Essstörungen und Familiendynamik

3. Oktober 2019
Besonders junge Frauen leiden häufig unter Essstörungen. Die meisten Studien zu diesem Thema konzentrieren sich ausschließlich auf die Betroffenen, nur wenige beziehen auch die Familienkonstellation in die Untersuchungen mit ein. In diesem Artikel wollen wir dir daher das Expressed-Emotion-Konzept (EE) erklären. Außerdem werden wir auf den Einfluss der Familiendynamik auf die Entwicklung einer solchen psychopathologischen Störung näher eingehen.

Essstörungen sind Störungen oder Verhaltensveränderungen, die in Bezug auf Lebensmittel und die Nahrungsaufnahme auftreten. Sie entwickeln sich langsam und bleiben meist über lange Zeit bestehen. Daher wirken sie sich sehr schädlich auf die Gesundheit der davon betroffenen Patienten aus. Darüber hinaus führt diese Erkrankung zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Patienten, ihr soziales Leben und ihre Familie werden davon ebenfalls negativ beeinträchtigt.

Aufgrund ihrer Prävalenz in der weiblichen Bevölkerung, besonders bei Teenagern, werden diese Störungen in zahlreichen Studien untersucht. Schätzungsweise 4 % der Teenager und jungen Frauen in der westlichen Welt leiden unter einer Essstörung. Allerdings gibt es nur wenige Studien über die Familiendynamik der Betroffenen.

Da ein beträchtlicher Prozentsatz der Teenager gefährdet ist, an Essstörungen zu erkranken, ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema eine unvermeidliche und dringende Aufgabe. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das in direktem Zusammenhang zur Familiendynamik steht, denn Essstörungen haben Einfluss auf das Wohlergehen der gesamten Familie. Außerdem nimmt jedes einzelne Familienmitglied durch das eigene Verhalten großen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung.

Welche Faktoren lösen Essstörungen aus?

Essstörungen - gestresste Frau

Zahlreiche Studien untersuchen nicht nur die auslösenden Faktoren von Essstörungen, sondern auch die Faktoren, die Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung haben. Modelle, wie beispielsweise das multifaktorielle Modell von Vohs, Bardone, Joiner, Abramson und Heatherton (1999), verdeutlichten den Einfluss, den Perfektionismus auf die Entstehung einer Anorexia nervosa (Magersucht) hat.

Eine Studie, die im Jahr 2010 von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko durchgeführt wurde, definiert diesen Perfektionismus als eine extreme Angst davor, sich falsch zu verhalten oder einen Fehler zu machen. Außerdem spielt Unentschlossenheit eine Rolle.

Die Forscher erwähnen weitere Faktoren wie die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und ein negatives Selbstwertgefühl. Gleichzeitig beginnt die betroffene Person mit einer strengen Diät, da sie glaubt, übergewichtig zu sein. Weitere Risikofaktoren können familiäre Konflikte sein. Auch kritische Fragen und Äußerungen in Bezug auf das Gewicht und die Körperform können unter bestimmten Umständen ursächlich für die Entwicklung von Essstörungen sein.

Die häufigsten Faktoren, die diese Störungen kennzeichnen und begleiten, sind strenge Ernährungsregeln, häufiges Abführen und ein sehr eingeschränktes soziales Umfeld. Im eingeschränkten sozialen Umfeld spiegelt sich die Haltung der engsten Familienmitglieder wieder.

Essstörungen und Familiendynamik: Welche Rolle spielt dabei Expressed-Emotion?

Expressed-Emotion (EE) bezeichnet den emotionalen Kommunikationsstil innerhalb einer Familie und gehört zu den Faktoren, die den gesamten Krankheitsverlauf beeinflussen können. EE ist ein Konzept, das in den 1950er Jahren am Institut für Psychiatrie, Psychologie und Neurowissenschaften in London entstand. Die Forscher beobachteten damals, dass die Anzahl der Rückfälle von Schizophrenie-Patienten bei denjenigen wesentlich größer war, die wieder in ihre alte Familienstruktur zurückkehrten.

Daraufhin folgten weitere Studien, die Aufschluss über die Elemente dieser Familienstrukturen geben sollten. Die Forscher waren überzeugt davon, dass die Rückfälle dadurch verursacht wurden, dass die Patienten wieder in ihre Familien zurückkehrten. Brown, Barley und Wing identifizierten drei Faktoren, die nachweislich mit der Entstehung und dem Fortdauern der Erkrankung in Zusammenhang stehen:

  • Feindseligkeit
  • Übermäßige emotionale Anteilnahme
  • Kritik

Andere Autoren, wie beispielsweise Muela und Godoy, ergänzen diese Faktoren noch um zwei weitere: Wärme und positive Bemerkungen. Sehr ähnliche Merkmale beschreibt das Expressed-Emotion-Konzept auch für die Angehörigen von Patienten mit Essstörungen.

“Frauen, die sich selber lieben, sind bedrohlich; aber Männer, die echte Frauen lieben, sind das noch viel mehr.“

-Naomi Wolf-

Das Expressed-Emotion-Konzept

Das Expressed-Emotion-Konzept besteht aus folgenden Komponenten:

  • Kritik. Von einem Familienmitglied wird die Person, die an einer Essstörung leidet, negativ beurteilt oder abgewertet. Dabei geht es nicht nur um die Kritik an sich, sondern auch darum, wie diese geäußert wird.
  • Feindseligkeit. Ablehnung durch ein Familienmitglied. Hierbei geht es nicht nur um die Kritik am Verhalten der erkrankten Person, sondern vielmehr um einen persönlichen Angriff oder die Ablehnung der Person an sich.
  • Übermäßige emotionale Anteilnahme. Intensive emotionale Regungen von Familienmitgliedern, um dadurch das Verhalten der erkrankten Person zu beeinflussen. Diese können sich dadurch äußern, dass ein Familienmitglied fortwährend schluchzt und weint. Oder ein Familienmitglied begibt sich in eine aufopfernde Haltung, aufgrund der Annahme, dass die Situation diese erforderlich machen würde. Außerdem kann es passieren, dass die Familie sich dem Patienten gegenüber extrem fürsorglich und schützend verhält.
  • Wärme. Dies ist eine angemessene emotionale Reaktion der Familienmitglieder, die durch Empathie, Zuneigung und aufrichtiges Interesse gekennzeichnet ist.
  • Positive Bemerkungen. Positive und liebevolle verbale Äußerungen gegenüber dem an Essstörungen leidenden Familienmitglied.

Einfluss der Expressed-Emotion auf den Krankheitsverlauf

All diese Komponenten scheinen einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Erkrankung zu haben. Wenn die Familie sich beispielsweise sehr häufig kritisch äußert, dem Patienten gegenüber ablehnend und feindselig ist und sich übermäßig emotional verhält, dann führt dieses Verhalten dazu, dass das Familienleben für den Patienten sehr unangenehm wird. Es entstehen Zwänge und der Patient wird übermäßig behütet. Das Familienleben ist insgesamt starr und wenig flexibel.

Langzeitstudien bezüglich der Expressed-Emotion haben deutliche Unterschiede zwischen den Fällen von Essstörungen ergeben, die nur vorübergehend waren und denen, die chronisch wurden. Die Forscher beobachteten, dass nur in 6 % der Fälle, bei denen die Patienten schnell wieder gesund wurden, die Angehörigen ein hohes Maß an Expressed-Emotion aufwiesen. In den anderen 96 % der Fälle verhielten sich die Angehörigen nicht kritisch, feindselig oder übermäßig emotional.

Es gibt auch zahlreiche Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen der Expressed-Emotion von Familienangehörigen und der Entwicklung von Essstörungen. Die Ergebnisse zeigen, dass 55-60 % der Patienten mit Essstörungen in Familien leben, die eine hohe Expressed-Emotion aufweisen. Diese Studien ergänzen jene, die sich mit der Expressed-Emotion beschäftigen, wenn sich bei einem Familienmitglied die Störung bereits ausgebildet hat.

Die Bedeutung der Familiendynamik für die Entwicklung von Essstörungen

Essstörungen - Diät

Wenn wir all diese Informationen überdenken, dann wird deutlich, dass die Psychoedukation ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung sein muss. Außerdem können auch Interventionen bei der Familie der betroffenen Person während der psychologischen Behandlung erforderlich werden.

Eine emotional ausgewogene Familienstruktur, in der alle Familienmitglieder ihre Emotionen gut steuern können und gleichzeitig auch die Möglichkeit haben, diese angemessen auszudrücken, ist für den Genesungsprozess der Erkrankten von entscheidender Bedeutung.

Darüber hinaus ist es sehr wichtig, dass die Familie in die Behandlung mit einbezogen wird. Das gilt besonders, wenn die Patienten sehr jung sind. Dabei wird von den Familienmitgliedern nicht erwartet, dass sie automatisch wissen, was sie tun sollen und wie sie sich richtig verhalten sollen. Daher ist es erforderlich, dass sie ein Teil des gesamten Behandlungsprozesses sind, denn sie haben tatsächlich einen maßgeblichen Einfluss auf den erfolgreichen Genesungsprozess der Patienten.

Aus diesem Grund ist es gleichermaßen wichtig, dass der Therapeut der Familie keine Schuld zuweist. Die Angehörigen müssen lernen, den an Essstörungen leidenden Angehörigen nicht zu verurteilen. Außerdem sollten sie den Patienten bei Fortschritten und neuen Verhaltensweisen ermutigen. Manchmal kann es auch hilfreich sein, einfach einmal tief durchzuatmen und ruhig und geduldig zu bleiben, denn Essstörungen können eine langwierige Erkrankung sein.

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