Faith Ringgold: eine Frau, die ihr Schicksal in die Hand nahm

5. Oktober 2019
Faith Ringgold nutzte ihr Talent, um ihre Erfahrungen zu teilen und den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft aufzudecken. Erfahre in unserem heutigen Artikel, wie sie ihre Erfahrungen als Opfer von Rassendiskriminierung in wunderschöne Kunst umsetzte.

Faith Ringgold ist eine amerikanische Künstlerin, die für ihre einzigartigen Kunstwerke bekannt ist. Unter all ihren Werken stechen besonders ihre kunstvoll gestalteten Decken hervor, von denen jede eine eigene Geschichte erzählt.

Ringgold ist Künstlerin und Aktivistin zugleich. In ihren Kunstwerken prangert sie direkt Vorurteile an und gibt viele politische Statements ab. Oftmals nutzt sie dazu auch den Schockeffekt, der durch rassistische Beleidigungen und Diskriminierungen entsteht.

In ihrer Arbeit zeigt sie die ethnischen Spannungen und die politischen und rassistischen Unruhen der 1960er Jahre auf. Dadurch gewährt sie tiefe Einblicke in die Wahrnehmung der weißen Kultur durch Afroamerikaner.

Die Herstellung von Decken hat ihre Wurzeln in der Sklavenkultur der Südstaaten zur Zeit des Bürgerkriegs. Faith Ringgold hat diese traditionelle Aufgabe in ihrer Kunst aufgegriffen und sie neu interpretiert. Sie fertigt Decken an und erzählt durch sie ihre eigene Lebensgeschichte sowie auch die Geschichte vieler anderer Afroamerikaner.

Faith Ringgold: Ihre Kindheit und Jugend

Faith Ringgold wurde am 8. Oktober 1930 in New York City als Faith Willie Jones geboren. Ihr Vater, Louis Jones, war ein LKW-Fahrer und ihre Mutter, Willi Posey Jones, arbeitete als Modedesignerin. Ihre Eltern verdienten genügend Geld, um ihre drei Kinder ausreichend zu versorgen.

Faith konnte die Grundschule aus gesundheitlichen Gründen nicht regelmäßig besuchen. Da sie an Asthma litt, verbrachte sie einen Großteil ihrer Kindheit in Krankenhäusern oder zu Hause. Während dieser Zeit entwickelte sie eine Leidenschaft für das Zeichnen und studierte anschließend Kunst am City College in New York.

Faith-Ringgold - Kunstwerk

Im Jahr 1950 heiratete sie den Jazz Pianisten Robert Earl Wallace. Die Ehe hielt allerdings nicht lange und wurde im Jahr 1956 wieder geschieden. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, Barbara und Michele. Am 19. Mai 1962 heiratete Faith dann Burdette Ringgold.

Nach ihrem Abschluss arbeitete Faith als Kunstlehrerin am City College in New York. Außerdem arbeitete sie in den 1960er und 1970er Jahren am Wagner College und am Bank Street College of Education.

Ihre ersten Kunstwerke

In den frühen 1970er Jahren wandte sie sich von der traditionellen Malerei ab. Stattdessen begann Faith Ringgold damit, Acrylgemälde auf Leinwand mit üppigen Stoffkanten zu malen, wie sie auch bei tibetanischen Thangkas zu sehen sind.

Darüber hinaus entwarf sie mit ihrer Mutter Masken, die aus Stoffhauben, Perlen und Bast angefertigt wurden. Diese Masken hatten ihren Ursprung in der afrikanischen Stammeskultur und waren zugleich die ersten Kunstwerke, die Faith schuf.

Durch die Hilfe ihrer Mutter konnte sie bei der Erstellung lebensgroßer Portraits bekannter Persönlichkeiten, wie Adam Clayton Powell, Wilt Chamberlain, verschiedener Basketballspieler und anderer Prominenter aus Harlem, mitwirken. Diese Kunstwerke sind auch unter dem Namen The Harlem Series (Die Harlem Serie) bekannt.

Zur gleichen Zeit förderte Faith die afrikanische Kunst am College. Sie dozierte über afrikanisches Schmuckdesign, Bekleidung und Perlen.

Politik in der Kunst von Faith Ringgold

Faith Ringgold beschäftigte sich intensiv mit politischen Fragen und mit der Ausbeutung von Frauen. Diese politischen Beweggründe waren wiederum von der aufkommenden Bürgerrechtsbewegung beeinflusst worden. In ihrer Kunst konnte sie das Leiden einer Gemeinschaft darstellen, welches sie auch selber so erfahren hatte.

“Ich wurde eine Feministin, weil ich meinen Töchtern, anderen Frauen und auch mir selbst dabei helfen wollte, mehr anzustreben, als nur den Platz hinter einem guten Mann.“

-Faith Ringgold-

Auf diese Weise gelang es Ringgold, in den Gemälden, die sie in den 1960er Jahren anfertigte, die soziale Ungerechtigkeit aufzudecken. Aus dieser Zeit stammen auch ihre Gemälde American People (Die Amerikaner) und The Flag is Bleeding (Die Flagge blutet).

Ihre Kunst wurde besonders durch die Arbeiten der Autoren James Baldwin und Amiri Baraka beeinflusst. Beide Autoren schrieben über Diskriminierung und die großen Probleme der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten.

“Kein anderes kreatives Schaffensfeld ist für alle, die nicht weiß und männlich sind, so unzugänglich wie die bildenden Künste. Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, Künstlerin zu werden, war die erste Überzeugung, die ich gewinnen musste, die, dass ich, eine farbige Frau, in der Lage dazu war, mich in der Kunstszene zu etablieren und dass ich dies schaffen konnte, ohne dabei einen Funken meiner Farbigkeit, meiner Weiblichkeit oder meiner Menschlichkeit aufgeben zu müssen.“

-Faith Ringgold-

Die Decken erzählen eine Geschichte

Faith Ringgold erweiterte ihr künstlerisches Schaffensfeld und so trugen ihre Arbeiten dazu bei, dass auch das Nähen, Weben und das Textildesign einen Platz in der Kunstwelt fanden. Sie war die erste Künstlerin, die diese Grenzen überwand und die Kunst der Stoffweberei an Colleges lehrte.

Das Konzept dieser Decken (Quilts) entwickelte sich aus der Webkunst, die afrikanische Sklaven mit nach Amerika gebracht hatten. Dabei waren diese Decken weit mehr als nur wärmende Stoffdecken. Durch sie konnten Erinnerungen bewahrt und erhalten werden. In gewisser Art fungierten diese Stoffe als schwarze Bretter für Erinnerungen.

Durch diesen einzigartigen Ansatz, den Faith verfolgte, förderte und unterstützte sie die weibliche Handwerkskunst. Auf den Decken sind eine Reihe von Bildern zu sehen, die durch ergänzende Beschreibungen eine Geschichte erzählen.

Echoes of Harlem (Echos von Harlem) war die erste von mehr als 30 Decken, die sie seit den 1980er Jahren hergestellt hat. Jede dieser Decken ist in der Struktur eines Kinderbuches aufgebaut und jeder Teil der Decke entspricht dabei der Seite eines Buches.

Ihre bekanntesten Decken

Eine ihrer bekanntesten Decken trägt den Titel Tar Beach (Teerstrand). Auf ihr ist eine Familie abgebildet, die in einer warmen Sommernacht gemeinsam auf ihrem Dach sitzt.

Du kannst sehen, wie sich Erwachsene besuchen, während die Kinder spielen und schlafen. Außerdem sehen wir eine Tochter, die davon träumt, fliegen zu können und sich frei über alle Grenzen und Barrieren hinwegsetzen zu können, die gegen farbige Menschen errichtet wurden. Im Hintergrund dieser Szenerie ist die George Washington Brücke zu sehen.

Zwei weitere sehr bekannte Decken von Faith sind: Who´s Afraid of Aunt Jemima? (Wer hat Angst vor Tante Jemima?) und Street Story (Straßengeschichte). Who´s Afraid of Aunt Jemima? erzählt vom Leben einer afrikanischen Frau, die eine erfolgreiche Geschäftsfrau wurde.

Obwohl Faith Ringgold in New York City lebte, unterschied sich ihre Kunst dennoch sehr von der zeitgenössischen amerikanischen Kunst. Der Grund hierfür liegt darin, dass sie sich ausschließlich mit farbiger Kultur und Rassendiskriminierung beschäftigte.

Faith-Ringgold - vor einer Decke

Soziales Engagement und Anerkennung

Darüber hinaus ist Faith auch für ihren sozialen Aktivismus bekannt. Sie kämpfte mit ganzer Kraft und aus tiefstem Herzen für die Rechte afrikanischer Künstler im Whitney Museum für amerikanische Kunst in New York.

Ihr großes Engagement und ihr Kampfgeist zeigte sich sehr deutlich in den Aktivitäten des Women´s Art Committee (Frauen-Kunst-Komitee), das von der Künstlerin Poppy Johnson und der Kunstkritikerin Lucy Lippard gegründet wurde. Als soziale Aktivistin hat sie die Kunst dazu genutzt, Organisationen zu gründen und weiterzuentwickeln, die afroamerikanische Künstler unterstützen, wie beispielsweise die Organisation Where We At.

Ihre Stiftung, Anyone Can Fly (Jeder kann fliegen), widmet sich dem Ziel, den Kunstkatalog zu erweitern, damit auch afrikanische Künstler darin aufgenommen werden. Außerdem kümmert sich die Stiftung darum, afroamerikanische Kunstlehrer für Kinder und Erwachsene einzuführen.

In ihren jüngsten Arbeiten behandelt sie das Thema Vorurteile auf andere Weise als sie dies früher tat; sie setzt keine konfrontativen Bilder mehr ein, um sich gegen Vorurteile zu engagieren. Stattdessen bemüht sie sich um den Abbau von Vorurteilen, indem sie jungen Afro-Amerikanern positive Vorbilder aufzeigt.

“Du kannst nicht herumsitzen und darauf warten, dass jemand dir sagt, wer du bist. Du musst es aufschreiben, malen und einfach tun.“

-Faith Ringgold-

Faith Ringgold ist die erste Frau, die eine eigene Ausstellung in der Spectrum Gallery in New York bekam. Diese Einzelausstellungen fanden 1967 und 1970 statt. Ihre großartigen Leistungen als Künstlerin, Lehrerin und auch als Aktivistin bescherten ihr zahlreiche Ehrungen. Sie hat beinahe 75 Auszeichnungen erhalten, darunter auch die Ehrendoktorwürde der Feinen Künste.

  • Farrington, L. E. (1999). Art on Fire: The Politics of Race and Sex in the Paintings of Faith Ringgold. Millennium Fine Arts Pub.
  • Tesfagiorgis, F. H. (1987). Afrofemcentrism in the Art of Elizabeth Catlett and Faith Ringgold. Sage, 4(1), 25.
  • Graulich, M., & Witzling, M. (1994). The freedom to say what she pleases: a conversation with Faith Ringgold. NWSA journal, 6(1), 1-27.
  • Millman, J. (2005). Faith Ringgold’s Quilts and Picturebooks: Comparisons and Contributions. Children’s Literature in Education, 36(4), 381-393.