Trauer: Wir müssen lernen, mit etwas abzuschließen, um von vorn beginnen zu können

· 25. Oktober 2017

Wenn wir mit etwas abschließen, an das Ende eines Kapitels gelangen, setzen wir unter einen Teil unserer Geschichte den letzten Punkt. Alles, was wir nicht abschließen, wird uns weiterhin verfolgen und es wird uns immer und immer wieder Schmerzen bereiten, weil wir den Trauerprozess nicht durchlaufen können – solange, bis es uns nicht mehr gelingen kann, auf einer neuen Seite ein neues Kapitel zu beginnen.

Unter Trauer versteht man einen Prozess der emotionalen Anpassung, der auf jeglichen Verlust folgt. Ein Verlust muss dabei nicht zwingend der Tod eines Menschen sein, obwohl der Tod im kollektiven Unbewussten am stärksten mit Trauer in Verbindung gebracht wird. Ein Verlust kann auch eine Trennung oder eine berufliche Veränderung wegen eines Umzugs sein.

Die Phasen des Trauerprozesses

Die verschiedenen von der Doktorin E. Kübler-Ross beschriebenen Phasen der Trauer sind:

  • Phase 1 – Das Leugnen: Der Betroffene weigert sich, den Verlust zu akzeptieren. Er kann sich auch in einem Schockzustand befinden, der es ihm unmöglich macht, den Beginn der Veränderung, die unvermeidbar fortschreiten wird, anzunehmen.
  • Phase 2 – Der Zorn: In dieser Phase zeigt der Betroffene Frustration und Zorn gegenüber den Umständen, in denen der Verlust passierte, oder sich selbst und anderen gegenüber.
  • Phase 3 – Das Verhandeln: Hier wird versucht, Lösungen für den Verlust zu suchen. Wenn wir vom Verlust eines geliebten Menschen reden, kann die Phase des Verhandelns die Wiederaufnahme von Aktivitäten sein, die zuvor gemeinsam mit dem verstorbenen Menschen ausgeübt wurden.
Blüte vor beschlagener Fensterscheibe repräsentiert Trauer

  • Phase 4 – Die Depression: In dieser Phase wandelt sich der Verlust zu Schmerz. Er wird mit der aufkommenden Traurigkeit verarbeitet. In dieser Phase verbringt der Betroffene viel Zeit mit sich selbst.
  • Phase 5 – Die Akzeptanz: Dem Betroffenen wird in dieser Trauerphase der Moment bewusst, in dem er sich befindet, und auch der des Verlustes. Er akzeptiert ihn und versucht, sich dem ihm in diesem Augenblick zur Verfügung stehenden Umfeld anzupassen.

Diese Trauerphasen werden nicht von allen Betroffenen gleichermaßen erlebt. Sie folgen auch nicht genau in dieser Reihenfolge aufeinander oder haben eine bestimmte Dauer. Wir können uns nur an ihnen orientieren, wenn wir den Trauerprozess analysieren wollen. Wenn wir mit einem trauernden Menschen arbeiten, ist es wichtig, über diese Phasen Bescheid zu wissen, aber auch, zu realisieren, dass jeder Mensch anders mit seiner Trauer umgeht.

Ein Trauerprozess, in dem der Betroffene nicht in der Lage ist, mit etwas abzuschließen, wird sich wiederholen, bis eben jener Abschluss erreicht wird. Denn wir müssen den Schmerz eines Verlustes zulassen, ihn spüren, weil wir nur so erkennen, wie wir empfinden, und aus unserer Ohnmacht Kraft schöpfen können, um diese Traurigkeit als Teil unserer selbst anzuerkennen. Wenn wir mit etwas nicht abschließen, kleben wir nur mehr ein Heftpflaster auf diese blutende Wunde, die allerdings nicht heilen wird.

An unserem Schmerz zu arbeiten, bedeutet, Leid zu verbannen

In seinem Buch Das Buch der Trauer: Wege aus Schmerz und Verlust  erklärt uns der argentinische Autor Jorge Bucay:

„Leiden bedeutet, dass der Schmerz nicht mehr von selbst heilen kann. Es bedeutet, aus einem Moment einen Zustand zu machen, immer wieder an das zu denken, weswegen ich weine, um nicht aufzuhören, zu weinen, um nicht zu vergessen, um damit nicht abzuschließen, um es nicht hinter mir zu lassen, obwohl ich deswegen leide – das ist eine mysteriöse Loyalität den Abwesenden gegenüber.“

Träne fällt von den Wimpern eines Lides

Der Schmerz, den wir fühlen müssen, ist ein gesundes Gefühl; ein Gefühl, das heilt, uns mit unserem Innern verbindet und uns dabei hilft, den Verlust zu verarbeiten. Er lässt uns in uns kehren, was uns Zeit mit uns selbst schenkt.

Im richtigen Maß ist kein Gefühl schädlich, im Übermaß ein jedes. Die Phasen der Trauer sind gekennzeichnet von Traurigkeit, Schmerz, Distanzierung, Zorn, aber wenn sie länger als notwendig andauern, wenn sie es uns unmöglich machen, den Kopf wieder zu heben, um nach vorn zu schauen, dann ist der Moment gekommen, sich Hilfe zu suchen. Sobald aus Traurigkeit eine Depression, aus Schmerz und Zorn ungerechtfertigte Aggressionen, aus Distanzierung ein persönliches Abschotten wird, dann läuft etwas in diesem Heilungsprozess falsch.

Welche Rolle spiele ich beim Trauerprozess?

„Im Trauerprozess kann dieser geliebte Mensch zwischen den Schätzen in deinem Herz den Platz finden, den er verdient. Es geht darum, dass du dich liebevoll an ihn erinnerst und fühlst, dass die Zeit, die du mit ihm verbracht hast, ein großes Geschenk war. Es geht darum, mit dem Herzen in der Hand zu verstehen, dass die Liebe nicht mit dem Tod endet.“

Jorge Bucay

Wir müssen herausfinden, warum eine Phase ein Ende gefunden hat, und verstehen, was wir Positives aus ihr mitnehmen können, was uns nicht gelungen ist und was wir nicht richtig gemacht haben. Das hilft uns, uns selbst kennenzulernen und uns klar zu werden, was wir tun können, damit es uns besser geht, was wir verändern möchten und was wir beibehalten wollen.

Frau verdeckt ihren Mund mit der Faust und trauert

Der Trauerprozess bringt uns an einen ganz besonderen Punkt, weil er das Ende einer Geschichte einleitet. Das ist kein passiver Prozess, wir alle müssen ihn durchmachen, er verlangt unsere Emotionen und unser Handeln, unsere Lust am Leben und unsere Kraft. Wir müssen selbst daran arbeiten, den finalen Punkt setzen, mit etwas abschließen, das nicht mehr sein kann, und mit dem, was wir erlernt und woran wir Freude gehabt haben, das nächste Kapitel beginnen.