Dolores: Unterschätze niemals die Stärke einer Mutter

08 Dezember, 2020
Dolores ist ein Klassiker von Stephen King. Es ist die Geschichte einer Mutter, die vor nichts Halt macht, um Hoffnung in das Leben ihrer Tochter zu bringen. 

Unter einem grauen und melancholischen Himmel erschuf Stephen King mit Dolores eine weitere labyrinthische Tragödie. Sie ist in vielerlei Hinsicht mit dem Roman Das Spiel (Originaltitel: Gerald´s Game) verknüpft. Und gemäß dieser Quelle scheint es, dass die beiden Geschichten ursprünglich Teil desselben Romans mit dem Titel In the Path of the Eclipse sein sollten. Obwohl King Das Spiel zuerst geschrieben hatte, erschien dieser Roman erst im Jahr 2017.

Dolores ist eine Horrorgeschichte, aber keine übernatürliche. Alle Elemente im Film entstehen durch alltäglichem Horror wie Alkoholismus, geschlechtsspezifische Gewalt, Demütigung, Entmenschlichung, Ausbeutung von Arbeitskräften und Kindesmissbrauch

Dolores Claiborne (Kathy Bates) war die Haushälterin und Pflegerin von Vera Donovan (Judy Parfitt), einer gebrechlichen alten Dame, die nach einem Treppensturz verstorben ist. Detective John Mackey (Christopher Plummer) ist fest entschlossen, Dolores Schuld an Veras Tod zu beweisen.

Für all das gibt es eine Vorgeschichte. Denn der Detective hatte vor fast zwanzig Jahren auch schon den “zufälligen” Tod von Dolores´ Ehemann (David Strathairn) untersucht. Obwohl er sich sicher war, dass sie ihn umgebracht hatte, konnte er ihr den Mord aber nicht nachweisen.

Als Selena (Jennifer Jason Leigh) von der Verhaftung ihrer Mutter erfährt, kehrt sie in ihr Elternhaus zurück. An jenen Ort, der Schauplatz vieler traumatischer Erinnerungen sowohl für sie als auch für ihre Mutter Dolores war.

Die Geschichte von Dolores

Dolores Claiborne arbeitet für mehr als 20 Jahre für Vera Donovan. Allerdings war das keine einfache Aufgabe. Denn Vera verlangte beispielsweise von Dolores, dass sie jedes Wäschestück mit sechs anstatt fünf Wäscheklammern aufhängte und dies stets im oberen Teil des Gartens. Dieses Ritual musste sie das ganze Jahr über befolgen.

Nach Selenas Rückkehr kehrten Mutter und Tochter in das baufällige Haus der Familie zurück. Selena raucht, trinkt Alkohol und nimmt verschiedene Tabletten, um ihren Stress und ihre Anspannung unter Kontrolle zu halten.

Das neue Umfeld löst große Ängste in ihr aus, welche wiederum die Ressentiments verstärken, die sie ihrer Mutter gegenüber hat. Denn sie vermutet, dass diese etwas mit dem Tod ihres Vaters zu tun hatte, als dieser am Nachmittag der totalen Sonnenfinsternis in einen nicht mehr genutzten Brunnen fiel.

Die totale Sonnenfinsternis

Während Selena ihrer Mutter “auf ihre eigene Weise” hilft, hilft Dolores ihr dabei, die Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch wieder zu erwecken, den sie als Kind durch ihren eigenen Vater erfahren hat. Aufgrund dieses sexuellen Missbrauchs und des Diebstahls aller Ersparnisse, die für Selenas Collegezeit gedacht waren, wird offensichtlich, dass er tatsächlich von Dolores umgebracht wurde.

Denn sie nutzte damals die totale Sonnenfinsternis, um einen perfekten Plan zu schmieden, sodass die Polizei nicht herausfinden würde, dass sie es war.

Nun, zwanzig Jahre später, kehrt der Detective, der sie damals schon beinahe überführt hatte, wieder zurück, um Veras Tod zu untersuchen. Und er ist fest dazu entschlossen, sie dieses Mal einzusperren. Er steht kurz vor der Pensionierung und möchte keine ungelösten Fälle hinterlassen.

Dolores, eine Mutter, die ihre Tochter schützen will

Dolores ist eine Mutter, die sich dem widmet, was sie als das Glück ihrer Tochter betrachtet. Allerdings sieht sie sich gleichzeitig auch mit der Tatsache konfrontiert, dass sie keine natürliche Fähigkeit dazu hat, dies ihrer Tochter auch so mitzuteilen. In der Tat gewinnt die Geschichte an Intensität, als diese Blockade offensichtlich wird. Es scheint, als hätte sie all ihre Emotionen aus ihrem Leben verbannt, nur um den Schmerz zu lindern.

Der Vater ist jemand, den man einfach nicht verstehen kann. Er erscheint als Person, die Emotionen eliminiert. Sein Charakter erzeugt im Zuschauer eigentlich nur Ablehnung und zeigt, dass einige Menschen ihren Humanisierungsprozess offensichtlich noch nicht abgeschlossen haben. Aber letztendlich dient diese Figur im Film auch nur dazu, dem Zuschauer beim Verständnis der Beziehung zwischen Mutter und Tochter und des daraus resultierenden Verhaltens zu helfen.

Frauen in einer Männerwelt

Die Frauen in diesem Film leben in einer Welt voller Männer, die versuchen, sie zu trennen und sie zum Schweigen zu bringen. Der Film zeigt die Art und Weise, wie eine patriarchalische Gesellschaft ältere Frauen so lange ignoriert, bis sie etwas scheinbar Abscheuliches tun.

Diese Frauen werden bei jedem Schritt, den sie in ihrem Leben gehen, unterschätzt. Und die Stärke, die sie finden, beruht oft auf den Beziehungen mit den Frauen in ihrem Umfeld. Der Film konzentriert sich auf diese Dynamik, die wir alle schon hunderte Male im realen Leben erlebt und gesehen haben.

So bekommt Dolores endlich die Gelegenheit, ihrer Tochter die Wahrheit zu erzählen. Während sich Selena das Geständnis ihrer Mutter anhört, erkennt sie deren Stärke. Dolores verlor beinahe alles, als sie versuchte, ihre Tochter vor dem Mann zu beschützen, der sie missbrauchte.

Dieser Akt der Ehrlichkeit ermöglicht es Selena, sich selbst in ihrer Mutter zu sehen und zu erkennen, dass sie zusammengehören. Denn sie sind gemeinsam an diesen Ort zurückgekehrt, um all diese Schmerzen und den Missbrauch zu verarbeiten.

Kathy Bates ist die perfekte Schauspielerin für die Rolle der Dolores. Denn ihre schauspielerische Darstellung ist gleichermaßen kämpferisch und tragisch. Auch Jennifer Jason Leigh gelingt es, den langsamen Zerfall von Selena eindrücklich darzustellen. Die verzweifelte Beziehung zwischen Selena und Dolores ist es, was den Film antreibt. Und dies wird durch die stürmische Freundschaft zwischen Vera und Dolores noch weiter akzentuiert.

Darüber hinaus ist auch Veras Rolle exzellent. Denn sie erinnert daran, dass Frauen in alle möglichen Situationen verstrickt sind. Alle drei Frauen zeigen eine Front des Widerstandes gegen eine Welt, die sie zu Opfern gemacht hat. Aber wie Vera anmerkt, “manchmal ist ein Miststück sein alles, woran eine Frau sich halten sollte“.

Dolores - Filmszene

Ein Höhepunkt überschäumender Emotionen

Der Film schreit förmlich nach einem anderen Ende, einem, in dem es Selena gelingt, ihre Emotionen anzunehmen. Was das Publikum braucht, ist eine große, sentimentale Welle von Emotionen.

Aber stattdessen herrscht weiterhin eine Atmosphäre der Kälte, wenn auch leicht abgemildert durch die Andeutung, dass sich die Distanz zwischen Mutter und Tochter etwas verringert hat.

Obwohl dies kein emotional befriedigendes Ende ist, ist es dennoch ein realistisches. Der Film erzählt über schreckliche Ereignisse in einer Familie, die Spuren in unseren Herzen und Emotionen hinterlassen. Auch wenn wir liebend gerne ein anderes Ende gesehen hätten, ist das, was wir sehen, ein sehr realistisches und aufrichtiges.