Erhöhen soziale Netzwerke das Risiko einer Depression?

Wie beeinflussen soziale Netzwerke unsere Stimmung und ab welchem Punkt können sie gefährlich werden? Das verraten wir dir im folgenden Artikel!
Erhöhen soziale Netzwerke das Risiko einer Depression?
José Padilla

Geschrieben und geprüft von dem Psychologen José Padilla.

Letzte Aktualisierung: 19. Oktober 2022

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit etwa 280 Millionen Menschen an Depressionen. Es handelt sich bei einer Depression also um eine weltweit verbreitete Stimmungsstörung, von der schätzungsweise 3,8 % der Menschen betroffen sind, darunter 5 % der Erwachsenen und 5,7 % der über 60-Jährigen. Wir gehen heute deshalb der Frage nach, ob soziale Netzwerke das Risiko einer Depression erhöhen.

Forscher aus verschiedenen Disziplinen, die versuchen, die Prävalenz dieser Störung zu verstehen, haben festgestellt, dass die Nutzung sozialer Medien ein wichtiger Risikofaktor sein könnte. Laut einer Studie, die im Journal of Social and Clinical Psychology veröffentlicht wurde, könnte die Nutzung sogar ein kausaler Faktor sein. Dabei wurde festgestellt, dass die Menschen sich umso weniger deprimiert und einsam fühlten, je weniger sie soziale Medien nutzten.

Darüber hinaus haben neuere Untersuchungen ergeben, dass Menschen, die ständig soziale Medien nutzen, innerhalb von sechs Monaten mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Depression entwickeln, unabhängig von der Persönlichkeit. Gehen wir der Sache auf den Grund.

Wann erhöhen soziale Netzwerke das Risiko einer Depression?
Aus einer Studie geht hervor, dass freundliche Menschen seltener an Depressionen leiden.

Soziale Medien und das Risiko einer Depression

Wie anfangs erwähnt, wird die Nutzung sozialer Medien mit Depressionen in Verbindung gebracht. Die Zahl der Studien, die untersucht haben, wie Persönlichkeitsmerkmale mit den beiden Elementen interagieren, hat deutlich zugenommen. Eine Studie, die im Journal of Affective Disorders Reports veröffentlicht wurde, ging dieser Frage nach.

Die Daten wurden aus einer US-Stichprobe von 978 Personen im Alter von 18-30 Jahren entnommen. Zu den verwendeten Messinstrumenten gehörten der PHQ-19 (Patient Health Questionnaire), der Depressionen erfasst, und das Big Five Inventory, das Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus analysiert. Um die Nutzung sozialer Netzwerke zu messen, wurde eine Selbstauskunft über die 10 meistgenutzten sozialen Netzwerke der Teilnehmer verwendet.

Was waren die Ergebnisse der Studie?

Die Studie berichtet, dass Menschen mit großer Freundlichkeit 49 % seltener depressiv sind als Menschen, die nicht sehr freundlich sind. Außerdem war die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, bei Personen mit hohen Neurotizismus-Werten doppelt so hoch wie bei Personen mit niedrigem Neurotizismus.

Der Zusammenhang zwischen Neurotizismus und Depression deckt sich mit früheren Studien, in denen diese Persönlichkeitseigenschaft als starker Prädiktor für depressive Störungen beschrieben wurde (Kotov et al., 2010; Noteboom et al., 2016). Ferner wird dies mit einer geringeren Lebenszufriedenheit und einem geringeren positiven Affekt in Verbindung gebracht.

Am wichtigsten für diese Ergebnisse ist, dass die Nutzung sozialer Netzwerke unabhängig vom Persönlichkeitstyp das Risiko einer Depression erhöht.

Warum erhöhen soziale Netzwerke das Risiko einer Depression?

Die Erklärung für diesen Zusammenhang ist, dass Menschen sich eher mit anderen vergleichen, die im Schaufenster der sozialen Netze ihr bestes Gesicht zeigen. Dies führt zu Ressentiments, geringem Selbstwertgefühl und anderen Problemen, die mit dem Selbstbild und dem Selbstkonzept zusammenhängen.

Eine andere Erklärung ist, dass soziale Netzwerke paradoxerweise Menschen isolieren können und die Nutzer sich einsam fühlen, da die Zeit, die sie damit verbringen, Raum für soziale Interaktionen im realen Leben wegnimmt. Ferner beeinflussen soziale Netzwerke die Art und Weise, wie Menschen ihre sozialen Kontakte pflegen und interagieren.

“Die virtuelle Verbindung mit anderen Menschen kann das Risiko von Fehlkommunikation oder Fehleinschätzungen erhöhen, was zu Beziehungsschwierigkeiten und dem potenziellen Risiko, psychische Probleme zu entwickeln, führen kann”, so Merril, Autorin der genannten Studie.

Diese Studie ist eine von vielen, die das Bewusstsein für die negativen Auswirkungen sozialer Netzwerke auf unsere psychische Gesundheit schärfen. Mehrere Studien haben bereits darauf hingewiesen, dass eine längere Nutzung von Social-Media-Plattformen mit negativen Anzeichen und Symptomen von Depression, Angst und Stress in Verbindung gebracht werden kann (Berryman et al, 2018; O’Reilly et al, 2018). Außerdem können soziale Netzwerke den Druck erzeugen, bestimmten Stereotypen zu entsprechen oder so beliebt zu sein wie andere.

Warum erhöhen soziale Netzwerke das Risiko einer Depression?
Soziale Medien verleiten zum Vergleich mit anderen, was sich auf das Selbstwertgefühl auswirkt.

Was tun, um die negativen Auswirkungen sozialer Medien zu verhindern?

Wir möchten betonen, dass soziale Netzwerke nicht nur Nachteile haben. Die grundlegende Frage ist, wie man sie einsetzt. Um negative Auswirkungen zu vermeiden, ist es wichtig, darauf zu achten, wie, zu welchem Zweck und wie oft du soziale Medien nutzt.

Installiere Anwendungen auf deinem Handy, mit denen du verfolgen kannst, wie oft und wie du soziale Medien nutzt. Schalte Benachrichtigungen für eine Weile aus, um von deinen Bildschirmgeräten abzuschalten und lösche Apps, die du nicht brauchst.

Das zweischneidige Schwert verschiedener digitaler Plattformen ist, dass dir diese zwar helfen können, soziale Kontakte zu knüpfen, wenn du deprimiert bist, aber sie können auch deine ungesunden Gedankenmuster verschlimmern. Wenn du das Gefühl hast, dass du deine Nutzung der sozialen Medien und die damit verbundenen depressiven Symptome nicht in den Griff bekommst, solltest du einen Therapeuten aufsuchen. Eine ausgebildete Fachkraft für psychische Gesundheit kann dir dabei helfen, einen Plan zu erstellen, der zu deinen Problemen und Bedürfnissen passt.

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