischengruppenspezifischer Konflikte und Vorurteile. Er geht davon aus, dass zwischen verschiedenen Gruppen Probleme entstehen, wenn sie um begrenzte Ressourcen konkurrieren oder wenn ihre Ziele, Werte oder Identitäten miteinander in Konflikt geraten. Diese Konflikte können zu Feindseligkeit, Vorurteilen und Diskriminierung führen, wenn die Mitglieder einer Gruppe andere Gruppen als Bedrohung für ihre eigenen Interessen oder Identitäten wahrnehmen.

Soziale Identitätsperspektive

Die soziale Identitätsperspektive ist ein Konzept aus der Sozialpsychologie, das sich mit der Art und Weise befasst, wie Menschen ihr Selbstkonzept und ihre Identität im Kontext von Gruppen definieren. Dieser Ansatz geht davon aus, dass die Selbstwahrnehmung und das Selbstwertgefühl einer Person nicht nur auf individuellen Eigenschaften beruhen, sondern auch stark von ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen abhängen. Menschen neigen dazu, sich mit den Werten, Normen und Zielen einer Gruppe zu identifizieren.

Aus der Zugehörigkeit entsteht eine soziale Identität (Tajfel, 1981; Tajfel & Turner, 2005), mit der sich die Einzelperson mehr oder weniger stark identifiziert. Da die Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen des Einzelnen durch die Gruppe beeinflusst werden, bevorzugen wir die eigene Gruppe gegenüber anderen.

Warum verhalten wir uns in Gruppen anders?

Das Gruppenverhalten weicht vom individuellen Verhalten ab, was insbesondere bei gewalttätigen oder problematischen Gruppen zu beobachten ist. Beispiele dafür sind extreme Fußballfans und Sauftourismus. Grund dafür ist die Deindividuation.

Dieser Begriff beschreibt den Verlust des Gefühls der individuellen Identität und Verantwortung innerhalb einer Gruppe. Moral, Canto und Gómez-Jacinto (2004) von der Universität Málaga erklären das wie folgt: “Anonymität, die Gruppe und ein reduziertes individuelles Selbstbewusstsein führen dazu, dass Menschen enthemmtes, impulsives und antinormatives Verhalten zeigen. Dieser Prozess basiert auf zwei zentralen Aspekten: Anonymität und reduzierte individuelle Selbstwahrnehmung.”

In der Gruppe ist die Anonymität größer als das individuelle Selbstbewusstsein, die Gruppe “übernimmt die Verantwortung”. 

Die Gruppenpsychologie macht deutlich, dass unsere Interaktionen in sozialen Kontexten weitreichende Auswirkungen auf unser Verhalten haben können. Indem wir die Dynamik und Kräfte innerhalb von Gruppen besser verstehen, können wir nicht nur unser eigenes Verhalten reflektieren, sondern auch Wege finden, um eine positive Gruppendynamik zu fördern und gemeinsame Ziele effektiv zu erreichen.


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