Extimität: Wenn intime Informationen öffentlich gemacht werden

In unserer heutigen Realität teilen unzählige Menschen teilweise sehr intime Informationen in ihren sozialen Netzwerken. Wenn du dies nicht tust, existierest du in der virtuellen Welt nicht. Allerdings ist diese Sichtbarkeit und Präsenz in jener virtuellen Welt heutzutage für manche Menschen fast wichtiger geworden als ihre Präsenz in der realen Welt.
Extimität: Wenn intime Informationen öffentlich gemacht werden

Letzte Aktualisierung: 14. Juni 2021

Heutzutage ist es üblich, dass Menschen intime Dinge teilen, damit sie von der Welt wahrgenommen werden. Fast ohne dies überhaupt zu merken, sind wir alle zu täglichen Voyeuren im Leben anderer geworden, denn unzählige Menschen posten in den sozialen Medien, was sie gerade tun. Dieses Verhalten, private Informationen öffentlich zu machen, wird als Extimität bezeichnet. Dadurch verändert sich die Art und Weise, wie Menschen die Welt verstehen und wahrnehmen, von Grund auf.

Seien wir ehrlich. Heutzutage ist es sehr einfach, den Gedanken oder die Idee zu posten, die man gerade hat, was man zum Frühstück isst oder die Musik, die man gerade hört. Wenn jeder dies tut, warum solltest du es dann nicht auch tun? Neue Technologien haben eine gemeinsame und allgemein zugängliche Sphäre geschaffen, in der jeder ein diskreter Exhibitionist ist.

Aber das Teilen oder Veröffentlichen privater Informationen ist nicht nur eine Möglichkeit, eine Community mit denjenigen aufzubauen, die dies auch tun. Darüber hinaus wirst du durch dieses öffentliche Leben sichtbar und erlangst Präsenz in einem technologischen und digitalen Szenario, welches in den letzten Jahren gerade für junge Menschen unglaublich attraktiv geworden ist.

Extimität ist zu einer neuen Realität geworden. Daher wollen wir uns in unserem heutigen Artikel eingehender damit befassen, was Extimität konkret ist und warum sie so weitverbreitet ist.

Was ist Extimität und wie manifestiert sie sich?

Der Begriff Extimität wurde vom französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan geprägt. Für ihn stellte dieses Konzept einen Zustand dar, in dem der Mensch durch bestimmte intime Bereiche definiert wird, die nur in der Außenwelt Sinn ergeben. Das Unbewusste zum Beispiel ist ein innerer psychischer Zustand, der sich immer selbst nach außen trägt.

Der französische Psychiater Serge Tisseron hat diesen lacanischen Begriff auf die heutige Moderne übertragen. Heutzutage ist Begeisterung kein Zustand, sondern ein Prozess, in dem neue Technologien den Einzelnen dazu bringen, einen Teil seines Privatlebens in der Öffentlichkeit (insbesondere der digitalen Welt) preiszugeben. Heißt das, dass Menschen Exhibitionisten geworden sind?

Nicht ganz. Grundsätzlich wählt jeder selber aus, was er oder sie präsentieren möchte und häufig werden Dinge gepostet, die nicht einmal echt sind. Viele Menschen sind sehr akribisch bei der Auswahl dessen, was sie veröffentlichen. Tatsächlich entscheiden sie, wie, wann und wo sie diese Inhalte publizieren. Du darfst nicht vergessen, dass viele Menschen nicht das sind, was sie in den sozialen Medien zeigen und vorgeben zu sein.

Extimität - Mann macht ein Foto mit dem Smartphone

Extimität: eine Ressource, um echte Verbindungen herzustellen

Wir alle beobachten gerne, was andere Menschen tun. Wir sind daran interessiert, den Alltag anderer Menschen zu betrachten, um sie zu entdecken, zu sehen, zu verstehen, zu bewundern, von ihnen zu lernen und sogar sie zu beneiden. Aber wir mögen es auch, Emotionen zu spüren. Extimität ist eine ideale Ressource, um eine emotionale Wirkung beim Beobachter zu erzielen. Insbesondere bei denjenigen, die die Welt anderer Menschen über einen Monitor oder Bildschirm betreten möchten.

Daher sind sich große Marken, Netzwerk-Gurus und Instagrammer auch sehr bewusst darüber, dass eine großartige Möglichkeit, Follower zu gewinnen, darin besteht, Menschen einen Zutritt in das eigene Privatleben zu gewähren. Inzwischen haben dies alle gelernt und verstanden. Infolgedessen springen immer mehr Menschen auf diesen Zug auf und offenbaren ihren Anhängern intime Details ihres Lebens. Ein weiterer wichtiger Grund für dieses Vorgehen ist der, dass es Empathie bei dem jeweiligen Publikum erzeugt. Dadurch werden Influencer und andere, die Meinungen beeinflussen möchten, für ihre Community in gewisser Weise “greifbarer”.

Allerdings solltest du bei all dem nicht vergessen, dass Extimität oft auch mit Mogelei und Fake einhergeht. Denn meistens siehst du nicht die Realität einer Person, sondern lediglich das, was sie zeigen möchte und als was sie sich darstellen möchte.

Private Aspekte teilen, um sich sichtbar zu machen

Die digitale Szene, Netzwerke und Social Media bilden eine parallele Realität. Smartphones, E-Mail, Chats und Messaging-Systeme sind Szenarien, in denen Menschen präsent sein wollen. Um dies zu erreichen, müssen sie Extimität praktizieren.

Wenn du dein Privatleben öffentlich machst, befindest du dich in einer alternativen Welt. Du kannst dir ein neues Selbst erschaffen und du kannst sein, wer immer du sein willst. Und heutzutage haben viele Menschen das Gefühl, dass sie, wenn sie dies nicht tun, einfach nicht existieren.

Extimität und die Fixierung auf Unmittelbarkeit

Extimität lässt sich heutzutage also durch eine ganz bestimmte Eigenschaft definieren: Unmittelbarkeit. Beim Frühstück mit meinem Partner. Auf dem Weg zur Arbeit. Beim Meditieren. Es dauert nur ein paar Sekunden, um auf Social Media zu gehen und zu sehen, was die anderen genau hier und jetzt tun. Das ist das, was am meisten zählt. Was gestern passiert ist, ist jetzt irrelevant.

Momentan ist das, was die meisten Menschen “konsumieren” oder sehen wollen, das, was gerade in dieser Sekunde passiert.

Extimität - Mann schaut auf sein Smartphone

Die gestohlene Privatsphäre oder die Intimität, die wir preisgeben, ohne es zu wissen

Die meisten Menschen posten vollkommen freiwillig und bereitwillig Fotos, Videos, Ideen und Gedanken. Mit anderen Worten, alle, die diese Medien auf diese Weise nutzen, machen bewusst, aber gefiltert, kleine Teile ihres eigenen privaten Universums öffentlich. Allerdings wird dabei manchmal die Tatsache übersehen, dass es auch eine andere Art von getarnter Extimität gibt.

Smartphones, Tablets und Laptops verfügen über Kameras und Mikrofone. Die Apps und die sozialen Netzwerke, bei denen du dich anmeldest, um sie zu nutzen, beinhalten Algorithmen und Bots, die alles analysieren, was du in diesen digitalen Welten tust. Ob du es glaubst oder nicht, aber du wirst beobachtet, abgehört und analysiert.

Daher wird deine Privatsphäre aufgrund dieser inhärenten Gefahr einer Technologie öffentlich gemacht. Und diese Technologie zielt darauf ab, so viele Informationen wie möglich über dich zu sammeln, um dieses Wissen dann an große Unternehmen zu verkaufen. Mit anderen Worten, deine privaten Informationen werden nicht nur publiziert, sondern zudem auch vermarktet.

Kurzum, wir haben einen Punkt erreicht, an dem die Grenzen zwischen der Privatsphäre und dem Öffentlichen übermäßig stark miteinander verschwimmen, was riskant ist, wenn du etwas darüber nachdenkst. Daher solltest du dies im Hinterkopf behalten und dir genau überlegen, inwieweit dir Extimität nützt oder schadet.

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  • Alain Miller, Jacques (2010) Extimidad. Paidós