Filme von Quentin Tarantino – oder: die Ästhetik der Gewalt

3. März 2019

Quentin Tarantino ist einer jener Regisseure, denen es gelungen ist, seine eigene Marke zu kreieren und jedem Film seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Wenn wir uns hinsetzen, um einen seiner Filme anzusehen, wissen wir genau, was uns erwartet: Gewalt, Musik, Fetischdarsteller, Nahaufnahmen von Frauenfüßen, Szenen aus dem Kofferraum, Huldigungen in Bezug auf die Filmwelt usw. Einfach eine Mischung aus Aspekten, die dem Regisseur gefallen. Sie sind allesamt eine Hommage an Filmemacher, die Alfred Hitchcock gleichkommen, an Kung-Fu-Filme, B-Movies und Italowestern bis hin zu den Flintstones.

Tarantino macht, was er will. Er lässt Cameos mit einfließen, spielt mit Farbe, verwendet Aufnahmen erneut, erfindet Szenen neu etc. Er mischt all das, um zu finden, wonach er gesucht hat. Viele mögen ihn des Plagiats beschuldigen, aber wir müssen uns fragen, ob wirklich von Plagiaten gesprochen werden kann, wenn diese Mittel eingesetzt werden dürfen und die Absicht des Autors darin besteht, eine Szene in einen anderen Film, in einen anderen Kontext zu bringen und etwas ganz anderes zu erschaffen.

Jeder, wirklich jeder Mensch lässt sich von dem inspirieren und beeinflussen, was ihm gefällt. Und wenn wir im 21. Jahrhundert etwas völlig Neues erschaffen wollen, werden wir sicherlich darauf zurückgreifen müssen, etwas zu zitieren oder neu zu erfinden, was in der Vergangenheit bereits einmal gesagt oder eben gefilmt wurde.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Tarantino von seinem Einfluss Gebrauch macht, um seine Filme entstehen zu lassen, denn er ist in erster Linie ein großer Kinoliebhaber. Mehr als einmal hat er betont, dass es keiner Ausbildung bedürfe, um einen guten Kinofilm zu machen, sondern dass eine echte Leidenschaft für das, was man tue, vorhanden sein müsse. Kinofilme entstehen aus Leidenschaft. Auch seine. Und aus den unvergesslichen Tomatensaucenbädern, die uns als Zuschauer erwarten. Und an diesem Punkt stellen wir uns die Frage: Warum faszinieren uns gewalttätige Szenen so sehr? Was macht Tarantinos Kinostreifen so besonders?

Das Besondere an Quentin Tarantinos Kinofilmen

Obwohl er keine Ausbildung zum Filmemacher hat, führte ihn seine Liebe zum Kino zur Regie. Tarantino nahm Schauspielunterricht und arbeitete in einer Videothek, an einem Ort, den er selbst die Quelle seiner Inspiration nannte. Mit der Absicht, mit ein paar Freunden einen einfachen Film zu drehen, entstand Reservoir Dogs,  oder besser gesagt, was zu Reservoir Dogs  werden sollte. Tarantino hielt es damals nicht für möglich, einen echten Film zu machen, also begnügte er sich mit einer günstigen Produktion und mit Freunden als Schauspieler. Der Produzent Lawrence Bender jedoch las sein Drehbuch und schlug vor, daraus die uns heute bekannte Version von Reservoir Dogs  zu machen.

Da hatte Tarantino bereits ein Identitätsmerkmal für seine Filme geschaffen, das ihn als Regisseur ausmachen und ihm in Zukunft unzählige Erfolge und Anerkennungen einbringen sollte. Was den Vorwurf anbelangt, seine Filme wären Plagiate, so wollen wir anmerken, dass Taratino seine Inspiration nutzt, um ihnen eine neue Bedeutung zu geben, sie umzuformen und aus ihnen etwas Neues und Originelles zu machen. Er verbirgt die Quellen seiner Inspiration nicht, sondern gibt ihnen eine neue Tiefe, würdigt sie und zeigt sie der Öffentlichkeit. Als Beispiel könnten wir die berühmte Tanzszene aus Pulp Fiction  aus 8 1/2  von Fellini anführen oder Uma Thurmans Anzug in Kill Bill,  der uns stark an Bruce Lee erinnert.

Einen Film von Tarantino zu schauen, ist eine wahrhaftige Übung in Sachen Intertextualität. Seine Filme haben ihre eigene Handlung und Identität, aber sie sind voller Anspielungen und Bezüge. Mit Pulp Fiction  gelang Tarantino 1994 schließlich sein Durchbruch als Regisseur und Drehbuchautor. Er zog die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Kritiker auf sich und gewann seinen ersten Oscar für das Beste Originaldrehbuch.

Männer sitzen an einem Tisch versammelt

Andere Filme, wie Jackie Brown  (1997), Inglourious Basterds  (2009) oder Kill Bill  (2003) sollten die Marke Tarantino endgültig etablieren. Im Grunde genommen sind seine neuesten Filme eine Liebeserklärung an ein Genre, das heute nicht mehr viele kennen: das des Italowesterns. Mit Django Unchained  (2012) und The Hateful Eight  (2015) lässt er das Wesen dieses Genres und das von Filmemachern wie Sergio Leone und Komponisten wie Ennio Morricone, der einige der bekanntesten Kinosoundtracks komponierte, wieder aufleben. Tarantino arbeitet derzeit an einem neuen Film, aber er hat bereits verlauten lassen, dass seine Filmografie nur aus zehn Filmen bestehen wird.

Die Filmmusik ist ein weiterer Grundpfeiler, auf den seine Kinofilme gestützt sind. Dieser Regisseur wählt seine Soundtracks stets persönlich aus. Deshalb begegnet uns in Inglourious Bastards  wieder einmal eine große Vielfalt an Einflüssen und Stilen. Obwohl wir uns im von den Nazis besetzten Frankreich befinden, begeistert uns Tarantino mit einem Film, der im Rhythmus von David Bowies Cat People  ertönt. Tarantino mag es nicht, wenn etwas überholt ist; er fügt die Puzzleteile dann lieber neu zusammen.

Uma Thurman und Quentin Tarantino

Tarantino und seine Vorliebe für Gewalt

Wenn es eine Sache gibt, die die Kinofilme von Quentin Tarantino ausmachen, dann ist es die darin vorkommende Gewalt. Enorme Gewalttaten, Blutbäder, die manchmal schon absurd erscheinen und uns zum Lachen bringen. Es macht uns nichts aus, ob ein Charakter stirbt oder lebt, denn in Wahrheit gibt es nur wenige Figuren, mit denen man sich wirklich identifizieren kann. Wenn wir einen Tarantino-Film sehen, erwarten wir nicht, auf liebenswerte Charaktere zu treffen oder Charaktere, die auf der Leinwand lange am Leben bleiben. Wir wissen, dass wir viel Blut und Gewalt zu sehen bekommen und uns diese Szenen schmunzeln lassen. Ein gutes Beispiel dafür findet sich in The Hateful Eight.

Die Musik, zusammen mit der durcheinander erzählten Filmgeschichte und der starken, ja beinahe schon ästhetischen Gewalt, lässt uns Szenen erleben, die wir keineswegs ekelhaft finden, sondern lieben. Die berühmte Szene aus Reservoir Dogs,  in der ein Ohr abgeschnitten wird, wird zum Beispiel von Musik und Tanz begleitet und ist wiederum eine nachgeahmte Szene aus dem Film Django  (Corbucci, 1966). Auf diese Weise wird aus Gewalt in gewissem Maße Vergnügen.

Aber kann Gewalt zu einem Vergnügen werden? Wo ist die Grenze? Diesbezüglich hat Tarantino mehrmals gesagt, dass seine Filme nichts anderes als eine Fantasie, eine Fiktion seien, an der man sich erfreuen können. Wir sollten nicht infrage stellen, ob diese Gewalt moralisch gesehen in Ordnung ist oder nicht, wir sollten uns einfach auf diese Szenen einlassen. Eine Gewalt, die, belebt durch Musik und voller Kontraste, mitreißend und ästhetisch ist. Es ist nicht dasselbe, einen Film anzusehen, in dem auf sehr grausame Weise reale Gewalt dargestellt wird, oder einen Film, in dem Gewalt nichts weiter als eine unterhaltsame Komponente ist.

Brad Pitt und Christoph Waltz in Inglourious Basterds

Tarantino spielte auch auf Kung-Fu-Filme an, in denen es ebenfalls Gewalt gebe und bei denen niemand die Moral dieser in Frage stellen würde, da sie als reine Unterhaltung dienen würden. Angesichts eines Films, in dem rohe, ungerechte oder echte Gewalt, wie in Die Passion Christi  (Mel Gibson, 2004), Das Experiment  (Oliver Hirschbiegel, 2001) oder Irreversibel  (Gaspar Noé, 2002) zu sehen ist, werden wir sicherlich kein Vergnügen empfinden, ganz im Gegenteil, uns bekommt Unbehagen. Das Gegenteil passiert, wenn man einen Film von Regisseuren wie Martin Scorsese oder Quentin Tarantino sieht, in dem Gewalt eher so etwas wie eine Katharsis, eine Befreiung und Bereinigung mithilfe von Bildern ist.

Das ist nichts Neues. Aristoteles erwähnte das bereits in seiner Poesie, in der er die griechische Tragödie und alles, was dazu gehört, ausgiebig analysierte: Warum schauten sich die Griechen Stücke an, in denen Gewalt oder Inzest vorkamen? Gerade aus dem Grund, weil diese Themen in der Gesellschaft tabu waren; sie waren Leidenschaften, die im Menschen lebten und von ihrer Unmoral unterdrückt wurden. Auf diese Weise erzeugt der Besuch einer Vorführung in diesem Stil eine Befreiung von psychischen Konflikten und inneren Spannungen durch emotionales Abreagieren.

Einige psychoanalytische Autoren wie Freud sollten diesem Thema später auf den Grund gehen. In Anbetracht dessen scheint sich die Faszination für Gewalt nicht nur auf unsere heutige Zeit und das moderne Kino zu beschränken, sondern etwas zu sein, das seit jeher mit dem Menschen verbunden ist. Etwas, das auf die verschiedene Art und Weise künstlerisch darzustellen versucht wurde. Tarantino erinnert uns immer wieder daran, dass seine Kinofilme nichts anderes als eine Fantasie und nicht real seien, und deshalb gibt es auch so viele Menschen, die Tarantinos Filme lieben. Sie sind eine Katharsis, ein Spiel mit unserem Unterbewusstsein, mit Leidenschaften und Emotionen; und seine Filme sind zweifellos zum reinen Vergnügen da.

„Ich war auf keiner Filmhochschule, ich war nur im Kino.“

Quentin Tarantino

  • Corral, J.M., (2013): Quentin Tarantino, glorioso bastardo. Palma de Mallorca, Dolmen.
  • Serrano Álvarez, A., (2014): El cine de Quentin Tarantino. Caracas, Universidad Católica Andrés Bello.