Gewalt bei jungen Paaren: Warum ist sie immer häufiger ein Problem?

· 5. März 2019

Wir reden nur selten über Gewalt in der Beziehung junger Paare. Trotz zahlreicher Studien zu Gewalt und Missbrauch bei verheirateten Paaren wurde Gewalt bei jungen Paaren bisher nicht gesondert untersucht. Dieses Thema ist aber besonders interessant, da wir möglicherweise viele dramatische Situationen vermeiden könnten, wenn wir versuchen würden, diese Art der Gewalt zu verhindern.

Wir alle kennen jemanden, der seinen Partner angreift oder schon einmal übergriffig geworden ist. Und wir sprechen nicht nur von körperlichen Übergriffen. Viele Menschen neigen dazu, an körperliche Auseinandersetzungen zu denken, wenn sie die Worte „Angriff“ oder „Übergriff“ hören. Verbale, emotionale und sogar sexuelle Übergriffe sind jedoch häufiger als wir uns das vorstellen.

Trotz der Tatsache, dass auch immer mehr Opfer sich und andere dazu ermutigen, ihre Stimme zu erheben und um Hilfe zu bitten, wenn sie sich in einer missbräuchlichen Beziehung befinden, nimmt die Zahl der Fälle von Gewalt bei jungen Paaren zu. Warum ist das so?

Ist Gewalt bei jungen Paaren eine Folge eines ungeeigneten Umfelds?

An der Universität von La Laguna (Spanien) wurde eine Studie durchgeführt, in der die Forscher feststellten, dass eine enge Beziehung zwischen den Menschen besteht, die andere missbrauchen, und dem, was diese beim Heranwachsen in der eigenen Familie beobachteten. Es ist schon merkwürdig, dass erwachsene Männer und Frauen auf Wut und Zorn signifikant unterschiedlich reagieren. Dies geschieht jedoch weniger häufig, wenn die Menschen noch jünger sind.

Die Kinder leiden besonders unter Gewalt in Beziehungen.

1146 Schüler und Studenten zwischen 16 und 18 Jahren nahmen an der Studie teil. Beide Geschlechter zeigten ihre Wut und ihren Ärger gegenüber ihren Partnern auf ähnliche Weise. Während erwachsene Männer dazu neigen, aggressiver aufzutreten, und Frauen eher passiv bleiben, war das bei den Jugendlichen nicht der Fall.

In Einzelbefragungen zu häuslicher Gewalt wurde angegeben, dass die Väter, wenn die Eltern der befragten Teenager miteinander stritten, Dinge auf den Boden warfen oder ihre Mütter schlugen, während andererseits ihre Mütter oft nur weinten. Außerdem gaben 12 % der Jugendlichen an, dass sie mindestens einmal gesehen haben, wie ihr Vater ihre Mutter körperlich angriffen hätte.

Wenn es um Gewalt bei jungen Paaren geht, ist es erwähnenswert, dass Teenager, die diese in ihrer Kindheit erleben, sogar noch gewalttätiger werden können als ihre Eltern. Ein weiterer alarmierender Aspekt ist, dass bereits 7 % der Jugendlichen mit körperlicher Aggression auf Konflikte reagierten.

Warum nimmt die Gewalt in der Beziehung bei jungen Paaren zu?

Nach dem Ergebnis der Studie führt ein gewalttätiger familiärer Kontext nicht unbedingt zu gewalttätigem Verhalten. Es gibt viele Kinder, die lernen, sich aufgrund der unangenehmen und verletzenden Situationen, die sie als Kinder erlebt haben, besser zu verhalten, wenn sie selbst Eltern werden.

Diese Studie ergab allerdings auch, dass es zwei Arten von aggressiven jungen Männern gibt:

  • Personen mit hohem Selbstwertgefühl, die Gewalt als Waffe einsetzen, um ihren Partner zu kontrollieren
  • Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl, die versuchen, ihre Frustration zu mildern, indem sie ihren Partner verletzen

Alle Menschen müssen lernen, Grenzen zu respektieren. Dazu sollten Jugendliche zumindest in Bildungseinrichtungen lernen, dass sie keine Art von Aggression oder Missbrauch durch ihren Partner tolerieren dürfen.

Einige Faktoren, die zu berücksichtigen sind, wenn man die Zunahme von Gewalt bei jungen Paaren untersucht, sind beispielsweise übertriebene Romantik und Idealisierung des Partners. Die jungen Generationen wachsen mit unrealistischen Erwartungen in Bezug auf Liebe und Beziehungen auf. Sie glauben, dass Kontrolle, Eifersucht und verschärfte Abhängigkeit gleichbedeutend mit Liebe seien.

Viele Theorien versuchen, zu erklären, auf welche ungesunde Weise manche Menschen ihre „Liebe“ zeigen. Die interessantesten sind die Bindungstheorie und die feministische Perspektive.

Ein Mann, der seine Partnerin anschreit

Die Bindungstheorie und Gewalt gegenüber dem Partner

Der Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby entwickelte die Bindungstheorie. Grundsätzlich geht es darum, wie wichtig es für ein Kind und seine Bezugspersonen ist, eine Bindung einzugehen. Dabei ist Bindung etwas, das von Natur aus kommt und sowohl das Verhalten des Kindes als auch die Art und Weise, wie Beziehungen aufgebaut werden, beeinflusst. In der Tat kann die Bindung, die das Kind entwickelt, sogar Auswirkungen bis in das Erwachsenenalter haben.

Davon abgesehen, beeinflusst diese Bindung die Art und Weise, wie wir uns gegenüber anderen verhalten. Aus diesem Grund ist es so wichtig, die verschiedenen Bindungsstile zu kennen, und wie sie mit Gewalt bei jungen Paaren zusammenhängen.

Der sichere Bindungsstil

Eine sichere Bindung liegt dann vor, wenn Kinder eine gesunde Beziehung zu ihrer primären Bezugsperson (normalerweise ihrer Mutter) haben. Wenn diese nicht in der Nähe ist, können sie durchaus auch mit anderen Menschen interagieren. In ihrer Gegenwart hat sie jedoch immer Priorität, da sie sie bewundern. Sie fühlen sich geborgen und wohl, weil sie wissen, dass sie dafür Sorge trägt, dass ihnen nichts Schlimmes passieren wird.

Im Erwachsenenalter haben Personen mit einer sicherer Bindung keine Probleme, Beziehungen zu anderen aufzubauen. Sie wissen, wie man toxische Menschen erkennt, und sie weigern sich, Beziehungen zu ihnen aufzubauen, nur weil diese Angst haben, allein zu sein. Außerdem haben sie keine Angst, auch einmal um Hilfe zu bitten, wenn sie es für notwendig halten. Es sind Menschen, mit denen sich eine ehrliche, reife und verantwortungsvolle Beziehung aufbauen lässt.

Auf der anderen Seite können Personen, die nie fürsorgliche, liebevolle Vorbildfiguren hatten, bei denen sie sich geborgen und geschützt fühlen konnten, gegenüber ihren Partnern gewalttätig werden.

Der ängstlich-vermeidende Bindungsstil

Dieser Bindungsstil ist mitunter daran zu erkennen, dass schon Babys sich nicht wirklich darum kümmern, ob ihre Mutter oder eine andere primäre Bezugsperson in der Nähe ist. Sie kommen gut ohne sie klar. Verursacht wird dieses Verhalten durch einen wiederholten Mangel an Aufmerksamkeit für die emotionalen Bedürfnisse des Kindes.

In diesem Fall vermeiden die Eltern oder die Hauptbezugspersonen den Kontakt mit dem Kind. Sie lehnen jegliche Art von Zuneigung ab. Kinder, die mit diesem Bindungsstil aufwachsen, haben oft Probleme, intime und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Zum Beispiel verbergen sie ihre Gefühle und Bedürfnisse aus Angst vor Ablehnung.

In einigen Fällen können diese Menschen sogar ein selbstzerstörerisches Verhalten entwickeln. Sie neigen dazu, ihre Gefühle zu unterdrücken, sich der Verpflichtung entziehen und sich hinter ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit zu verstecken. Dies ist jedoch nur eine Art des Einmauerns, mit der sie verhindern wollen, dass intime Beziehungen zu anderen aufgebaut werden. Außerdem fühlen sie sich unwohl, wenn ihr Partner sie um Hilfe bittet.

Auf der anderen Seite haben sie keine Probleme, sexuelles Verlangen auszudrücken, solange es nur das ist. Ihre Beziehungen sind oberflächlich und ihr Partner fühlt sich tendenziell unbemerkt und ungeliebt.

Menschen, die mit diesem Bindungsstil aufgewachsen sind, werden aber normalerweise nicht gewalttätig.

Je nach Bindungsstil zeigt sich unangepasstes Verhalten bei jungen Paaren.

Der ängstlich-ambivalente Bindungsstil

Im Fall der ängstlich-ambivalenten Bindung können Babys das Verhalten ihrer Mutter bzw. ihrer primären Bezugsperson nicht vorhersehen. In manchen Fällen ist diese liebevoll und zärtlich und in anderen scheint sie ihnen feindselig gesinnt. Diese Ambivalenz erzeugt Angst und Verwirrung. Daher neigen diese Kinder dazu, zu überempfindlichen Personen zu werden.

Sie versuchen, so nah wie möglich an ihrer Mutter zu bleiben und sehnen sich nach deren Aufmerksamkeit. Dies ist ein Verhalten, welches auch ihre späteren Beziehungen und Freundschaften beeinflussen kann. Menschen, die mit diesem Bindungsstil aufwachsen, fühlen sich während einer Trennung meist vernachlässigt oder vom Partner aufgegeben. Ihre Überempfindlichkeit führt zu Ärger und Angst, die ihre Beziehungen extrem toxisch machen können.

Dieser Bindungsstil kann zu Gewalt bei jungen Paaren führen. Die Teenager und jungen Erwachsenen, die nur diesen Bindungsstil kennen, neigen am ehesten dazu, missbräuchliches Verhalten an den Tag zu legen. Ihr Verhalten und ihre Stimmungsschwankungen sind abrupt und von Impulsivität geprägt. In einer Minute schenken sie ihrem Partner alle Aufmerksamkeit, die er benötigt, werden aber im nächsten Moment zu seinem schlimmsten Feind und gewalttätig.

Menschen mit diesem Bindungsstil tendieren zum angesprochenen Verhalten aufgrund all dessen, was sie in ihrer Kindheit erlebt haben, und auch wegen ihres extremen Bedürfnisses, ein weiteres traumatisches Erlebnis des Verlassenwerdens zu vermeiden.

Die feministische Perspektive

Dem Feminismus zufolge werde Gewalt bei jungen Paaren durch soziale Ungleichheit in den Geschlechterrollen verursacht. Mehrere Studien belegen, dass der Anteil von Männern, die Frauen misshandeln, viel höher ist als der von Frauen, die Männer misshandeln. Dies ist eine interessante Aussage, da die Studie, über die wir zuvor gesprochen haben, zeigt, dass die Prozentsätze aggressiver Partnerinnen und Partner bei jüngeren Paaren in etwa gleich sind.

Aus dieser Perspektive heraus verhalten sich junge Frauen, die ihre Partner misshandeln, genau so, weil sie in ihrem Elternhaus Zeuge gewalttätiger Verhaltensmuster geworden sind. Demgegenüber verhalten sich die meisten jungen Männer, die ihre Freundinnen angreifen, so, weil dies ein Teil der „Macho-Kultur“ ist. Sie betrachten Frauen als Objekte, als ihren Besitz. Sie erniedrigen sie und greifen sie an, um ihre Macht über sie zu bekräftigen. Außerdem glauben sie, dass Frauen minderwertig wären und gezähmt werden müssten.

Auf der anderen Seite gibt es Fälle, in denen der Macho zum Missbrauchsopfer wird. In den meisten Fällen berichten misshandelte Männer nicht, was mit ihnen geschehen ist, weil sie der Meinung sind, dass dies zu demütigend sei und die Gesellschaft auf sie herabschauen würde. Warum aber glauben sie das? Weil die Gesellschaft uns nach wie vor lehrt, dass Männer ihre Emotionen verbergen müssen, weil sie schwach erschienen, wenn sie es nicht täten.

Früherziehung: Der Schlüssel zur Verhinderung von Gewalt bei jungen Paaren

Diese Theorien zeigen uns, dass Eltern eine enorme Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder haben. Ihre Handlungen betreffen ihre Kinder direkt, die mit dem Erlebtem irgendwie fertig werden müssen. Wir müssen jedoch bedenken, dass nicht nur Gewalt in der elterlichen Beziehung die Ursache für Gewalt bei jungen Paaren ist. Es gibt auch viele Aggressoren, die ein solches Verhalten nie zu Hause erlebt haben. Variablen wie Kultur und Kontext, die eigene Persönlichkeit, vorherige Beziehungen und Bildung können ebenfalls zu diesem Verhalten führen.

Es ist wichtig, unseren Kindern Gleichheit und Respekt zu vermitteln. Darüber hinaus ist es essenziell, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir trotz physischer, psychischer und sozialer Unterschiede alle die gleichen Rechte haben.

Eltern sollten liebevoll und zärtlich zu ihren Kindern sein, damit diese sich sicher und geborgen fühlen können. Jemand, der in seiner Kindheit viel Liebe, Schutz und Glück erlebt hat, baut in Zukunft viel eher respektvolle und freudige Beziehungen zu anderen Menschen auf.

Auf der anderen Seite ist es für Kinder, die in ängstlich-vermeidenden oder ängstlich-ambivalenten Bindungsstilen aufgewachsen sind, sehr schwer, als Erwachsene gesunde Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. So könnten sie zu Erwachsenen werden, die sich gegenüber ihren Angehörigen gleichgültig verhalten, Angst vor dem Verlassenwerden haben und obsessive Verhaltensweisen zeigen. Alle diese Verhaltensweisen sind toxisch und sollten psychologisch behandelt werden, wenn sie gesunde und bereichernde Beziehungen genießen möchten.