Glück kennt keine Grenzen

· 28. Mai 2018

Wenn meine Studenten mich fragen, was eine Grenze sei, sage ich ihnen, dass eine Grenze eine Bewegung sei. Eine Bewegung, die nie ende. Vielleicht eine Bewegung in Richtung „etwas haben“ sein. Doch Glück kennt keine Grenzen.

Die meisten Eltern sagen ihren Kindern, dass sie wie die Ameise sein müssten, und sie lehnen die Grille ab. Die Grille war in der Geschichte natürlich die Faule, aber die Zukunft ist unvorhersehbar und man weiß nie, wie viele Ressourcen man braucht, um Hindernisse zu überwinden. Kinder sind oft noch nicht in der Lage, die Komplexität dieser Philosophie zu verstehen und Wissen als eine Chance zu begreifen. Sie sehen in ihm mehr ein Instrument, um Prüfungen zu bestehen und auf diese Weise ihren Eltern Freude zu bereiten.

Das wird sich ändern, wenn sie sich erstmals verlieben. Dann werden sie alles wissen wollen. Sie werden fasziniert sein von der Möglichkeit, Neues zu entdecken. So wird die Liebe zum Motor des Wissens, die die Formel des Glücks asymptotisch an ein Maximum nähert, dass jedoch nie erreicht werden kann. Sie ist eine Bewegung, die sich mit der Idealisierung verstärkt, die unweigerlich in diesem frühen Alter auftritt.

„Tausende Kerzen können von einer Kerze angezündet werden, und das Leben dieser Kerze wird dadurch nicht verkürzt. Glück wird niemals verkürzt, wenn man es teilt.“

Buddha

Der Schlüssel zum Glück

Glück und das Bedürfnis, zu haben, sich zu vergnügen

Von Zeit zu Zeit wird jedes Modell erneuert, wird obsolet. Es hört auf, zu paradieren, und endet als ein Museumsstück, auf das die Vorübergehenden blicken, die uns die Existenz dieser ständigen Bewegung zeigen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die ständig Konsum fordert. Man ermutigt uns, unsere Lebensqualität zu erhalten oder sogar zu steigern, indem wir mehr und mehr erwerben. Geld nutzt das so erzeugte Bedürfnis und lockt uns an. Es verführt unsere Körper, unsere Würde und unsere selbstlosen Motive. Geld hat eine Anziehungskraft, der nur wenige widerstehen können und für die viele ihre Seelen an den Teufel verkaufen.

Geld wird zur Karotte, die man dem Esel vorhält. Es kann gut sein, dass wir dorthin gehen, wohin unsere Mitmenschen gehen, aber die gehen dorthin, wo das Geld sie hinführt. Die Tatsache, dass jemand eine bestimmte Aktivität ausführt, wird zu einer gültigen Rechtfertigung für andere, dies auch zu tun. Das hat viele Menschen in Politik und Sport dazu gebracht, ihre Macht und ihre Körper zu missbrauchen, nur um voranzukommen. Es ist auch, was die Menschen im Dritten Reich den Launen eines kranken Mannes und Mörders folgen ließ. „Wenn alle anderen dorthin gehen, dann ist das sicher der Weg zum Glück“,  war die gängige Annahme. „Und wenn das der Fall ist, warum sollten wir ihm dann nicht folgen?“

Wissen wir es heute besser?

Ein weiterer Antrieb und gleichzeitig eine Quelle der Unzufriedenheit, was das Glück betrifft, ist Vergnügen. Der Wunsch, Befriedigung zu erhalten, lässt uns auf der Hut sein. Er lässt uns die vorübergehenden Dinge den dauerhaften vorziehen. Er lässt uns eher nach kurzlebigen Vergnügungen als nach bleibendem Glück suchen. Auf diese Weise verführt das Vergnügen unsere Zerbrechlichkeit: Genieße heute, weil du vielleicht kein Morgen hast.

Aber wer kann diesen Antrieb drosseln? Die Zeitungen sind voller Unglück und machen wenig Hoffnung auf das Morgen.

Vorankommen – mit Verstand

So kommen wir zu dem Punkt, an dem es uns egal ist, ob wir sterben, solange wir unser Verlangen nach Vergnügen befriedigen können. Aber das geht doch gegen die Moral der Fabel von Ameise und Grille? Gegen die Idee, anzuhäufen, nur für den Fall, dass wir es später brauchen. So erscheint der Neurotizismus, ein anarchisches Verhalten, das den anderen Menschen bricht. In all ihrem Streben, voranzukommen, haben wir unsere Vernunft vergessen … und den gesunden Menschenverstand. Das passiert, wenn wir nicht wissen, ob wir Verantwortung oder Genuss wählen sollen.

Eine Frau steht auf einem Berg vor vielen Quallen

Wir vergessen den gesunden Menschenverstand, der uns motiviert, weiterzumachen, wenn es kompliziert wird. Der uns Gründe liefert, die wenig mit Geld und viel mit unserem wahren Wert und dem unserer Mitmenschen zu tun haben. Erinnern wir uns an die Bedeutung dieses gesunden Menschenverstandes, indem wir an die berühmte Arbeit von Viktor Frankl denken, in der er beschrieb, wie der gesunde Menschenverstand, egal ob er richtig läge, die Menschen dazu gebracht habe, schreckliche Bedingungen in Konzentrationslagern zu überleben. Ohne ihn hätten viele sicherlich aufgegeben.

Glück als eine Tugend

Eine attraktivere Definition von Glück ist die, die es als Tugend interpretiert. Es verankert uns im Hier und Jetzt und lässt uns über unsere Ziele, über Dank, Vergebung und Liebe nachdenken. Über Elemente, die die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft unseres Wesens ausmachen, die ein gutes Ende sicherstellen, die Möglichkeit, an der Gegenwart teilzunehmen, und die uns Hoffnung für die Zukunft geben.

Auf diesem Weg liegt auch der Wunsch nach Wissen. Um andere kennenzulernen, aber auch um uns selbst kennenzulernen. Es ist weiteres Wissen, das niemals enden wird, aber eines, das Ruhe und Sicherheit gibt. Wenn wir diesen Weg durch das Leben gehen, finden wir Fragen und auch ein paar Antworten. Unser Schatten wird unser Glück werden. Der Schatten, der uns den Unterschied zwischen der Notwendigkeit zu haben und der Notwendigkeit zu sein zeigt.

Die Suche nach Glück wird in der Tat zu der nach einer Grenze im Unendlichen. Glück ist Bewegung.