Ein Lob der Zerbrechlichkeit - ein bedeutender Wert in komplexen Zeiten

Unsere Zerbrechlichkeit ist präsenter denn je, denn wir erleben eine Krise nach der anderen und sehen, dass unsere Realität einem Kartenhaus gleicht. Dennoch birgt jede Zerbrechlichkeit auch ungewöhnliche Stärke...
Ein Lob der Zerbrechlichkeit - ein bedeutender Wert in komplexen Zeiten

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 04. August 2022

Die Zerbrechlichkeit ist in jedem Aspekt unserer Realität präsent. Selbst die festesten Felsen, die stärksten Metalle und die hellsten Sterne sind zerbrechlich. Nichts währt ewig, es gibt kaum unzerstörbare Dinge. Trotzdem streben wir danach, unverwundbar zu sein. Obwohl das Leben manchmal einem Kartenhaus gleicht, das jederzeit zusammenbrechen kann, beabsichtigen wir, stark zu sein. Als wäre Stärke die Lösung für alle Probleme und das Heilmittel für jede innere Wunde, die niemand sieht, die wir aber im Verborgenen mit uns tragen.

Mit jeder Krise fühlen wir uns nackter denn je. Selbstverständliche Realitäten brechen auseinander und lassen eine tiefe Leere zurück. Viele haben einen geliebten Menschen verloren, andere sehen ihre berufliche Stabilität in Gefahr und wieder andere versinken in einer tiefen existenziellen Krise.

Warum nicht darüber sprechen? Wir fühlen uns zerbrechlicher als je zuvor. Dieser Zustand ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Schwäche oder Fehlbarkeit. In der Zerbrechlichkeit liegt eine große innere Schönheit.

Es gibt Zeiten, in denen wir uns ängstlicher denn je fühlen, und das lässt uns auch zerbrechlich und verletzlich erscheinen.

Traurige Frau erlebt ihre Zerbrechlichkeit
Unsere Zerbrechlichkeit zu umarmen bedeutet, unsere Ängste und Verwundbarkeit zu akzeptieren.

Zerbrechlichkeit: ein Teil von uns

Wir sind besorgt, gefangen in unserem Unwohlsein. Alles verändert sich in unserer komplexen Welt. Wir sehen dunkle Wolken am Horizont, die unsere Lebenswelt, unseren Alltag bedrohen. Dazu kommen die Sorgen in unserem eigenen Labyrinth, die uns zusätzlich belasten. Offensichtlich ist die Zerbrechlichkeit präsenter als je zuvor. Und damit können wir nicht umgehen: Wir empfinden dieses Gefühl als Bedrohung und haben Angst.

Unser Gehirn braucht Sicherheit. Es liebt Stabilität und möchte von jenen Menschen, die uns heute lieben, immer geliebt werden. Außerdem möchte es einen sicheren Job, ein geregeltes Einkommen und die tägliche Routine, die ihm Halt gibt. Wir möchten, dass die Gesellschaft und die Welt, in der wir leben, heute, morgen und übermorgen Sicherheit bieten. Doch das Leben ist unberechenbar und launisch. Alles kann sich von einem Moment auf den anderen ändern…

Die Notwendigkeit, unsere Zerbrechlichkeit zu akzeptieren

Die Akzeptanz der Zerbrechlichkeit ist ein wesentlicher Teil des Menschseins. Obwohl niemand mit einer Verpackung auf die Welt kommt, auf der “Vorsicht, zerbrechliches Material” steht, sind wir alle aus demselben Stoff gemacht. Gefühle wie Angst, Sorgen und Traurigkeit gehören zu unserem psychobiologischen Repertoire.

Diese inneren Realitäten zu akzeptieren und auch unserer Verletzlichkeit Raum und Präsenz zu geben, vermittelt unser psychisches Wohlbefinden. Wir sollten folgende Gedanken von Brené Brown berücksichtigen: Wenn wir unsere Verletzlichkeit annehmen, gewinnen wir in schwierigen Zeiten an Selbstvertrauen.

Wenn wir uns dieser herausfordernden emotionalen Zustände bewusst werden, ohne sie zu blockieren, kommt uns das zugute und schafft Erleichterung. Außerdem ist nichts so wichtig, wie uns zu erlauben, miteinander zerbrechlich zu sein. Es ist eine Form der tiefen emotionalen Offenheit gegenüber denjenigen, die vor uns stehen, uns unterstützen und sich durch ihr Einfühlungsvermögen auszeichnen.

Eine entscheidende Eigenschaft, um in schwierigen Tagen voranzukommen

Wenn es einen Bereich gibt, der sich tief mit dem Thema Zerbrechlichkeit auseinandergesetzt hat, dann ist es die Poesie. Es gibt viele Namen, Texte und ausgefeilte Metaphern, die unsere Wunden, Schwächen, Ängste und unser Bedauern offenbaren. Diese Gedichtsammlungen sind Fenster, durch die wir in das intime, verschleierte und missverstandene Gebiet des menschlichen Wesens blicken können.

Diese literarische Vision ist weit entfernt von dem Ideal der absoluten Stärke, das wir gerne vorgeben. Eine Studie der NTNU (norwegischen Universität für Wissenschaften und Technologie) unterstreicht genau diesen Punkt. Auch die Psychologie kann sich der Poesie nähern, um den Menschen die Vorteile der Offenlegung der Zerbrechlichkeit vor Augen zu führen.

Wenn wir uns mit unseren Empfindungen verbinden, können wir nutzlose Widerstände loslassen. Diejenigen, die der Heilung nur im Weg stehen, hinter denen wir uns manchmal verstecken, um anderen zu zeigen, dass es uns gut geht, obwohl das nicht stimmt. Es ist nichts Falsches daran, die eigene Zerbrechlichkeit zu offenbaren, den Riss im Herzen, den blauen Fleck nach einer Enttäuschung, das Zittern vor der Angst…

Nur wenn wir uns selbst so sehen, wie wir sind, wissen wir, auf welche Bereiche wir uns konzentrieren müssen, um die Sicherheit und den Mut zurückzugewinnen, uns den Widrigkeiten zu stellen.

Frau denkt beim Spazieren über Zerbrechlichkeit nach
Wir alle haben Risse in unseren Herzen, zerbrochene Puzzleteile, von denen wir nicht wissen, wie wir sie wieder zusammensetzen sollen… In der Zerbrechlichkeit liegt Schönheit.

Wir alle haben einen Riss, durch den das Licht eindringt

In der menschlichen Zerbrechlichkeit liegt zweifelsohne Schönheit. Denn wir haben alle schon einmal darunter gelitten. Jeder von uns trägt emotionale Verletzungen und Erfahrungen der Gebrochenheit in sich, die wir nicht vollständig überwunden haben. Aber wie Leonard Cohen so treffend sagte, gibt es in allem einen Riss und dort dringt Licht ein.

Wir sind unvollkommene Wesen, die jeden Tag mit tausend Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Doch trotz jedes ausgehöhlten Fragments unseres Wesens finden wir die Kraft, weiterzumachen. Wir heilen und erheben uns, wir gewinnen an Widerstandskraft, wir lernen und bauen unsere Welt trotz Angst und Unsicherheiten neu auf. Wir sind zerbrechlich, aber mutig, wir sind endlich, aber wir hinterlassen immer eine Spur.

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