Dort, wo du nicht du selbst sein kannst, solltest du gar nicht sein

· 7. Februar 2019

Dort, wo du nicht du selbst sein kannst, solltest du gar nicht sein. Denn um seiner eigenen Identität, seinen Werten und seiner Würde treu zu bleiben, muss man in seinen Entscheidungen entschlossen und mutig bleiben. Schließlich ist das Leben an und für sich schon kompliziert genug, wenn andere versuchen, unsere Werte und unser Selbstwertgefühl auszulöschen, um uns in Räume und Dynamiken einsperren zu können, die wir nicht für richtig halten und die eigentlich nur dazu führen, dass wir uns schlecht fühlen und unsere gute Laune verlieren.

Diese Überlegung, mit der wir sicherlich alle übereinstimmen, beinhaltet eine merkwürdige, aber sehr wichtige Nuance. Was meinen wir denn damit, wenn wir den Ausdruck „du selbst sein“ verwenden? Was bedeutet es, man selbst zu sein? So seltsam es auch scheinen mag, es gibt viele Menschen, die es noch nicht geschafft haben, diesen Muskel, das Herz der individuellen Persönlichkeit, zur Gänze zu formen.

Uns selbst zu definieren, zu wissen, wo genau unsere Grenzen liegen, was unsere Leidenschaften sind, eine gründliche Reflexion all dessen, was wir bereits erlebt haben, durchzuführen, und sich darüber im Klaren zu sein, was wir wirklich wollen – all das sind Beispiele für diesen Grundstein der psychischen Gesundheit. Denn unsere eigene Essenz zu verteidigen und zu schätzen, was wir sind, bedeutet Wohlbefinden und Vitalität.

Daher ist es üblich, Menschen zu sehen, die sich dadurch definieren, was sie tun: „Ich bin Polizist“, „Ich bin Fahrschullehrer“, „Ich bin Arbeiter in einer Fabrik“, „Ich bin der Vater zweier Mädchen“. Doch neben dem, was wir tun, oder was wir eben nicht tun, gibt es auch noch etwas anderes. Denn Menschen sind nicht nur das, dem sie sich verschrieben haben, sondern all das, was sie träumen zu sein, was sie bereits erlebt haben, was sie nicht wollen, was sie vom Leben erwarten. Und all das verdient es, täglich von uns verteidigt und geschützt zu werden.

„Echte Menschen sind voller imaginärer Wesen.“

Graham Greene

Frau, die einen beleuchteten Schirm hält

Die Schwierigkeit, jeden Tag du selbst zu sein

Jeden Tag aufs Neue tritt dieser Hunger nach Authentizität auf. Wir wollen in jeder Entscheidung wir selbst sein, wir wollen Harmonie in jeder unserer Beziehungen, ohne auf Falschheit und Lügen zu stoßen, ohne auf Dinge eingehen zu müssen, die uns nicht wirklich ausmachen. Wir sind im Wesentlichen immer danach bestrebt, unser persönliches Epizentrum zu schützen, in dem sich unsere Identität befindet. Es ist uns eine Herzensangelegenheit, dass niemand dieses Gleichgewicht zerstört.

Und dennoch geschieht es. Fast ohne es zu wissen, hören wir bei der Arbeit auf, wir selbst zu sein, während wir Aufgaben nachgehen, mit denen wir uns nicht identifizieren können und die uns nicht wichtig sind. Wir hören auf, wir selbst zu sein, wenn wir „Ja“ zu einem Partner, einem Angehörigen oder einer anderen Person sagen, obwohl wir eigentlich ein klares und lautes „Nein“ aussprechen wollen.

Früher oder später kommt dieser Moment, in dem wir uns selbst im Spiegel betrachten und, obwohl wir diese bekannten Merkmale, unsere Nuancen, Gesten und Details erkennen können, so sehen wir doch auch mit großer Angst, dass wir damit aufgehört haben, wir selbst zu sein, nur um das zu sein, was die Welt von uns fordert.

Deprimierter Mann, der betrübt aus dem Fenser blickt

Nicht wir selbst zu sein tut weh und führt uns von unserem Weg ab

Der Psychologe Mark Leary, Professor an der Duke University (North Carolina, USA), warnt uns vor etwas Wichtigem. Wenn ein Mensch seinen Mangel an Authentizität wahrnimmt, erlebt er großes Leid. Das heißt, in dem Moment, in dem wir damit aufhören, wir selbst zu sein, erscheint diese Frustration, die sehr leicht zu Depressionen führen kann.

  • Darüber hinaus wurde in einer Studie der Harvard University (Massachusetts, USA) festgestellt, dass das Schlagwort in vielen Arbeitsumgebungen „Authentizität“ lautet. Gleichzeitig sind wir jedoch dazu verpflichtet, Teil eines komplexen Arbeitsteams zu sein, in dem wir den Anweisungen der Manager zu folgen haben und sehr spezifische Ziele erreichen müssen. All dies ist wie ein zweischneidiges Schwert.
  • Es ist sehr kompliziert, wir selbst zu sein, wenn wir uns in solchen definierten, starren und wettbewerbsorientierten Umgebungen befinden. So treten allmählich Angst, Stress und Unbehagen auf, wenn wir uns bewusst werden, dass wir sehr weit davon entfernt sind, authentisch zu sein – und uns ganz im Gegenteil untergeordnet und entfremdet fühlen.

Wenn es uns an Authentizität fehlt, müssen wir, ob wir nun wollen oder nicht, ein Gleichgewicht zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir brauchen, finden. Sozusagen zwischen dem, was wir wirklich sind, und dem, was wir tun. Wir müssen daher besonders Rücksicht darauf nehmen, dass es nicht immer einfach ist, uns selbst treu zu bleiben. Es erfordert von uns, dass wir lernen, überzeugende und mutige Entscheidungen zu treffen.

Traue dich, du selbst zu sein, und du wirst an Gesundheit und Wohlbefinden gewinnen

Dort, wo du nicht du selbst sein kannst, solltest du eine gewisse Distanz an den Tag legen. An jenen Orten, an denen es nicht gern gesehen wird, dass du dich ausdrückst oder deinen Wert zeigst, dort, wo andere es wagen, deine Herrlichkeit, dein Lachen und deine Ideale zu untergraben, von dort solltest du fliehen. Denn was nützt uns ein Leben, das solches Leiden beinhaltet? Es ist weder logisch noch zulässig; darum sollten wir in dem Moment, in dem wir erkennen, dass man unser Selbstwertgefühl und unsere Würde angreift, die folgenden Gedanken reflektieren.

Entscheidungen, die auf Selbsterkenntnis basieren

  • Heutzutage stammen viele Ideen der Psychologie aus existenziellen Strömungen. Eine von ihnen erinnert uns daran, dass von uns selbst ein gewisses Engagement notwendig ist, um ein authentisches Leben genießen zu können.
  • Dies bedeutet, dass wir uns selbst genügend Raum zum Nachdenken geben müssen, um beurteilen zu können, ob das, was wir jeden Tag tun, das, was wir sagen, antworten, entscheiden, zu unserem wahren Selbst passt.
  • So ist es zu empfehlen, sich täglich zu fragen, ob wir uns gut mit den Dingen fühlen, die wir getan haben? Auf unsere aufrichtigen und ehrlichen Antworten sollten dann mutiger Entscheidungen folgen.
Glückliche Frau, die ihre Hände dem Sonnenuntergang entgegenstreckt

Erinnere dich an das, was du verdient hast

Wenn du jeden Tag deines Lebens damit verbringen willst, du selbst zu sein, dann denke immer daran, was du verdient hast. Berücksichtige deinen Wert, lerne aus der Vergangenheit, setze dir neue Ziele und lasse dich vor allem nicht an zweiter Stelle stehen. Du bist kein Nebendarsteller in deinem Leben, du bist der Protagonist.

Wir alle haben das Recht, eine vollständige Existenz zu leben, die mit unseren Interessen und Leidenschaften im Einklang steht. Wir alle wachsen täglich und niemand sollte uns mit seiner Anwesenheit daran hindern. Daher geht es im Wesentlichen darum, bedacht zu entscheiden, wo wir unsere Wurzeln schlagen wollen, ohne dabei zu vergessen, dass wir genau das verdienen, wovon wir träumen.

  • Strobel, M., Tumasjan, A., & Spörrle, M. (2011). Be yourself, believe in yourself, and be happy: Self-efficacy as a mediator between personality factors and subjective well-being. Scandinavian Journal of Psychology52(1), 43–48. https://doi.org/10.1111/j.1467-9450.2010.00826.x
  • Rosh, L., y Offermann, L. (2013). Sé tú mismo, pero con cuidado. Harvard Business Review , (OCT).