Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Intelligenz?

15. Dezember 2018

„Frauen sollten weniger verdienen als Männer, weil sie schwächer, kleiner und weniger intelligent sind.“  Ein polnischer Abgeordneter hat diese Erklärung kürzlich abgegeben. Der gerade erst gewählte Präsident Brasiliens sagte: „Ich würde Männern und Frauen nicht das gleiche Gehalt zahlen. Aber es gibt auch viele kompetente Frauen,“  und leistet dem Polen damit gute Gesellschaft.

Leider hören wir weiterhin unglückliche Kommentare gehört, die die Intelligenz von Männern der von Frauen überordnen. Ein anderer, weitverbreiteter Glaube ist, dass Frauen besser seien, wenn es um Sprachen ginge, aber Männer besser rechnen könnten. Aber welche wissenschaftliche Grundlage hat dieser Vergleich? Ist es wahr, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Intelligenz gibt?

Wer ist intelligenter?

Einige Forscher haben die Tatsache kritisiert, dass geschlechtsspezifische Unterschiede gesucht werden, weil sie glauben, dass derartige Studien Stereotype und Vorurteile fördern könnten. In diesem Sinne sind wir der Meinung, dass Vorurteile auch in Abwesenheit von Daten bestehen, sodass die Forschung manchmal der einzige Weg ist, Mythen von Fakten zu trennen.

Mann und Frau auf einer Waage

Die Wahrheit ist, dass unzählige Wissenschaftler Studien in Bezug auf geschlechtsbezogene Unterschiede in der Intelligenz durchgeführt haben. Basierend auf den Ergebnissen dieser Studien können wir sagen, dass es praktisch keine Unterschiede in der Intelligenz zwischen Männern und Frauen gibt. In einigen Studien kommen die Männer etwas besser weg, in anderen die Frauen.

Forscher haben verschiedene Instrumente eingesetzt, um die Unterschiede in der Intelligenz zwischen beiden Geschlechtern zu untersuchen. Einige der bekanntesten sind der Cattell-Faktor oder der Progressive Matrizentest. Aber keiner von ihnen hat einen signifikanten und systematischen Unterschied in der Intelligenz zwischen Männern und Frauen belegen können.

Die Ergebnisse zeigen allerdings auch, dass es Unterschiede in den Mustern der Gehirnaktivität gibt. Während Frauen mehr Bereiche des Gehirns nutzten, die für die Verarbeitungsgeschwindigkeit verantwortlich sind, sind bei Männern eher jene Areale aktiv, die für die Entscheidungsfindung gebraucht werden.

Intelligenzunterschiede in spezifischen Fähigkeiten

Nun ist uns klar geworden, dass es keine Unterschiede in der allgemeinen Intelligenz zwischen Männern und Frauen gibt. Aber was ist mit bestimmten Themen oder Wissensgebieten? Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen bezüglich ihrer Leistungen in Mathematik, Sprache & Co.?

In diesem Fall können wir bestätigen, dass es erhebliche Unterschiede gibt. Forscher haben beobachtet, dass Frauen bei verbalen Tests, Weltwissen, Absatzverständnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit besser abschneiden. Andererseits erzielen Männer bessere Ergebnisse wenn es um räumliche Orientierung, Naturwissenschaften, Arithmetik und mechanisches Verständnis geht.

Nun fragt sich aber, ob die Unterschiede in den spezifischen Fähigkeiten wirklich auf einen Mangel an Eignung oder einfach auf Stereotype zurückzuführen sind? Erhalten Frauen schlechtere Noten in Mathematik, weil sie entmutigt oder unmotiviert waren, diese Fächer zu studieren? Passiert dasselbe mit Männern?

Unterschiede in der Intelligenz: Flynn-Effekt

Der Flynn-Effekt gibt diesem seltsamen Phänomen einen Namen. Die Wahrheit ist, dass wir, wenn wir die Ergebnisse von Intelligenztests, die vor zwei Jahrzehnten durchgeführt wurden, mit den Ergebnissen heutiger Intelligenztests vergleichen, sehen können, dass der IQ der Menschheit gestiegen ist. Faktoren, die diesen Anstieg erklären, sind globale Verbesserungen hinsichtlich Nahrung und Bildung sowie die Tendenz, kleinere Familien zu gründen.

Wollen wir die Mathematik als Referenz verwenden: Sowohl Männer als auch Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten in der Mathematik deutlich verbessert. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass sich die Unterschiede zwischen der mathematischen Intelligenz von Männern und Frauen verringert haben. Daher haben Frauen, was dieses Fach betrifft, in der Mathematik in den letzten Jahren mehr Fortschritte gemacht als Männer.

Bäume in Kopfform

Dieser Trend deutet auf die Idee hin, dass diese Unterschiede eher eine kulturelle als auf eine genetische Ursache haben. Wenn dies der Fall wäre, liegt es in unserer Verantwortung und in der Verantwortung der Erzieher, die Förderung von Stereotypen einzustellen und Männer und Frauen gleichermaßen zu motivieren. Dies würde es ihnen leichter machen, selbst zu entscheiden, was sie studieren wollen.

Wie wir bereits gesehen haben, sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Intelligenz sehr gering, wenn nicht gar nonexistent. Es ist wahr, dass sich in bestimmten Fähigkeiten immer wieder zeigen Unterschiede , wie z. B. verbal, räumlich oder numerisch. Aber es ist nicht weniger wahr, dass diese Unterschiede kleiner werden, was eine genetische Komponente zunehmend unwahrscheinlich macht. Andererseits spielen wir als Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung dieser Unterschiede. Und wir haben die Macht, sie verschwinden zu lassen.