Fight Club: Ein Film über Selbstzerstörung und Anarchie

· 17. November 2018

Das zwanzigste Jahrhundert war ein Jahrhundert des Wandels, ein Jahrhundert, das anfänglich von Kriegen und zum Ende hin von einem rasanten technologischen Fortschritt geprägt war, von einem Fortschritt, der zu der Konsumgesellschaft führte, wie wir sie heute kennen. Der Film Fight Club  (vom Regisseur David Fincher, 1999) schloss jenes Jahrhundert und prägte den Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine wilde, brutale und wenig hoffnungsvolle Weise. Jeder gesprochene Satz, jede Szene, jeder Schlag … alles, absolut alles, was darin zu sehen ist, ruft beim Zuschauer eine Reaktion hervor.

Fight Club  kritisiert die Gesellschaft seiner Zeit. Kritisiert sie hart. Auch für diejenigen unter uns, die sich mit dem vom großartigen Edward Norton verkörperten namenlosen Charakter identifizieren, ist der Film ein harter Schlag. Viele kritisierten den Film und fühlten sich geradezu unwohl mit ihm. Andere hingegen sahen in ihm ein Meisterwerk, das dem 20. Jahrhundert zu einem perfekten Abschluss verhalf.

Nein, es ist kein Film, bei dem man in aller Seelenruhe sein Popcorn isst. Es ist auch kein Film, der die sentimentale Seite der Filmindustrie zeigt. Es ist ein Film, der im wahrsten Sinne des Wortes den Zuschauer wachrüttelt. Selbst Filmkritiker warnen uns davor, dass sowohl unserem Ego als auch unserem Magen ganz schön eins verpasst werde.

Die Hauptfigur, deren Name nicht erwähnt wird, ist das getreue Spiegelbild eines Mannes, der ein Opfer der Zeit ist, in der er lebt: Er ist ein Sklave seiner Arbeit, er leidet an Schlaflosigkeit und verschwendet seine Zeit damit, bei IKEA einzukaufen. Nur während seiner Gruppentherapie kann er durchatmen, wobei hier Menschen, die an Krankheiten wie Krebs leiden, zusammenkommen, um mithilfe dieser Therapiesitzungen ihre Situation erträglicher zu gestalten.

All das ändert sich, als er Marla, die Schlüsselfigur im Film, und später dann Tyler Durden (bzw. sich selbst) trifft. Da der Film recht komplex ist, solltest du lieber nicht weiterlesen, wenn du ihn noch nicht gesehen, das aber noch vorhast, da dieser Artikel ein Spoiler ist.

Mann mit zwei Gesichtern

Grau, dunkel, ungemütlich und geschmacklos – der Fight Club  verkörpert eine sadistisches Lachen über alles, was uns umgibt, über die Welt, wie wir sie kennen, die Konsumgesellschaft, der wir verfallen sind. Er zeigt uns auf, wie krank jene Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft, in der du bist, was du hast.

David Fincher und sein einzigartiges Schauspieltrio (Helena Bonham Carter, Edward Norton und Brad Pitt) schafften es, die Essenz der späten 90er Jahre einzufangen, das erst noch Kommende vorwegzunehmen und uns in einen düsteren Club voller Blut und Selbstzerstörung abtauchen zu lassen.

Fight Club:  Das Übel unserer heutigen Zeit

„Wir leben in einer kranken Welt und wir selbst sind krank“,  so wurde das Gefühl beschrieben, das der Fight Club  bei uns auslöst. Der Film wird als eine introspektive Geschichte präsentiert, die von ihrem Protagonisten erzählt wird. Diese Introspektion wiederum besitzt eine gewisse Universalität.

Obwohl die Geschichte in der ersten Person erzählt wird, sagt der Protagonist seinen Namen nicht und präsentiert sich als ein Mann des alltäglichen Lebens: Er lebt allein in einer Wohnung in einer Großstadt, arbeitet als Sachverständiger für eine große Autofirma, leidet unter Schlaflosigkeit und gibt sein Geld für Konsumgüter aus.

Diese Charakterisierung ist sehr universell. Genauso können wir, ohne seinen Namen zu kennen, die Geschichte des „Ichs“ auf unsere eigene übertragen und dadurch eine Retrospektive unseres eigenen Lebens machen. Der Hauptdarsteller lebt in einer Welt, die wir kennen. Sie ist keine Fantasiewelt, keine fiktive Welt, sondern unsere eigene, tägliche Realität. Wir sehen das Übel einer Welt, in der viele Menschen leben, die wir kennen.

Das Hauptproblem des Protagonisten ist seine Schlaflosigkeit. Sein Arzt weigert sich, ihm weiterhin Schlaftabletten zu verschreiben und schickt ihn stattdessen in eine Gruppentherapie mit krebskranken Menschen. Dort trifft er auf Bob, einen Mann, der, nachdem er an Hodenkrebs erkrankt war, seine Männlichkeit verloren hat. Seine Hoden wurden amputiert und durch die Behandlung sind ihm Brüste gewachsen. Unser Protagonist fühlt sich in der Umgebung von Bob und den übrigen Teilnehmern erleichtert und kann endlich wieder schlafen.

Edward Norton schaut fern

Er kennt nicht einmal den Grund für seine Schlaflosigkeit, er kennt einfach nicht die Ursache für sein Problem. In Wahrheit weiß er nur, dass er in diesen Therapiesitzungen einen Ort des Friedens, einen Ort zum Weinen vorfindet, etwas, das ihm bis vor Kurzem verwerflich erschien, denn Weinen war für ihn gleichbedeutend mit Weiblichkeit.

Wir leben in einer hektischen Welt. Wir konsumieren, um uns wohlzufühlen. Wir haben alles, und trotzdem hören wir jeden Tag immer öfter Wörter wie Stress, Schlaflosigkeit, Angst, Depression etc. Das sind die Krankheiten unserer Zeit, und so ergeht es auch unserem Protagonisten.

Gerade als es den Anschein hat, dass die Situation unter Kontrolle ist und er es schafft, sich seinem Problem zu stellen, erscheint Marla, die Frau, die diesen Frieden zunichtemacht, ihn aus dem Gleichgewicht bringt, wodurch er wieder einmal unter Schlaflosigkeit leidet. Marla ist wie er: Sie ist eine Frau, die keinen Sinn mehr im Leben sieht. Sie wartet auf den Tod, und ihr größter Schmerz wird dadurch verursacht, dass sie der Tod noch nicht heimsucht. Auch sie geht zu diesen Therapien und ist eine weitere Besucherin der Gruppentherapie.

Warum aber stellt Marla eine Bedrohung dar? Weil sie leibhaftig das verkörpert, was sie ist: Sie ist das Ebenbild einer Lügnerin. Marla geht sogar zu einer Therapie für Menschen, die an Hodenkrebs leiden! Nun, wenn das alles ans Licht kommt, ist die soeben erst erreichte Stabilität und der Frieden dahin. Marlas Abneigung gegenüber dem Protagonisten steht für die Abneigung, die er sich selbst gegenüber empfindet.

Diese hinterhältige Art, den Schmerz anderer Menschen zu benutzen, um den eigenen zu lindern, ist es, was den Protagonisten verrückt macht. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass Marla die weibliche Version seiner selbst ist.

Marla in "Fight Club"

Fight Club: Im Kampf gegen den Kapitalismus

Und nach Marla erscheint auch noch Tyler Durden, ein attraktiver, starker Mann, der sich weder an Regeln noch an das System hält; er stellt Seife her, lebt in einem Haus, das wir als Ruine bezeichnen könnten, und tut immer, was er will. Tyler ist die Antithese zu unserer heutigen Zeit. Er lehnt den Kapitalismus vehement ab, ist gegen den modernen Menschen, der Sklave seiner Arbeit ist, um materielle Dinge kaufen zu können, die angeblich seine innere Leere füllen.

Gemeinsam mit dem Protagonisten gründet Tyler den Fight Club, eine Art neues Therapiezentrum. Hier werden Sitzungen gehalten, bei denen sich ganz unterschiedliche Männer mit dem einzigen Ziel treffen, ihre wilde, animalische Seite mit Schlägen zum Vorschein zu bringen. Tyler ist der Anführer dieser Gruppe, der spirituelle Führer, derjenige, der dafür verantwortlich ist, den ganzen Zorn und die ganze Wut, die sich im Inneren dieser Männer angestaut hat, hervorzuholen.

Diese Kämpfe sollen den Männern helfen, sich von sozialem Druck, von der Sklaverei zu befreien, in der sie leben. Sie sollen nicht denken und sich einfach von ihrer gewalttätigsten Seite mitreißen zu lassen.

Tyler erklärt, dass uns das Kino habe glauben lassen, dass wir Rockstars, berühmte Schauspieler sein könnten. Die Medien hätten uns zu hohe Ziele gesetzt, und in der Zwischenzeit begnügten wir uns damit, uns in einem Büro einzuschließen und genug Geld zu verdienen, um alles Mögliche kaufen, um irgendwann einmal jemand sein zu können.

Brad Pitt mit weiteren Männern im Fight Club

Seine Schlaflosigkeit, die allgegenwärtige Krankheit des Protagonisten, hat dazu geführt, dass sich seine Persönlichkeit gespalten hat und ein neues „Ich“ erschaffen wurde: Tyler. Dem liegt eine dissoziative Störung zugrunde, die uns an Mr. Hyde denken lässt, der besser, hübscher, stärker ist und all die verborgenen Wünsche des Hauptdarstellers repräsentiert, sowie die gesamte Wut, die sich im Laufe der Jahre in Bezug auf die Gesellschaft und die ihn umgebende Welt angesammelt hat.

Es geht nicht nur um die Kämpfe, sondern auch um eine Verschwörung. Eine Reihe von Anschlägen, die mit einem tiefen Gefühl von Freiheit, von Anarchie verbunden sind, werden geplant. Angriffe, die nicht gegen Menschen gerichtet sind, sondern versuchen, große Unternehmen, Gebäude und Symbole der zeitgenössischen Sklaverei zu zerstören.

Fight Club ist ein Seitenhieb gegen die Gesellschaft, ein nihilistischer Diskurs, ein Angriff auf das Ende des Jahrhunderts und den Beginn des nächsten. Ein schwerer Schlag für Hollywood, für den Kapitalismus und für uns selbst. Jeder von uns wollte doch schon einmal wie Tyler sein, oder?

„Nur wenn wir alles verlieren, können wir frei handeln.“

Fight Club