Die Funktion des Schmerzes nach einem Verlust

28. November 2017 en Psychologie 220 Geteilt
Rose am Stacheldrahtzaun

Im Leben erleiden wir Verluste. Wann immer wir etwas dazu gewinnen, müssen wir etwas im Austausch dafür geben – Raum, Zeit, Güter, Liebe. Es gibt Verluste, die erleichternd für uns sind, und solche, die uns gleichgültig bleiben. Dann gibt es auch die Verluste, bei denen wir wünschen, dass wir sie nicht erleben müssten. Es kann eine Person sein, die wir verloren haben, es kann aber auch ein Gut, eine Gelegenheit oder ein Traum sein, von dem wir uns verabschieden müssen. Und nach einer solchen Erfahrung beginnen wir, zu trauern. Das ist nicht angenehm, aber Trauer und Schmerz nach einem Verlust sind notwendig, um diesen zu verarbeiten.

Schmerz kann als eine Manifestation der Trauer verstanden werden. Er kann dazu führen, dass andere Menschen auf uns zukommen und uns etwas Wärme schenken. Diese Wärme gleicht ein wenig die Kälte aus, die uns nach dem Verlust erfasst hat. Sie sollte mit Empathie entgegengenommen werden, mit wenigen Worten und mit viel Verständnis.

Frau vor Sonnenuntergang

Schmerz weckt nicht immer Mitleid bei anderen Menschen

Unglücklicherweise kann Schmerz das Leben auf viele Arten komplizierter machen. Zuerst geschieht vielleicht, was wir zuvor beschrieben haben – man erhält soziale Unterstützung. Die meisten von uns verstehen, dass Menschen leiden, wenn sie jemanden verlieren, den sie geliebt haben, weil sie selbst schon solch eine Erfahrung gemacht haben.

Aber es kann sein, dass sie jenes Leid nicht verstehen können, das aus anderen Arten des Verlustes entsteht. Wer beispielsweise niemals ein Haustier besessen oder geliebt hat, kann nicht nachvollziehen, was sein Verlust für den Besitzer bedeutet. Aus diesem Grund versteht er den Schmerz nicht, den Menschen empfinden, wenn sie ein Haustier verlieren.

Andere Verluste, die zuweilen nur schwer nachzuempfinden sind, sind verpasste Gelegenheiten oder zerplatzte Träume. Sie sind sehr persönlich und man arbeitet allein daran, sie zu erreichen. Sie geben uns Hoffnung, die man nur schwer ausdrücken kann, weil sie mit nichts gleichzusetzen ist. Man kann jemandem sagen, dass man sich traurig fühle, weil all die harte Arbeit, die man über lange Zeit in ein Projekt gesteckt habe, einfach umsonst gewesen sei. Aber es wird schwer für andere Menschen sein, dies zu verstehen, wenn sie nicht dabei waren, als man diese Mühen aufgebracht hat. Und ist es schwer, all das zu erklären.

Aus diesem Grund ist das erste Problem, das mit dem Schmerz nach einem Verlust verbunden ist, der Mangel an Verständnis seitens anderer Menschen.

Frau empfindet Schmerz nach einem Verlust

Die drei Funktionen des Schmerzes

Die erste Funktion des Schmerzes ist es, dass man zur Kenntnis nimmt, dass man ein Verlust erlitten hat. Tatsächlich ist das Leugnen des Verlustes auf eine gewisse Weise das Gegenteil des Schmerzes. Man lebt dann so, als ob die Person, das Tier, der Traum, die Hoffnung immer noch Teil des eigenen Lebens wären. Menschen, die einen Verlust leugnen, widersetzen sich dem Beginn des Schmerzes. Wenn das Leugnen in den ersten Momenten nach dem Verlust einsetzt, ist dies eine Strategie zur Anpassung, weil sie die Konsequenzen des Verlustes verzögert. So gewinnt das Gehirn Zeit dafür, Informationen zu verarbeiten, obwohl das nicht bewusst geschieht. Wer aber auch nach längerer Zeit noch nicht akzeptieren kann, dass er etwas verloren hat, unterdrückt seinen Schmerz und kann ihn nicht verarbeiten.

Die zweite Funktion des Schmerzes ist es, zur Erkenntnis zu gelangen, dass derjenige oder das, was man verloren hat und so wichtig war, tatsächlich existiert hat. Der Schmerz dient dazu, die Erinnerung an den Verlust, nicht jedoch an das Verlorene zu löschen. Während des Trauerprozesses können dennoch Schuldgefühle aufkommen. Wenn die Person versucht, sich selbst zu schützen, fühlt sie sich manchmal so, als würde sie die Erinnerung an das verraten, was sie verloren hat.  Dieser Zustand wird überwunden, wenn dem, was man verloren hat, die Bedeutung zugeschrieben wird, die es hatte, und wenn man den Schmerz zulässt.

Zuletzt erlaubt der Schmerz, dass die Geschichte zu Ende geschrieben werden kann. Er gibt uns die Gelegenheit, die letzten Sätze eines Kapitels zu verfassen, um dann ein neues zu beginnen. Er zieht auch die Aufmerksamkeit der anderen Menschen an, auch wenn man selbst nicht über den Verlust spricht. Das fördert die Empathie, das aktive Zuhören und die Gesellschaft mit anderen. Das mögliche Gefühl der Einsamkeit kann durch den Trost, den uns andere schenken, ausgeglichen werden.

Auf diese Weise ist der Schmerz etwas Persönliches, dass die Anerkennung und Liebe für denjenigen, der aus unserem Leben gegangen ist, oder den Traum, von dem wir uns verabschieden müssen, zum Ausdruck bringt. Er ist wie eine Karte, die in die Luft geschrieben wird und die den Abschluss eines Lebensabschnittes darstellt, den man zusammen verbracht hat und für den man dankbar ist. Diese Karte wird mit den Worten „Ich werde dich immer vermissen“ unterschrieben.

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