Die Zeichnung eines Kindes: Phasen und Entwicklung

8. September 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Zeichnung eines Kindes - Junge kritzelt auf ein Blatt Papier

Kinder lieben es, zu malen und zu zeichnen. Es ist eine Art, wie sie die von ihnen wahrgenommene Welt darstellen können. Sie können dabei auswählen, ob sie etwas aus ihrer eigenen Fantasie oder ihre Sicht auf die Realität zum Ausdruck bringen möchten. Wenn wir uns die Zeichnung eines Kindes anschauen, bekommen wir deshalb einen Eindruck davon, wie es die Welt um sich herum wahrnimmt.

Die Beziehung zwischen den Bildern, die im Kopf eines Kindes existieren, und ihren Zeichnungen ist sehr eng. Bei den mentalen Bildern handelt es sich um verinnerlichte Imitationen der Wirklichkeit, die als Zeichnungen wiedergegeben werden. Wenn wir daher die Entwicklung der Zeichnungen eines Kindes untersuchen, werden wir die Entwicklung des Menschen besser verstehen.

Die Stadien der Zeichnung eines Kindes

In diesem Artikel werden wir über Studien von Luquet sprechen, welche er zur Entwicklung einer Kinderzeichnung durchgeführt hat. Zuallererst sei erklärt, dass die Zeichnungen eines Kindes realistisch sind. Der Grund liegt darin, dass Kinder sich mehr darauf konzentrieren, die Eigenschaften der von ihnen wahrgenommene Welt abzubilden als ihrer künstlerischen Kreativität freien Lauf zu lassen. Die Stadien der Zeichnungen eines Kindes lauten entsprechend: (a) Zufälliger Realismus, (b) Verfehlter Realismus, (c) Intellektueller Realismus und (d) Visueller Realismus.

Zufälliger Realismus

Der Akt des Zeichnens beginnt als eine Erweiterung der motorischen Fähigkeiten des Kindes. Deshalb sind die ersten Kreationen eines Kindes immer solche, die wir als Skizzen bezeichnen mögen. Diese Kritzeleien sind erste Experimente mit gerade erst erlangten motorischen Fähigkeiten. Sie bilden die Grundlage für die kommenden Phasen.

Kritzeleien bilden die erste Phase der Kinderzeichnungen.

Sehr bald beginnt das Kind, zufällige Ähnlichkeiten zwischen seinen Zeichnungen und der Welt zu erkennen. Es wird in der Regel versuchen, seine Realität zeichnerisch zu erfassen, auch wenn es dazu möglicherweise (noch) nicht in der Lage ist. Wenn du es fragst, was es denn gemalt habe, könnte es dir zunächst sagen, es sei nichts. Sobald das Kind jedoch eine Ähnlichkeit zwischen seiner Zeichnung und seiner Realität feststellt, wird es sie als eine echte Abbildung betrachten und dir entsprechend antworten.

Diese Stufe wird zufälliger Realismus genannt, da die Darstellung der Wirklichkeit erst nach oder während des Zeichnens erfolgt. Es besteht also keine wirkliche Absicht, das zu zeichnen, was es letztendlich aufs Papier schafft. Die Ähnlichkeit ist ein Zufall. Das Kind betrachtet das Ergebnis jedoch mit Enthusiasmus. Sobald es die Ähnlichkeit feststellt, versucht es vielleicht tatsächlich, die eigene Zeichnung zu verbessern und Details hinzuzufügen.

Verfehlter Realismus

In dieser Phase versucht das Kind, etwas zu zeichnen, was es in seinem Kopf hat. Leider sind seine Absichten aufgrund gewisser Hindernisse nicht von Erfolg gekrönt und es scheitert. Das Haupthindernis sind in dieser Phase noch seine motorischen Fähigkeiten. Diese sind nicht ausreichend entwickelt, um das reproduzieren zu können, woran es denkt. Ein anderes Problem ist die Aufmerksamkeitsspanne des Kindes. Er achtet nicht genug auf das, was es tut, und übersieht wesentliche Details, die die Zeichnung haben müsste, um als Darstellung des erdachten Objekts erkannt zu werden.

Laut Luquet sei der wichtigste Aspekt dieser Phase die „synthetische Unfähigkeit“. Dabei handele es sich um die Schwierigkeit des Kindes, die Elemente einer Zeichnung zu organisieren, zu arrangieren und sich zu orientieren. Beim Zeichnen sei die Beziehung zwischen den einzelnen Elementen jedoch sehr wichtig, sodass die richtige Organisation dieser Elemente die Zeichnung zu einem Erfolg oder Misserfolg macht.

In diesem Stadium ihrer Entwicklung haben Kinder jedoch Probleme damit. Wenn sie zum Beispiel ein Gesicht zeichnen, könnte es sein, dass sie den Mund über die Augen malen.

Intellektueller Realismus

In dieser nächsten Phase hat das Kind die Hindernisse der vorherigen Stufe überwunden. Nichts kann nun verhindern, dass die Zeichnung des Kindes realistisch wird. Es ist jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich der kindliche Realismus vom erwachsenen Realismus unterscheidet. Das Kind bildet die Realität nicht ab, wie es sie sieht, sondern wie es sie sich vorstellt. Deshalb nannte Luquet diese Phase intellektuellen Realismus.

Es ist möglicherweise die Phase, die für die Forschung die interessanteste ist. Während dieser Phase werden wir zwei wesentliche Merkmale sehen, die in den Zeichnungen des Kindes repräsentiert sind: Transparenz und Vermeidung.

Ein Elefant gemalt im Inneren einer Schlange.

Wenn wir von Transparenz sprechen, beziehen wir uns auf die Tatsache, dass das Kind Dinge zeichnet, die eigentlich verborgen sind. Es lässt alles weg, was bestimmte Objekte normalerweise versteckt. Die Zeichnungen eines Kindes sind transparent und ermöglichen einen Blick auf die Dinge, die in seinem Inneren liegen. Beispielsweise zeichnet es ein Huhn in ein Ei oder Füße in Schuhe.

Der Prozess der Vermeidung besteht darin, dass Kinder die Perspektive ignorieren. Ein Beispiel dafür ist, die Fassade eines Hauses vertikal und das Innere der Räume von oben zu zeichnen.

Diese beiden Eigenschaften zeigen uns, wie irrelevant visuelle Faktoren sind, wenn es ihm darum geht, etwas in seinen Zeichnungen auszudrücken. Stattdessen bezieht sich das Kind auf seine mentale Wiedergabefähigkeit und versucht, das darzustellen, was es in seiner Zeichnung erkennen möchte. Deshalb erscheinen „Fehler“, wie die Transparenz undurchsichtiger Dinge oder die Perspektivlosigkeit bestimmter Objekte.

Visueller Realismus

Ab einem Alter von acht oder neun Jahren kann ein Kind fast wie ein Erwachsener zeichnen. Jetzt kann das Kind die Realität so darstellen, wie es sie sieht. Um dies zu tun, hält sich das Kind an zwei Regeln: Perspektive und Einhaltung des visuellen Modells, der sichtbaren Vorlage.

Die spezifischen Eigenschaften des intellektuellen Realismus verschwinden nun vollständig. Das Kind verschweigt keine sichtbaren Objekte, übernimmt eine einzige Perspektive und behält das Verhältnis der Dimensionen bei. Es nimmt den visuellen Realismus an. Aus diesem Grund verlieren Kinderzeichnungen mit der Zeit ihr kindliches Aussehen. Viele Kinder beginnen allerdings auch, ihr Interesse am Zeichnen zu verlieren, da sie erkennen, dass ihre Zeichnungen nie vollkommen realistisch aussehen werden.

Als Schlussfolgerung wollen wir erwähnen, dass diese Stadien des Zeichnens und Malens in der Entwicklung eines Kindes nicht so linear verlaufen, wie wir vielleicht annehmen. Es lassen sich immer einige Kinder finden, die weiter fortgeschritten sind, und andere, die länger in einer bestimmten Phase verbleiben. Kinder, denen das Zeichnen sehr schwerfällt, entscheiden sich eher für den Verbleib in einer früheren Phase.

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