Ebriorexie: Alkohol als Ersatz für Nahrung

Diese neue, weitverbreitete Praxis besteht darin, an Wochenenden übermäßig viel Alkohol zu trinken und die dadurch aufgenommenen Kalorien durch den Verzicht auf Essen zu kompensieren. Wir sprechen von einer Essstörung mit ernsten Folgen.
Ebriorexie: Alkohol als Ersatz für Nahrung

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 08. Juni 2022

Ebriorexie (auch Drunkorexie) ist eine Essstörung, an der vorwiegend junge Studentinnen leiden. Sie zeigt sich an Wochenenden besonders intensiv, denn wenn sie in ihrer Freizeit viel Alkohol konsumieren, reduzieren sie die Nahrungsaufnahme, um ihr Gewicht zu kontrollieren. Immer öfter ist Ebriorexie auch in der Altersgruppe der 25- bis 35-Jährigen zu sehen.

Dieses Verhalten kann ernste Folgen haben. Bereits vor mehr als zehn Jahren berichtete die New York Times von dieser Praxis, die derzeit noch keiner klinischen Kategorie oder Störung in Diagnosehandbüchern zugeordnet ist. Es handelt sich eindeutig um eine Essstörung. Experten weisen darauf hin, dass wir der Ebriorexie mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, um dieses zunehmende Phänomen zu stoppen.

Bei Ebriorexie treten die Auswirkungen des übermäßigen Alkoholkonsums bedeutend früher auf (Alkoholintoxikation). 

Ebriorexie ist weitverbreitet
Ebriorexie weist spezifische Merkmale von Bulimie und Anorexie auf.

Ebriorexie: Was ist das?

Wie bereits erwähnt, sprechen wir von einer ernsten Essstörung: Betroffene reduzieren die Kalorienaufnahme durch Lebensmittel, während sie übermäßig viel Alkohol trinken. Es handelt sich nicht um eine klassische Alkoholsucht oder Essstörung, doch um ein gestörtes Verhalten, das genauso schädlich ist. Deshalb müssen wir diesem Phänomen mehr Aufmerksamkeit schenken und Präventionsmaßnahmen fördern.

Die Universität Huddersfield in Großbritannien führte 2020 eine Untersuchung zu diesem Thema durch. Das Forscherteam wollte wissen, ob tatsächlich vorwiegend Studierende an dieser Essstörung leiden und wie es dazu kommt. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass es sich um einen zunehmenden Trend handelt, der über das Alter von Studierenden hinausgeht. Geringes Selbstwertgefühl und die Suche nach Empfindungen scheinen zwei auslösende Faktoren zu sein. Es gibt jedoch noch mehr Variablen, die man beachten muss.

Wie äußert sich diese Essstörung?

Das Hauptmerkmal dieser Praxis ist die Einschränkung der Nahrungsaufnahme an Wochenenden, um während Trinkpartys weniger Kalorien aufzunehmen, da bekanntlich Alkohol sehr kalorienreich ist. Das Hauptziel ist also, die Kalorien zu kompensieren, um das Gewicht zu kontrollieren. Eine weitere Motivation ist jedoch der Genuss der alkoholischen Getränke als solche und das soziale Umfeld, in dem sie konsumiert werden.

  • Ein weiterer Grund für die Kalorienreduktion ist, so durch Alkohol schneller betrunken zu werden.
  • Zusätzlich treiben Betroffene häufig intensiv Sport, um die Kalorien schneller zu verbrennen.
  • Des Weiteren sind Verhaltensweisen zu beobachten, die typisch für Bulimie oder Anorexie sind (Erbrechen, Abführmittel oder Diuretika).

Binge-Drinking in Verbindung mit Essstörungen tritt häufiger bei Frauen auf.

Welche Auswirkungen hat Ebriorexie?

Ebriorexie hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit eines Menschen. Vor allem, wenn sich diese Praxis über einen längeren Zeitraum hinzieht und zur Gewohnheit wird.

  • Die aus Alkohol gewonnenen Kalorien sind leere Kalorien mit geringem Nährwert. Das führt zu Dehydrierung und einem großen Defizit an Vitaminen und Mineralien.
  • Das Risiko, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln, ist erhöht.
  • Auch Essstörungen wie Bulimie, Magersucht, Binge Eating Disorder usw. können sich entwickeln.
  • Langfristig können Lebererkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Demenz, Osteoporose, Menstruationsstörungen, beschleunigte Alterung usw. auftreten.

Die Kultur der Schlankheit als Hauptursache

Wir leben seit Jahrzehnten in einer Kultur, in der die Tyrannei des perfekten Körpers und der Schlankheit als einzige Form der Schönheit regiert. Soziale Netzwerke sind der Spiegel, in dem sich junge Menschen jeden Tag betrachten, um sich zu vergleichen und zu beurteilen. Das führt zu immer schädlicheren und raffinierteren Praktiken.

  • Im Durchschnitt sind ein geringes Selbstwertgefühl und soziale Nachahmung die Kernelemente, die Ebriorexie auslösen. Einerseits gibt es das Bedürfnis, das eigene Gewicht zu kontrollieren, und auf der anderen Seite den Wunsch, sich in die Gruppe einzufügen. Trinken ist die Praxis, der ein großer Teil der Jugendlichen ihre Wochenenden widmet.
  • Schlechte emotionale Bewältigungsfähigkeiten sind ein weiterer Faktor. Sie verfügen nicht über die Ressourcen, um ihre Ängste zu bewältigen und die gesellschaftlich auferlegten Schönheitskanons aus ihren mentalen Erzählungen zu entfernen.
  • Akademischer Druck, berufliche und familiäre Probleme und die allgemeine Enttäuschung über die Gesellschaft sind weitere Gründe dafür, dass sich viele dem Alkohol zuwenden.
Frau leidet an Ebriorexie
Meistens dauert es lange, bis sich Betroffene bewusst werden, dass sie ein Problem mit Alkohol und eine Essstörung haben.

Ebriorexie: Was tun?

Im Jahr 2018 veröffentlichte die University of Southern California einen Artikel über Binge Drinking. Sie schlug vor, eine neue Diagnosekategorie, die Ess- und Alkoholstörung, aufzunehmen. Es ist klar, dass wir es mit einem sehr ernsten Problem zu tun haben, bei dem zwei klinische Probleme zusammenkommen.

Die Diagnose und Behandlung in einem spezifischen Zentrum ist grundlegend. Für die psychologische, ernährungstechnische und medizinische Versorgung ist eine multidisziplinäre Betreuung erforderlich. In der Regel suchen die Betroffenen erst dann Hilfe, wenn sie bereits stark unterernährt und alkoholsüchtig sind.

Ein individueller Therapieplan ist nötig, um den Patienten zu helfen. Dieser wird im Normalfall von Ärzten, Psychologen, Ernährungsberatern und anderen Therapeuten erstellt, die den betroffenen Personen helfen, ihr Leben wieder zu kontrollieren und gesunde Gewohnheiten anzunehmen. Zögere nicht, fachärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn du dich in dieser Situation befindest.

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