Du musst die unangenehmen Gefühle beim Namen nennen

· 27. März 2019

Was passiert mit den namenlosen Ängsten? Wo speichert dein Geist die Emotionen, die du scheinbar losgelassen hast? Wie gehst du mit den Dingen um, die dir Schmerzen bereiten, wenn du sie vermeidest? Wo ist die letzte Ruhestätte der Träume, die niemals wahr werden können? All diese Dinge, die du nicht beim Namen nennst, sind aus deiner Erinnerung gelöscht. Du siehst sie nicht mehr.

Aber nur weil sie nicht länger auf dem Desktop liegen, bedeutet das nicht, dass sie ihr Potenzial verlieren würden, dir Schaden zuzufügen. Sie schmerzen nach wie vor auf die gleiche Weise, als wenn du nicht über sie gesprochen hättest. Selbst wenn du nicht aussprichst, was dich an dir, an anderen Menschen stört oder was dich so wütend macht, fügen diese Dinge deinem Herzen weiterhin Stiche zu. Es tut immer noch weh, wenn andere dein Selbstwertgefühl angreifen und dich herabsetzen, auch wenn du glaubst, dass das schon immer so gewesen sei. Wenn du nicht über diese Dinge sprichst, hören sie nur scheinbar auf zu existieren.

Doch wie kannst du deine Ängste definieren, wenn du ihnen keinen Namen geben willst? Erst wenn du sie benennst, gibst du ihnen eine Form. Und das gibt dir zeitgleich auch die Möglichkeit, dich ihnen zu stellen und sie zu überwinden. Wenn du dies nicht tust, werden sie weiterhin da sein. Wenn du deine Gedanken nicht benennst, wirst du ihnen nie angemessen begegnen können.

Die unangenehmen Gefühle bleiben zwar mächtig, wenn du sie beim Namen nennst, aber du kannst ihnen dann gegenübertreten.

Die Schwachen sind nicht in der Lage, zu vergeben. Vergebung ist das Attribut der Starken.“

Mahatma Gandhi

Wenn du deine Gefühle nicht benennst, behalten sie die Macht, dir Furcht einzuflößen.

Wie wirken sich die unangenehmen Gefühle, die du nicht benennst, auf dich aus?

Wusstest du, dass ein Drittel der Menschen, die zum Arzt gehen, Symptome haben, für die es keine medizinische Erklärung gibt? Ihr Schmerz ist nicht körperlich, sondern psychologischer Natur. Dies bedeutet, dass psychischer Schmerz genauso wehtut wie körperlicher Schmerz. Er bleibt in dir, ohne entkommen zu können, und schädigt deinen Körper. All diese unangenehmen Gefühle, die du nicht benennst und somit nicht freigibst, sind für andere nicht zu erkennen, schaden dir aber weiterhin.

Je mehr Zeit du allein mit deinem Schmerz verbringst, desto unerträglicher wird er. Wenn du nicht zulässt, dass er durch ein Ventil entweicht, erhöhst du deine Chancen, krank zu werden. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn du dich verletzt, aber nicht versuchst, die Wunde zu verbinden. Wenn du sie erkennst, aber nicht darüber sprichst. Wenn du sie wahrnimmst, aber dir selbst nicht zur Seite stehst. Auf diese Weise werden Körper und Seele krank.

Allein schon das Leiden zerreißt dich im Inneren. Deshalb gibt es keine bessere Heilung, als deine unangenehmen Gefühle beim Namen zu nennen, die dich von innen zersetzen wollen. Nenne deine Ängste und die Ungerechtigkeiten der Welt beim Namen, aber auch deine Träume. Wenn du alle benennst, hast du die Macht, etwas für oder gegen sie zu unternehmen. Du kannst an ihnen arbeiten und dich ihnen stellen. Du kannst sie kontrollieren.

Eine Frau, die sich von ihren Ketten befreit.

Warum ist es schlecht, unangenehme Gefühle zu unterdrücken?

Es ist den Leuten um dich herum oft nicht möglich, zu verstehen, was du nicht beim Namen nennst. Sie können die Beschwerden nicht sehen, die du nicht zum Ausdruck bringst. Daher kannst du das Gewicht dieser Lasten nicht mit anderen teilen. So quälen und verfolgen deine unangenehmen Gefühle dich weiterhin.

Emotionen sind sehr wichtig, sowohl für deine geistige als auch für deine körperliche Gesundheit. Deshalb ist es entscheidend, zu lernen, wie man sie erkennt und reguliert. Laut einem Artikel der Wissenschaftler Philippe Goldin und James Gross, der in der Fachzeitschrift Biological Psychiatry  veröffentlicht wurde, hängen deine Emotionen mit deinem individuellen Muster an Gehirnaktivität zusammen, unabhängig davon, ob du sie zum Ausdruck bringst oder nicht. Wenn du über sie schweigst, löscht sie das also nicht aus. Andererseits haben die beiden auch festgestellt, dass eine emotionale Unterdrückung die Inselrinde und die Amygdala aktiviert.

Deine Gefühle auszudrücken, lindert einige deiner Schmerzen und reduziert den Schaden, den sie verursachen können. Wenn du die Emotionen identifizierst, die bestimmte Situationen in dir hervorrufen, wirst du ähnlichen Situationen in Zukunft besser begegnen können.

Wenn du alles rauslässt, heilst du dich. Wenn du das, was du in dir hast, entkommen lässt, verkleinerst du das Problem, bis du es endlich überwinden kannst. Wenn du etwas beim Namen nennst, gibst du ihm eine Form, die dir keine andere Wahl lässt, als dich ihr zu stellen.

  • Goldin PR, McRae K, Ramel W, Gross JJ. The Neural Bases of Emotion Regulation: Reappraisal and Suppression of Negative Emotion. Biological Psychiatry Vol. 63, Issue 6, Pages 577-586.