"Die Situation könnte schlimmer sein" - Ist diese Aussage wirklich hilfreich?

04 Februar, 2021
"Keine Sorge, die Situation könnte doch viel schlimmer sein!” Diese oder ähnliche Aussagen hören Menschen häufig, wenn sie sich in einer schwierigen Situation oder Lebensphase befinden. Aber sind derartige Phrasen tatsächlich hilfreich? Ist es sinnvoll oder in irgendeiner Art und Weise vorteilhaft, die Erfahrungen anderer Menschen zu verharmlosen und herunterzuspielen?

Viele Menschen haben derartige Situationen schon erlebt. Du hast deinen Arbeitsplatz verloren, deine Beziehung ist in die Brüche gegangen oder du bist enttäuscht worden und wenn du diese Themen dann mit einem dir nahestehenden Menschen besprechen willst, reagiert dieser mit der abgedroschenen Phrase “Keine Sorge, die Situation könnte schlimmer sein”. Viele Menschen nutzen sie, weil sie einfach nicht wissen, wie sie sonst reagieren sollen. Aber ist eine solche Aussage oder Haltung in irgendeiner Art und Weise hilfreich für die Betroffenen?

Ganz unabhängig von der Sinnhaftigkeit dieser Aussage wird sie tatsächlich sehr häufig geäußert. Viele Menschen vergleichen ihre eigene Lebenssituation mit der anderer Menschen und nutzen diese als Referenz. Daher kann das Wissen darum, dass es Menschen gibt, die sich in einer weitaus schwierigeren Situation als du selbst befinden, manchmal etwas Linderung verschaffen.

Es ist, als ob dein Verstand verzweifelt nach etwas sucht, an dem er sich festklammern kann, um dir zu sagen “Nun, wenn du alles in Betracht ziehst, ist die Situation nicht so schlimm, wie sie sein könnte”.

Es ist eine merkwürdige Tendenz, zu der viele Menschen neigen. Darüber hinaus wurde dieses Verhalten auch von der Psychologie untersucht. Wir wissen, dass es sich um eine Art Anpassungsstrategie handelt, auf die Menschen häufig zurückgreifen. Trotzdem gibt es einige Aspekte in Bezug auf diese vermeintlich tröstenden Worte, die du berücksichtigen solltest.

Die Situation könnte schlimmer sein - Frau im Regen

“Die Situation könnte schlimmer sein” – es könnte regnen

Du bist nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause und plötzlich geht dein Auto kaputt. Du rufst den Pannendienst an. Während du niedergeschlagen wartest, versucht dein Gehirn, einen Weg zu finden, um dich zu trösten. “Die Situation könnte schlimmer sein, es könnte regnen!” Und so seltsam dies auch scheinen mag, aber derartige Gedanken können helfen.

Ein weiteres Beispiel: Du gehst zum Arzt und dort erhältst du die Diagnose Diabetes. Verständlicherweise bist du über diese Nachricht besorgt und hast Angst. Und dann sagt dein Arzt zu dir, “Keine Sorge, die Situation könnte viel schlimmer sein, es gibt zahlreiche weitaus ernsthaftere Erkrankungen.”

Anhand dieser beiden Beispiele kannst du dich in zwei sehr unterschiedliche Situationen hineinversetzen. Im ersten Beispiel führt der Gedanke daran, dass es schlimmer hätte kommen können, dazu, dass du dich besser fühlst. Aber das zweite Beispiel ist eine Falle, in die viele Menschen häufig tappen. Denn in diesem Fall wertet der Arzt durch den Vergleich mit einer anderen Situation die Ernsthaftigkeit deiner persönlichen Lage ab.

Die Tatsache, dass der Arzt dir sagt, es gäbe Menschen mit weitaus schwerwiegenderen Erkrankungen, die sich in einer schlimmeren Situation befänden, ist in diesem Fall überhaupt nicht hilfreich. Was diese Strategie tatsächlich bewirkt, ist eine Abwertung und Banalisierung der Ernsthaftigkeit deiner persönlichen Lage und Befindlichkeit.

Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass du Schuldgefühle bekommst, wenn es dir bei dem Gedanken besser geht, dass andere in einer schlimmeren Situation sind als du. Hieraus können wir schließen, dass es weder logisch noch ethisch ist, auf diese Art von Kommentaren zurückzugreifen.

“Die Situation könnte schlimmer sein”, die Phrase, die Erfahrungen von Menschen banalisiert und abwertet

Wenn es etwas gibt, womit viele Menschen Probleme haben, dann ist es das Wissen, wie man anderen Menschen Unterstützung, Begleitung und echte Hilfe bietet. Wenn du schwierige Zeiten durchlebst, wünschst du dir normalerweise nicht, dass die Menschen in deinem Umfeld die gleichen Probleme oder einen ähnlichen Verlust wie du selbst erleben. Alles, was du dir wünschst, ist etwas Verständnis und Liebe.

Dennoch gibt es viele Menschen, die auf unsensible und taktlose Phrasen wie “die Situation könnte schlimmer sein” zurückgreifen.

Stelle dir vor, du hattest einen Autounfall und die einzige Verletzung, die du erlitten hast, sind leichte Nackenschmerzen. Wenn jemand in dieser Situation zu dir sagt, dass die Situation wesentlich schlimmer hätte sein können, könnte dies dazu führen, dass du dir künftig noch viel mehr Gedanken über schwerwiegendere Konsequenzen in der Zukunft machst.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Stelle dir vor, du hast eben deinen Job verloren. In dieser Situation würde es dich vermutlich überhaupt nicht trösten, wenn dir jemand sagen würde, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können.

Wenn Menschen auf diese Weise reagieren, negieren sie deine Emotionen und deine Realität, indem sie diese mit etwas vergleichen, das überhaupt nichts mit dir zu tun hat. Und das dich darüber hinaus weder trösten noch beruhigen kann oder sollte. Wenn du weißt, dass es anderen schlechter geht als dir, wirst du dich deswegen nicht besser fühlen.

Die Situation könnte schlimmer sein - verzweifelter Teenager

Die Gefahr der Viktimisierung

In einer Studie. die von Dr. Shelley Taylor und Joan Wood der University of Texas durchgeführt wurde, gelangten sie in Bezug auf diese Thematik zu einigen interessanten Schlussfolgerungen. Es gibt jemanden, der dir noch häufiger als andere Menschen sagt, dass “die Situation hätte schlimmer sein können”. Und das bist du selber! Tatsächlich kommt dies am häufigsten vor.

Sie folgerten aus dieser Untersuchung, dass es nicht immer hilfreich ist, eine derartige psychologische Strategie zur Anpassung an Schwierigkeiten anzuwenden. Wenn das, was du gerade erlebst, sehr ernsthaft ist, kann sich die Situation dadurch oft noch verschlimmern.

Wir wollen dir dies an einem Beispiel verdeutlichen, damit du noch besser verstehen kannst, was das bedeutet. Stelle dir einen Teenager vor, der während seiner gesamten Schulzeit unter Mobbing gelitten hat.

Dieser junge Mann tröstet sich mit dem Gedanken, dass es schlimmer hätte kommen können. Zum Beispiel wurde er nie körperlich bedroht oder verletzt. Darüber hinaus empfindet er die Tatsache tröstlich, dass niemand herausgefunden hat, was ihm widerfahren ist, weder seine Eltern noch die Lehrer. Allerdings bringt dies tatsächlich keinen echten Nutzen. Er glaubt zwar, dass er nicht in der schlimmst möglichen Konsequenzen erlitten hat, aber die Realität der Situation ist eine vollkommen andere.

Die Verharmlosung des Leidens

Durch die Anwendung dieser wenig hilfreichen Strategie verharmlost der junge Mann tatsächlich nur die Erfahrungen, die er gemacht hat. Darüber hinaus setzt er sich nicht damit auseinander oder versucht, sein Leiden zu bewältigen, weil er ihm nicht die erforderliche Bedeutung zumisst. Er hat einen Abwehrmechanismus angewendet, um sich selber zu helfen. Allerdings hat er dadurch lediglich versucht, das Trauma zu vermeiden. Wie du siehst, macht er die Situation dadurch nur noch schlimmer und hat sie nicht ansatzweise gelöst.

Daher lässt sich zusammenfassend feststellen, dass die Aussage “die Situation könnte schlimmer sein” unter bestimmten Umständen tatsächlich hilfreich sein kann. Allerdings darf man das Leiden von Menschen nicht ignorieren oder trivialisieren, so unbedeutend es auch erscheinen mag.

Es ist wichtig, jede Situation anzuerkennen und zu respektieren, die Menschen durchleben. Die Wahrheit ist, dass es sehr schwer für dich sein wird, anderen Menschen zu helfen, wenn du nicht verstehst, dass die Situation, die eine Person erlebt, bei ihr echtes Leiden und Ängste hervorrufen kann.

  • Taylor Shelley, Wood Joan (2002) It Could Be Worse: Selective Evaluation as a Response to Victimization. Journal os social issues. https://doi.org/10.1111/j.1540-4560.1983.tb00139.x