Die Zeit heilt alle Wunden?

11. Januar 2016 en Emotionen 2 Geteilt

Halte weder an der Vergangenheit fest
noch an traurigen Erinnerungen.
Öffne nicht die Wunde, die bereits vernarbt ist.
Lass nicht die alten Leiden wieder aufleben.
Was vorbei ist, ist vorbei…
Von jetzt an
setze deine Kräfte daran, ein neues Leben aufzubauen,
das in die Höhe schaut, und gehe vorwärts,
ohne nach hinten zu schauen.

Mach es wie die Sonne, die jeden Tag neu aufsteht,
ohne an die vergangene Nacht zu denken.
Komm, steh auf…
Weil das Sonnenlicht draußen ist!

Jaime Sabines

Ich fühle mich schlecht wegen etwas, das mir nicht mehr wichtig sein sollte. Es ist ein Schatten, der mich immer begleitet. Er erscheint mir so schwer, ich glaube, er heißt Vergangenheit. Ich träume davon, dass der Moment kommt, in dem ich ihm „Tschüss“  sagen kann und es aufhört, mich zu quälen. Vielleicht geht es dir genauso oder es ging dir irgendwann einmal so.

Es ist eine Sache, zweimal über denselben Stein zu stolpern und es ist eine andere, ihn gernzuhaben. Nun, mir scheint, wir sind der lebende Beweis des letzteren. In Wirklichkeit weigere ich mich, zu glauben, dass die Reiberei Zuneigung erweckt, weil es so töricht ist, etwas zu lieben, dass dich zum Stolpern bringt und dir Leid zufügt.

Ich habe mal gehört, dass das Leben drei geometrische Unfälle beinhaltet: Teufelskreise, Dreiecksbeziehungen und Quadratköpfe. Ich denke, wir könnten uns in allen dreien prüfen lassen und würden mit summa cum laude bestehen. Ich frage mich, was wir falsch machen, dass wir wieder und wieder in dieselbe peinliche Hölle fallen.

Es ist schwer, darüber zu reden, weil das würde bedeuten, dass wir einsehen, in Abhängigkeit von unserer Vergangenheit zu leben und unsere Gefühlen versuchen, darin zu leben. Und dann kommt der Punkt, an dem es mich nachdenken lässt und ich mich frage, ob es nicht die Zeit war, die alles heilen sollte. Wenn ja, macht sie ihre Aufgabe wirklich schlecht.

Auf jeden Fall bin ich zu dem Fazit gekommen, dass wir getäuscht wurden, denn ich kann bis jetzt höchstens bestätigen, dass die Zeit das Leid in ihr Wohnzimmer aufgenommen hat.

Mit dieser Hoffnung zu leben ist, was uns umbringt, deshalb glaube ich, dass der Moment gekommen ist, uns dem stellen und das zu akzeptieren. Schließlich sind die Nöte, die wir gerade wieder durchleben, nicht die einzigen aus unserer Vergangenheit. Es ist nur so, dass wir die vorherigen bereits überwunden haben und sie uns nicht mehr wehtun. Ich schätze, diesmal war es anders, weil der Schmerz uns überraschenderweise und wehrlos ergriffen hat.

Wunden

Wahrscheinlich schaust du um dich herum und alles ist gut, aber plötzlich verspürst du eine tiefe Trauer, die dich überkommt, die sich in Schuld verwandelt und dir eine große Last wird. Dies ist ein kompliziertes Gefühl, weil es aus dem Nichts kommt. Also machen wir uns dafür verantwortlich, bezeichnen unsere Gefühle als egoistisch, während sie in Wirklichkeit nur danach streben, dass wir ihren Raum respektieren.

Gewiss ist, dass es sehr hart ist, in einem ewigen Auf und Ab zu leben, weil wir das Schiff der Traurigkeit lenken, das keine Erklärung hat, aber ich glaube, dass wir es verstehen werden und bald den Schlüssel finden werden, der die Tür zur Versöhnung mit uns selbst öffnet.

Wir werden sehen, das Problem liegt darin, dass wir unsere Konflikte und Erfahrungen begraben und glauben, dass dies uns von ihnen befreien wird, aber nichts liegt weiter entfernt von der Wirklichkeit als diese Vorstellung. Die Wunde zu bedecken hilft ihr nicht zu vernarben. Dies zu tun ist also nur ein Handgriff der Ersten Hilfe: Er kann uns das Leben retten, aber er hilft uns nicht, uns zu reparieren. Deshalb ist die Stunde gekommen, uns einem Eingriff am offenen Herzen zu unterziehen.

Wir vermeiden die Erinnerung daran, aber „das, was war“ lebt mit uns und das Träumen überrascht uns, wenn wir es am wenigsten erwarten. Es ist eine simple Frage von Impulsen, von etwas, das heraus will und das ein weiteres Symptom dessen zeigt, was wir in der Vergangenheit erlebt haben. Wir fühlen uns begrenzt und wissen nicht, warum. Etwas hindert uns daran, das Beste von uns zu geben und es gibt keinen sichtbaren Grund dafür.

Wir haben uns zu Spezialisten darin gemacht, unser inneres Leben zu rationalisieren, ohne uns dessen bewusst sein, dass wir uns innerlich auffressen. Ich glaube, dass die Stunde gekommen ist, in unsere Vergangenheit zu treten und nicht zu erlauben, dass unsere Gefühle in ihr wohnen.

Es ist der Moment, in dem du und ich untersuchen und uns der Situation stellen, in dem wir den Schlüssel zu unserem Vorhängeschloss finden und weiter auf unserem Boot den Weg der Freiheit entlang segeln.

Und liebes Schicksal, wenn etwas nicht für mich sein wird, stell es nicht in meinen Weg. Ich habe meine Lektion bereits gelernt. Ich habe bereits nach hinten geschaut und verstanden, dass nichts wieder so sein kann wie es vorher war und dass passiert ist, was passiert ist.

Jetzt verstehe ich, dass die Zeit meine Tränen nicht zurückhalten wollte, weil sie mich lehren wollte, dass wir nicht mit dem stark sein können, was unsere Schwäche ist. Und dass man nicht aus der Vergangenheit lebt, sondern dass man aus der Vergangenheit lernt und nichts und niemand, außer uns selbst, uns davon befreien kann. Es ist ein großer Fehler, in der Gegenwart zu leben und an eine Vergangenheit zu denken, die keine Zukunft mehr hat.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Valentina Photos und Zalstoskiy Victor

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