Für viele bin ich eine herausfordernde, unverbesserliche und unerträgliche Frau

27. Dezember 2016 en Psychologie 483 Geteilt

Für viele bin ich eine herausfordernde, unverbesserliche und unerträgliche Frau. Ich bin das Ergebnis meiner Anstrengungen und auch meines Leids, weil ich nie ein Opfer oder eine Sklavin sein wollte. Das, was du vor dir siehst, ist alles, was ich bin und vollkommen echt: Wer sich vor allen anderen selbst liebt, liebt das Leben.

Diese vollkommene und authentische Vorstellung kommt bei Frauen in den Zwanzigern oder Dreißigern oft noch nicht ganz an. Heutzutage spricht man von einer erfüllten Frau in ihren 50ern. Selbstverständlich feiern wir in jeder Altersstufe Erfolge und jedes Alter hat etwas Schönes. Doch wenn wir in den Fünfzigern ankommen, fühlen wir uns größtenteils frei und ungezwungen. Wir verstehen außerdem, dass wir keine andere Hälfte brauchen, um glücklich zu sein.

„Wer nicht jaulen kann, wird sein Rudel nicht finden.“

Clarissa Pinkola Estés

Ein anderer Aspekt, von dem immer häufiger die Rede ist, ist die sogenannte „Alpha-Frau“. Die feminine Präsenz hat bereits viele Bereiche des Lebens erobert, die bislang vom männlichen Geschlecht beherrscht wurden. Frauen sind einflussreich, vereinen Werte, Kreativität und herausragende Eigenschaften miteinander, um Unternehmen zu leiten und ein mitfühlendes Arbeitsumfeld zu erschaffen, wo die Belegschaft zu neuen Erfolgen motiviert wird.

Aber wir wissen alle, dass die Alpha-Frau nicht erst im 21. Jahrhundert geboren wurde. Sie ist das Erbe des weiblichen Geschlechts. Die Frau war in ihren ganz eigenen Lebensbereichen schon immer diese stille und anonyme Kämpferin. Denken wir doch beispielsweise einmal an unsere Großmütter zurück: Frauen, die wir bewundern, die die Traurigkeit wie ihre geflochtenen Haare aus ihrem Gesicht verbannten und alles für ihre Kinder gaben, für ihr Heim, für ihre Familie. Tapfere Damen, die sich niemals beschwerten und die, wenn sie ihre von den Jahren und der Arbeit geschundenen Hände betrachteten, sich wünschten, dass ihre Töchter eines Tages das sein können, was sie zu jenem Zeitpunkt sind: Frauen, die ihre Zukunft mit Stolz und frei erschaffen.

frauen

Das Vermächtnis der herausfordernden Göttin

In vielen Kulturen sagt man, dass die Frau „das Licht der Welt“ repräsentiere. Aber dieses Strahlen finden wir nicht in den Augen einer Frau, sondern in ihrem Bauch, wo Leben entsteht. Gleichzeitig erscheint es eigenartig, wie die Figur der Frau schon immer von Kulturen der ganzen Welt nicht nur als „Schöpferin“, sondern auch als ein herausforderndes Wesen gesehen wurde.

Der britische Schriftsteller Robert von Ranke-Graves erklärt uns in seinem Buch Die weiße Göttindass sowohl in den mediterranen Ländern des Alten Europas, als auch im Nahen Osten matriarchalische Kulturen weit verbreitet gewesen wären, die die Göttin Suprema anhimmelten. Sie war eine Göttlichkeit, die in Verbindung mit dem Mond gebracht wurde und sich gegenüber der anderen männlichen Götter mit einem eigenen Licht erhob. Doch sämtliche Wurzeln und Vorstellungen dieser einzigartigen Schönheit wurden von dem Erscheinen des Patriarchats zunichtegemacht.

Die Frau und ihr anthropologischer und kultureller Fußabdruck wurde ab 400 v. Chr. verwischt. In jenem Zeitalter, in dem die Frau dazu gezwungen wurde, in der Stille und unterdrückt im eigenen Heim zu hausen. Aber Suprema, die weiße Göttin, eine herausfordernde Schöpferin und voller Geheimnisse, starb nicht: In einigen Völkern lebt sie in den Legenden weiter. Ihr Bild wurde von Generation zu Generation, von Frau zu Frau, in der magischen Verbindung des femininen Vermächtnisses weitergegeben.

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Früher sagte man hinter vorgehaltener Hand, dass die Frau wie der Mond sei. Dieser Archetypus hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und wächst heran, hat die Macht über die Natur und wurde einst von diesem Himmelskörper gefürchtet, der die maskuline Macht darstellt: der Sonne.

Die herausfordernde Frau, die du in dir trägst

Wir leben in einer Zeit, in der Herausforderungen an der Tagesordnung sind. All diese kulturellen Vermächtnisse, die andere im Verborgenen lassen wollten, sind noch immer das Erbe der Frau. Es ist das Erbe des weiblichen Geschlechts, das wir in Büchern, wie Die weiße Göttin  von Ranke-Graves oder Frauen, die mit den Wölfen rannten  von Clarissa Pinkola Estés aufleben lassen. Die Frau weiß, wie sie eine Siegerin ist, sie versteht, dass ihre Stimme Macht hat und dass sie sich selbst und ihre eigene Welt herausfordern kann und sollte.

„Ich male mich selbst, weil ich der Mensch bin, den ich am besten kenne.“

Frida Kahlo

Wir sollten uns eingestehen, dass dieser Moment kommt. Dieser Tag, an dem man es leid ist, „ja“  zu sagen, wenn man im Grunde genommen „nein“  sagen möchte. Unter Umständen erlangen wir dieses Gefühl der vollkommenen Kontrolle genau dann, wenn wir den eigenen Reifeprozess annehmen. Wenn wir keine Angst mehr vor der fortschreitenden Zeit haben und die Einsamkeit nicht mehr als einen Feind ansehen, sondern als einen Raum, in dem wir wachsen, uns entwickeln können und Möglichkeiten erhalten.

Trotz dieser Tatsache wissen wir alle, dass die herausfordernde Frau nicht immer gern gesehen wird. Es gleicht einem magnetischem Puls, der dem tiefsten Inneren der Erde entspringt und ihr die Kraft nimmt, die Realität zu ändern. Das wird im Allgemeinen ängstlich aufgefasst. Denn Veränderungen, die veraltete Realitäten erneuern wollen, sind für viele beunruhigend.

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Daneben wird eine Frau mit einem starken Charakter noch immer misstrauisch beäugt. Sie wird als Egoistin beschimpft, nur weil sie an ihrer Überzeugung und ihren Werten festhält oder weil sie sich in einem gewissen Moment dazu entschließt, sich selbst die höchste Priorität einzuräumen. Ob wir es glauben oder nicht, wir sind auch weiterhin diese Medizinfrauen, manchmal wegen unserer Gaben verflucht, aber auch wegen unserer Fähigkeiten beneidet.

Es ist nicht wichtig, dass wir unverbesserlich sind und unseren Wurzeln treu bleiben oder uns manche nicht ertragen. Wir sind wer wir sind: stolz auf unsere Abstammung, Erbinnen einer herausfordernden Göttin, die in Würde und umgeben von Glück ihren eigenen Weg finden wollen.

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