Echoistische Persönlichkeit: Definition und Merkmale

6. Januar 2019

Nach Craig Malkin können wir die echoistische Persönlichkeit wie folgt definieren: „Je weniger sich Menschen besonders fühlen,desto bescheidener werden sie, bis ihr Selbstwert schließlich so weit gesunken ist, dass sie sich nutzlos und machtlos fühlen.“  Mit anderen Worten, eine echoistische Persönlichkeit zu haben bedeutet nicht Bescheidenheit, sondern die Angst, ein egozentrisches, narzisstisches und egoistisches Bild zu projizieren, das Ablehnung und Kritik hervorrufen könnte.

Infolgedessen versuchen diese Menschen, ihr Ich und ihre Bedürfnisse völlig zum Schweigen zu bringen. Das heißt, sie wollen nicht, dass andere sie besonders fühlen lassen. In der Tat, wenn das passiert, beginnen sie, sich sehr unwohl zu fühlen und sogar wütend zu werden.

Um zu verstehen, worum es beim Echoismus geht, wollen wir uns die Geschichte von Echo anschauen.

Echo war eine Nymphe, die im Wald lebte. Sie hatte eine schöne, süße Stimme und liebte es, zu reden. In ihrer Beredsamkeit wollte Echo immer das letzte Wort haben. Eines Tages bestrafte die Göttin Hera Echo, weil sie sie getäuscht hatte, und sagte wütend zu ihr: „Von diesem Moment an wirst du nicht mehr sagen können, was du willst, und da du immer das letzte Wort haben willst, wirst du von nun an nur das letzte Wort wiederholen können, das du hörst!“

Eines Tages, als Echo durch den Wald ging, traf sie Narziss, einen hübschen jungen Hirten, in den alle Nymphen verliebt waren, der sie aber zurückwies.  Echo verliebte sich innig in ihn und beschloss, ihm durch den Wald zu folgen. Plötzlich hörte Narziss ein Geräusch zwischen den Zweigen und fragte: „Ist da jemand?“ Er lauschte in den Wald hinein. „Jemand“, antwortete Echo sogleich. „Komm heraus“, rief Narziss. Und Echo wiederholte: „Heraus.“

Und als sie sich trafen, umarmte Echo Narziss, aber er wies sie ab, wie er es gewohnt war.

Die Göttin Nemesis bestrafte Narziss für seine Überheblichkeit, indem sie ihn fühlen ließ, was die Nymphen fühlten. Als er Wasser aus einer kristallinen Quelle trank, konnte er sein Bild sehen. Er dachte, sein Spiegelbild sei ein reales Wesen und verliebte sich innig in sich selbst.  Nichts anderes war ihm mehr wichtig und er blieb bei der Quelle, aus Angst, sein Abbild zu verlieren. Nach und nach verwandelte sich Narziss in eine schöne Blume.

Echo hingegen flüchtete sich in Höhlen und auf Bergspitzen, wo ihr physischer Körper langsam schwand, bis nur mehr ihre Stimme blieb, die bis heute das letzte Wort wiederholt, das äußerst, wer sich ihr nähert.

Nymphe mit Lampen im Wasser

Die Psychologie wurde von einem Mythos inspiriert, um die narzisstische Persönlichkeit als solche zu benennen, aber man vergaß die Rolle der Nymphe Echo. Zumindest bis jetzt. Der US-amerikanische Psychologe Craig Malkin war fasziniert von der Rolle der Echo als Gegenpol zu Narziss und stellte Ähnlichkeiten mit einigen Menschen fest, sodass er sich der Erforschung dessen widmete, was er die echoistische Persönlichkeit nannte.

„Wir müssen so vorgehen, dass wir nicht vor uns selbst erröten.“

Baltasar Gracián

Merkmale der echoistischen Persönlichkeit

1. Angst, sich besonders zu fühlen

Die echoistische Persönlichkeit fürchtet es, als eitel angesehen zu werden oder im Mittelpunkt zu stehen, wenn sie den Blick anderer auf sich zieht, selbst wenn das aus guten Gründen geschieht.

Das charakteristische Merkmal von Echoisten ist die Angst, ein narzisstisches Bild zu projizieren, zu sehr von sich selbst erfüllt zu scheinen. Infolgedessen fühlen sie sich oft unwohl, wenn sie Aufmerksamkeit erhalten, besonders wenn sie positiver Natur ist. Deshalb ziehen es diese Menschen vor, unbemerkt zu bleiben, zu sein, ohne zu sein.

2. Unterdrückung von Bedürfnissen

Echoisten drücken nie ihre Wünsche aus, auch nicht in ihren persönlichen Beziehungen. Wie Craig Malkin betont, „haben sie Angst davor, eine Last zu werden, und es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass sie es hassen, Bedürfnisse zu haben„.  Also verstecken sie sie.

Sie glauben fest daran, dass sie, um die Liebe anderer zu gewinnen, so wenig wie möglich verlangen und so viel wie möglich geben müssten. Dies führt dazu, dass sie ihre Bedürfnisse vernachlässigen, sich anderen zu sehr hingeben, was oft zu Unzufriedenheit und Unglück führt, da ihre emotionalen Bedürfnisse weiterhin bestehen, aber nicht erfüllt werden.

3. Extreme emotionale Sensibilität

Der Echoismus ist eng mit der emotionalen Sensibilität verbunden. Es ist üblich, dass diese Menschen von Geburt an eine extreme Sensibilität zeigen. Weil sie so sensibel sind, schämen sie sich sehr, wenn sie bestraft oder getadelt werden. Tatsächlich wird angenommen, dass der Echoismus eine Art defensive Introversion sei. Echoisten folgen der Idee, dass, wenn sie unbemerkt blieben, niemand in der Lage sei, sie zu demütigen, sie in Verlegenheit zu bringen oder sie zu verletzen.

„Wenn die Seele damit beschäftigt ist, Scham zu fühlen und sie zu überwinden, kann sie kein Vergnügen empfinden.“

Stendhal

Traurige Frau in lila Tönen

4. Geringes Selbstwertgefühl

Die echoistische Persönlichkeit ist mit einem geringen Selbstwertgefühl verbunden. Sich wenig besonders zu fühlen oder zu denken, dass man es nicht wert sei, berücksichtigt zu werden, impliziert ein negatives Bild von sich selbst.

Das fehlende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wird zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, sodass diese Menschen selten ermutigt werden, Projekte anzugehen oder ihre Träume zu verfolgen. Sie empfinden so wenig Liebe zu sich selbst, dass das Leben sie am Ende verschlingt.

5. Schwierigkeiten, zu wissen, was sie wollen

Menschen mit einer echoistischen Persönlichkeit widmen sich so sehr der Befriedigung der Bedürfnisse anderer und dem Verstecken ihrer Wünsche, dass sie die Verbindung zu ihrem Ich verlieren, sodass sie sich verloren fühlen können, wenn jemand sie fragt, was sie wollen. Diese Unfähigkeit, sich mit den eigenen Bedürfnissen zu verbinden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine emotionale Abhängigkeit von anderen entwickeln, was genau das ist, was sie zu vermeiden versuchen.

6. Sie sind ein Magnet für Narzissten

Laut Malkin führen diese Verhaltensmuster zu einer weiteren Konstante im Leben von Echoisten: Sie neigen dazu, sich in Narzissten zu verlieben. Denn Echoisten haben solche Angst, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, dass „jemanden zu haben, der diesen ganzen Raum nur allzu gern einnimmt, als eine Erleichterung empfunden wird“.

Das Problem, so der Psychologe, ist, dass „wenn Narzissten Missbrauch üben, sich Echoisten die Schuld für diesen geben, was oft mit Sätzen wie „Ich erhoffe mir zu viel“, „Ich bin zu empfindlich“ oder „Ich hätte nicht zurückkommen sollen“  begründet wird.

  • Malkin, C. (2015). Repensando el narcisismo: el mal-y sorprendente bien-sobre el sentimiento especial . Harper Collins Editores.