Durch den Schmerz wachsen und Leiden verhindern

5. Februar 2018 en Psychologie 149 Geteilt
Schmerz nutzen - Auf den Sonnenuntergang folgt der Sonnenaufgang.

Manchmal tut das Leben weh. Und manchmal erschüttert es uns so sehr, dass es beinahe unmöglich scheint, wieder aufzustehen. Wenn wir ein schmerzvolles Ereignis erleben, durchleben wir im Anschluss intensive emotionale Prozesse. Prozesse, in die wir durch die Trägheit der Gegebenheiten gezwungen wurden. Wir benötigen viel Kraft, um sie abzuschließen, einen Neustart zu wagen. Doch wenn wir es nicht tun, werden uns Bitterkeit und Schmerz verzehren. Wir können es lernen: den Schmerz nutzen, an ihm wachsen, in ein besseres Leben aufbrechen.

Genau genommen ist es eine persönliche Entscheidung, in unserem Schmerz fest verwurzelt zu bleiben oder ihn für uns zu nutzen: Wenn wir in ihm verankert bleiben, versäumen wir eine innere Reise. Doch wenn wir diese Reise wagen, dann erreicht sie ihren Höhepunkt in der Akzeptanz, in der Ruhe des Verständnisses und in der persönlichen Entwicklung.

„Der Schmerz ist nicht dazu da, um dich leiden zu lassen. Der Schmerz schafft Bewusstsein. Und wenn du bei Bewusstsein bist, verschwindet der Kummer.“

Osho

Der Schmerz ist unvermeidlich, das Leiden nicht

Sowohl Schmerz als auch Leiden sind Teile des Lebens. Wir wollen betonen, dass wir diese beiden Begriffe oft synonym zueinander benutzen. Jedoch ist es wichtig, zu verstehen, was sie von einander unterscheidet, damit wir richtig mit Schmerz und Leid umgehen können.

Weinendes Mädchen

Der Schmerz ist in seiner psychischen Dimension eine Emotion, die in gewissen Situationen oder bei Problemen entstehen kann. In diesem Sinne bedeutet Schmerz die Akzeptanz dessen und den Kontakt zu dem, was wir fühlen. Er betrifft uns also mental und emotional, aber er hat natürlich auch eine physische Komponente. Er hält so lange an, bis die Person genesen kann. Es soll dazu angemerkt werden, dass die Zeit, in der der Schmerz spürbar ist, proportional zum Ausmaß des Ereignisses ist, das den Schmerz für in erzeugt hat.

Sobald der Schmerz nachlässt, vergessen wir ihn. Anästhesie und Schmerzmittel sorgten dafür, dass wir uns nicht so sehr an den Schmerz gewöhnen, wie unsere Vorfahren es taten. Dies ist eine Tatsache, die erklärt, warum wir zunehmend Angst vor ihm haben.

Leiden ist der nächste Schritt auf dem Weg. Leiden entsteht, wenn wir die Wirklichkeit nicht akzeptieren und mit unserem Leben achtlos fortfahren. Dieser Geisteszustand wird uns immer wieder zu Gedanken und Emotionen führen, die uns unausgewogen fühlen lassen und uns krank machen können. In diesem Fall ist das Leiden eine unnötige Konsequenz des Schmerzes.

„Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“

Albert Camus

Es ist so, dass das Leiden viel intensiver erfahren wird und länger als der psychische Schmerz anhält. Es könnte gar für unbestimmte Zeit anhalten. Beispielsweise ist Schmerz nach dem Verlust eines geliebten Menschen unvermeidlich. Wenn diese Wunde nicht heilen und sich nicht schließen kann, werden wir auch Leid erfahren. Es verhindert Akzeptanz und Wachstum.

Den Schmerz nutzen, am Schmerz wachsen

Posttraumatisches Wachstum impliziert, dass man akzeptiert, was passiert ist, und die eigenen Ideen neu ordnet. Man kann sich diesen Prozess etwa so vorstellen, wie den, den eine Person durchläuft, die ihr Haus nach einem Erdbeben neu aufbauen muss. Nach einem schmerzhaften Ereignis sollten wir die Möglichkeit ergreifen, darüber nachzudenken, wie wir unser Leben nun aufbauen möchten.

Darüber hinaus begünstigen diese neuen Vorstellungen eine positive Entwicklung der Belastbarkeit. Auf die gleiche Weise entdeckt die Person, die ihr Haus aufbaut, an sich ungeahnte Stärken und Eigenschaften, von denen sie nicht wusste, dass sie diese hat.

„Finde eine Stelle in dir, an der es Freude gibt. Diese Freude vertreibt deinen Schmerz.“

Joseph Campbell

Es ist unsere Einstellung, die die Macht besitzt, uns elend fühlen zu lassen. Dem Psychotherapeuten Joan Garriga zufolge sei jeder Verlust eine Möglichkeit, als Mensch zu wachsen. Wir bekommen mit ihm ihn die Möglichkeit, Erleichterung zu finden, und uns von Bindungen und Stempeln zu befreien.

Ebenso birgt jeder schmerzhafte Prozess das Risiko, dass wir ihn nicht abschließen können. Dann könnten wir uns Einstellungen aneignen, die das Leiden begünstigen. Solche wären dauerhafte Klagen, das Gefühl, schikaniert worden zu sein, Rache und Stolz. Dazu ist zu sagen, dass der Schmerz zum Leben dazugehört. Es ist wichtig, ihn auf eine bereichernde Art und Weise zu verstehen, ihn zu nutzen und mit ihm zu wachsen.

„Ich war ein Mann, der Glück im Leben hatte, denn nichts war für mich einfach.“

Sigmund Freud

Auf dem Weg lernen

Im Leben lernen wir, was schmerzhaft ist und was uns Leid verursachen kann. Wenn wir herzzerreißenden Schmerz verspüren, werden wir uns unserer Gebrechlichkeit bewusst. Gleichzeitig bringt er uns aber in eine Position, die es uns ermöglicht, uns besser kennenzulernen.

Frau geht dem Horizont entgegen

Und es ist dieser Weg, auf dem man lernt, dass sich alles verändert. Man lernt, dass die Sonne immer wieder in aller Schönheit und Stärke scheinen wird, dass die Wolken verschwinden. Dabei entdecken wir die Stärke, die in uns steckt. Die Stärke, die uns dabei hilft, Hindernisse und Trägheit zu bewältigen.

Auf dem Weg des Schmerzes sehen wir auch, dass aus einem Chaos immer eine neue Ordnung entsteht. Eine neue Ordnung, die das Lernen und die Erfahrung kombiniert, um uns stetig vorwärts zu bewegen. Diese Zeiten des Schmerzes können nach Durchlaufen von Lernprozessen immer einfacher bewältigt werden und uns inneren Frieden geben. Sie haben das Potenzial, Zeiten großen Wandels und neuer Möglichkeiten einzuleiten.

„Die schönsten Menschen, die ich kennengelernt habe, sind diejenigen, die Niederlagen erlebt haben, das Leid kennengelernt haben, den Kampf, den Verlust, und die ihren eigenen Weg gefunden haben, um aus diesen Tiefen wieder herauszukommen.“

Elisabeth Kübler-Ross

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