Egas Moniz und die erstaunliche Geschichte der Lobotomie

27. August 2018 en Kuriositäten 0 Geteilt
Egas Moniz

Die Lobotomie ist eines der umstrittensten Verfahren in der Geschichte der Psychologie. Es wurde in den 1930er Jahren von Egas Moniz „erfunden“ und bald in der ganzen Welt ausgeführt. Tausende von Lobotomien wurden durchgeführt – bis in die 1950er Jahre. Erst jetzt begann man, wegen ihrer unvorhersehbaren und ernsten Nebenwirkungen von der Lobotomie abzusehen.

Die Lobotomie ist ein chirurgischer Eingriff, bei dem eine oder beide Gehirnhälften durchtrennt werden, bei der der präfrontale Kortex von den anderen Teilen des Gehirns abgetrennt wird. Die Operation wird auch als „Leukotomie“ bezeichnet, weil sie sich auf die Nervenbahnen, die weiße Substanz des Gehirns, bezieht.

Egas Moniz war nicht der erste, der dieses Verfahren ausprobiert hat. Im Jahre 1890 führte der Arzt Gottlieb Burkhardt sechs Operationen dieser Art durch. Zwei der Patienten starben und deshalb stellte er seine Untersuchungen ein. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert forderte die Lobotomie zahlreiche weitere Opfer.

„Kenne alle Theorien. Meistere alle Techniken, aber wenn du eine menschliche Seele berührst, sei einfach eine andere menschliche Seele.“

Carl Gustav Jung

Egas Moniz und seine fragwürdige Forschung zur Lobotomie

1935 begann Egas Moniz, Neurologe und Professor an der Universität von Lissabon (Portugal), seine eigene „Forschung“ zur Lobotomie. Wir haben das Wort „Forschung“ in Anführungszeichen gesetzt, weil Moniz tatsächlich nur einen Schimpansen operierte. Als er bemerkte, dass das Tier fügsamer wurde, folgerte er, dass das auch beim Menschen der Fall sein müsse, würde er einem ähnlichen Eingriff unterzogen.

Egas Moniz

Diese „unwissenschaftliche“ Herangehensweise wird seit Jahrzehnten infrage gestellt. Kein seriöser Forscher kann aus einem einzigen Fall auf alle Fälle und alle Patienten schlussfolgern. Es stimmt, dass Einzelfallstudien von großem Wert für die Wissenschaft sein können, insbesondere in Bezug auf seltene Krankheiten oder zur Erschließung weiterer Forschungsfelder. Allerdings kann man die Ergebnisse eben nicht verallgemeinern, wenn die erhobenen Daten nicht solide genug sind.

Und in diesem Fall gab es etwas, das die Verallgemeinerung noch mehr einschränkte: die Lobotomie wurde an einem Primaten und nicht an einem Menschen durchgeführt. Dennoch gewann Egas Moniz 1949 den Nobelpreis für Medizin für seine „Erfindung“.

Egas Moniz arbeitete mit einem anderen Neurologen namens Almeida Lima zusammen. Die beiden führten die ersten Lobotomien am Menschen durch. Das Verfahren bestand darin, zwei Löcher in den Schädel des Patienten zu bohren. Dann wurde Alkohol in den Kortex injiziert, um diesen Teil des Gehirns abzutöten. Er und sein Partner waren es auch, die den Fortschritt der Patienten nach der Operation beurteilten. Kein Wunder, dass sie in jedem Fall Fortschritte sahen.

Die Praxis geht weiter

Als Egas Moniz begann, seine Erfindung in Europa bekannt zu machen, wurde erntete er Bewunderung von vielen Neurologen. Der berühmteste von ihnen war Walter Freeman. Dieser Mann war nicht wirklich ein Chirurg. Dennoch entwickelte er eine Technik, die als „Eispickel-Lobotomie“ in die Geschichte eingehen sollte.

Bildliche Darstellung einer Lobotomie

Dieser US-amerikanische Arzt entdeckte, dass er bestimmte Bereiche des Gehirns leichter über die Augen erreichen konnte. Er führte ein Instrument ähnlich einem Eispickel durch die Augenhöhle, „rührte ein wenig“ und erreichte das Gehirn. Er war in der Lage, Lobotomien in nur fünf Minuten durchzuführen.

Der Grad der „Industrialisierung“, den Freeman mit diesem Verfahren erreichte, war so groß, dass er begann, die Dienstleistung „zu Hause“ anzubieten. Er hatte einen Van, den er „Lobotomobil“ nannte. In ihm tourte er durch die Vereinigten Staaten und praktizierte überall Lobotomien, für alle Arten von psychischen Problemen. Schätzungen zufolge wurden in diesen Jahren weltweit zwischen 40.000 und 50.000 Patienten lobotomisiert.

Das Verbot der Lobotomie

Viele der Patienten, die sich einer Lobotomie unterzogen, starben. Andere erlitten schwere Hirnschäden, die sich manchmal sofort und manchmal erst Jahre später bemerkbar machten. Viele von ihnen landeten in einem vegetativen Zustand, andere zeigten Symptome einer kognitiven Regression. Nur bei einem Drittel der Patienten verbesserten sich die Symptome.

Die Lobotomie hatte nicht die Absicht, eine Geisteskrankheit zu heilen. Stattdessen war es Moniz‘ Ziel, den Patienten zu „beruhigen“. Die Grausamkeit der Lobotomisierung von Menschen mit Angststörungen, Zwangsstörungen und Depressionen ist also offensichtlich. Chirurgen führten sie bei vielen schizophrenen Patienten durch, aber diese zeigten niemals eine Besserung.

Die Lobotomie hat die Patienten von der Welt abgeschnitten. Deshalb haben sie sich „beruhigt“. Viele Menschen schauten es sich hoffnungsvoll an, denn damals – und auch heute noch in manchen Ländern – lebten Geisteskranke als Gefangene in psychiatrischen Anstalten und Krankenhäusern. Und die Lobotomie war für viele von ihnen das Ticket in die Freiheit.

Lobotomie

Mit der Entwicklung von Chlorpromazin, dem ersten Antipsychotikum, wurde die Lobotomie schließlich überflüssig. Interessanterweise nannte sein Erfinder die Behandlung mit Chlorpromazin „chemische Lobotomie“. In den 70er Jahren wurde das Verfahren vielerorts verboten, obwohl wir wissen, dass es noch heute heimlich durchgeführt wird.

In neueren Nachrichten hat eine Gruppe von Bürgern gefordert, dass Egas Moniz der Nobelpreis für Medizin aberkannt würde, weil sie das Gefühl haben, dass seine „Leistung“ der Menschheit mehr geschadet als genutzt habe.

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